Kultur : Schöne Krankheit Kunst

Hollands Zeichenkunst im Kupferstichkabinett

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Foto: Jörg P. Anders
Foto: Jörg P. AndersFoto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB /

Wirtschaftswachstum, Reformen, blühende Kultur-Landschaften. Hollands Goldenes Zeitalter weckt nicht erst seit der Finanzkrise nostalgische Gefühle. Hinter dem kapitalistischen holländischen Modellstaat des 17. Jahrhunderts steckt die Utopie vom sinnvoll geordneten Gemeinwesen. Nach Kriegs- und Krisenjahren genossen die sieben Provinzen der nördlichen Niederlande, verkürzt Holland genannt, politische und ökonomische Stabilität in einer Zeit, in der Deutschland im Chaos des Dreißigjährigen Krieges versank. Das kam auch den bildenden Künsten zugute. Beeindruckend allein ist schon die große Zahl von Malern, Grafikern und Zeichnern, die damals tätig waren – und ihre hohe Durchschnittsqualität. Die Holländer waren kunstsinnig, ja bildersüchtig, lange bevor das Wort von der Bilderflut erfunden war.

„Aus Rembrandts Zeit. Zeichenkunst in Hollands Goldenem Jahrhundert“ heißt die feinsinnige, auf zartvioletten Wänden präsentierte Ausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts. Berlin verfügt über eine der besten Sammlungen außerhalb der Niederlande. Seit 1958 waren diese Schätze nicht mehr in angemessener Auswahl zu sehen. 111 Meisterzeichnungen hat Kurator Holm Bevers nun ausgewählt: von Rembrandt, dem Genie, der mit der Silberstiftzeichnung „Saskia als