Schauspieler Max Riemelt : Von der Rolle

Max Riemelt ist mit 26 immer noch ein Jungstar. Jetzt könnte ihm im Kino mit "13 Semester - Der frühe Vogel kann mich mal" der Durchbruch gelingen.

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Linker Haken, rechter Haken. Filmschauspieler Max Riemelt. Foto: Twentieth Century Fox

In der Boxhalle ticken die Uhren anders. Alle paar Minuten ertönt ein schriller Hupton, das Signal für eine neue Übung. Es riecht nach Schweiß und Schlangensalbe. Kickboxen am Sonntagabend. Max Riemelt steht im Ring, er wirkt nicht so kräftig wie sein Gegner, aber er ist flink. Linker Haken, rechter Haken, sein Fuß kann höher treffen als die anderen. Athletisch sieht er aus. Riemelt trägt eine knielange Hose mit dem Schriftzug von Bushido darauf, rote gepolsterte Strümpfe, Mundschutz. Seine kurzen blonden Haare hängen in Strähnen in die Stirn. Er schuftet, und wenn er mit der Faust zielt, zischt er dabei wie eine Eisenbahn. Sechs Mal in der Woche geht er zum Training. Jedes Mal strengt er sich an, als wäre es ein Wettkampf. Man könnte auch sagen: Er gibt gerne alles.

Nach dem Training hat er Hunger. Es dauert nicht lange, dann kommt er frisch geduscht aus der Kabine. Er wirkt wie verwandelt. Die Anstrengung ist gewichen, sein Gesicht sieht weich aus, die Wangen, der Mund. Man fragt sich, wie so jemand harte Schläge austeilen kann. „Mein Wunsch war immer, Leute zu überraschen“, sagt er. „Ich habe versucht, die Regisseure zu überzeugen, in dem ich nie zehn Schritte im Voraus gedacht, sondern in jedes Projekt hundert Prozent reingelegt habe. Das ist wie beim Boxen: Man muss auf den Punkt konzentriert sein.“

Wir gehen in sein Lieblingscafé. Er bestellt ein Wiener Schnitzel und eine Ananasschorle. Alkohol trinkt er keinen. Das Café „Kuchenkaiser“ liegt in Kreuzberg, wo er wohnt. Dort herrscht abends eine Atmosphäre wie in einem Bahnhofslokal, gemischt mit der Sehnsucht nach karibischer Sorglosigkeit. Cool ist etwas anderes. Max Riemelt fällt hier nicht weiter auf, er muss nicht auf neugierige Blicke achten und kann locker sein. Er hasst es, wenn er sich verstellen muss. Er ist nicht der Typ, der mit Sonnenbrille ins Kino geht, sondern einer, der sich warm anzieht, wenn es draußen kalt ist.

In ein paar Tagen wird Max Riemelt 26 Jahre alt, bereits die Hälfte seines Lebens steht er vor der Kamera. Er ist mit einer Jugendserie im ZDF bekannt geworden, danach drehte er mit dem Regisseur Dennis Gansel die Teenagerkomödie „Mädchen, Mädchen“ und das Kriegsdrama „Napola“. Der Film über den boxenden Jungen an einer NS-Eliteschule brachte ihm 2005 auf der Berlinale den Titel „Shooting Star“ ein. Das ist nun fast fünf Jahre her, aber der Stern steht immer noch hoch am Himmel. Denn am Donnerstag kommt die Studentenkomödie „13 Semester – Der frühe Vogel kann mich mal“ ins Kino. Max Riemelt spielt darin einen Abiturienten aus Brandenburg, der sich zum Wirtschaftsstudium nach Darmstadt aufmacht. Während sein Freund darin vollends aufgeht, stürzt er sich vor allem in das Leben außerhalb der Uni: Partys, Mädchen, Auslandssemester in Australien.

„Es geht in dem Film um den Konflikt, dass der Mensch Zeit braucht, um sein Wesen zu entdecken, um herauszufinden, was er will und was er nicht will“, sagt Max Riemelt. Obwohl er nie studiert hat, ist ihm diese Phase sehr vertraut. Genau genommen macht er sie immer noch durch. Er muss lachen. „Man entdeckt sich ja immer wieder neu. Durch den Beruf bekomme ich so viel Input, lerne so viele Leute und Dinge kennen. Ich komme nie zur Ruhe, irgendwie.“

Das Wort „irgendwie“ benutzt er im Gespräch häufig, ungefähr genauso oft wie „sozusagen“. Als fiele es ihm schwer, sich festzulegen. Er hat eine Freundin und eine Tochter, aber Weihnachten und Silvester hat er mit einem Kumpel in Israel verbracht. Er versucht, zu allen nett zu sein, um mögliche Konflikte zu vermeiden. So könne man ihn nicht gleich durchschauen, meint er. Auch Regisseure haben immer ein anderes Bild von ihm: Für die einen ist er perfekt für die körperlichen Rollen, die anderen sehen in ihm den geheimnisvollen, stillen und nachdenklichen Typen.

Geboren wurde Max Riemelt 1984 in Ost-Berlin. Seine Eltern trennten sich ein Jahr später. Er war ein mieser Schüler. Ihn interessierte das Leben mehr als der Stoff, der in der Schule behandelt wurde. Als er 13 war, schickte ihn eine Bekannte mit seiner Stiefschwester zu einem Casting für eine neue Fernsehreihe. Er wurde zwar nicht genommen, aber man legte seine Akte in einer gerade gegründeten Schauspielagentur für Kinder und Jugendliche an. Dort ist er auch heute noch Mitglied. 1998 besetzte ihn das ZDF für die Jugendserie „Zwei allein“. Da war er 14 Jahre alt und hatte gleich 70 Drehtage zu absolvieren. „Danach bin ich in ein tiefes Loch gefallen“, erzählt er. „Ich konnte nicht verstehen, dass jeder von den Schauspielern plötzlich wieder seiner Wege ging. Ich dachte: Oh, das waren doch eben noch meine Freunde!“ Resigniert ging er wieder zur Schule. Die Schauspielerei war wie ein zweites Leben: Es hat mit dem anderen nicht viel zu tun.

Dennoch gibt es zwischen diesen beiden Leben mitunter Verbindungen, die ihn selbst erstaunen. Wie die mit Patrick und Michael aus Aschersleben. Sie sind genauso alt wie er. Als sie Max Riemelt in der Serie „Zwei allein“ gesehen hatten, waren sie so begeistert von ihm, dass sie einen Fanclub gründeten. Mittlerweile sind sie Mitte 20, Patrick ist Unternehmer und Michael studierter Historiker. Ehrenamtlich kümmern sie sich um Fans, beantworten Post und gestalten die Internetseite. Riemelt ist der Wirbel um seine Person eher unangenehm, aber die Beharrlichkeit der Jungs, ihre Treue rührt ihn. Einmal im Jahr lädt er die beiden nach Berlin ein. Dann essen sie in einem Restaurant.

Die Kinobilder von Max Riemelt lassen sich wie ein Album seines Lebens anschauen: Fotos von ihm als Junge, Teenager, junger Mann, Erwachsener. Er ist mit und in den Filmen groß geworden. Ein paar Mal hat er die Familie gewechselt, aber oft sind es dieselben Regisseure, mit denen er in den vergangenen 13 Jahren gearbeitet hat. Neben Dennis Gansel ist es Dominik Graf, der ihn gern besetzt. Für ihn stand er 2006 in „Der rote Kakadu“ vor der Kamera, im April läuft in der ARD sein Achtteiler „Im Angesicht des Verbrechens“, in dem Max Riemelt einen Polizisten spielt. „Die Regisseure sehen Sachen in mir, die ich auf Anhieb nicht mit mir in Verbindung gebracht hätte“, sagt er. „Aber wenn Dominik meint: Du bist jetzt ein Erwachsener, ein Polizist, dann glaube ich auch daran.“

Es ist schwer, über jemanden zu urteilen, der seine Zukunft noch vor sich hat. Max Riemelt ist zu jung, als dass man sich bereits an ihn gewöhnt hätte. Auf die Frage, wie seine Welt in zwanzig Jahren aussieht, sagt er lakonisch: „Ich hoffe, dass ich da noch lebe.“ Er will nichts erzwingen, es soll sich alles einfach entwickeln und kommen. Irgendwie.

Max Riemelt ist ab Donnerstag in „13 Semester – Der frühe Vogel kann mich mal“ im Kino zu sehen.

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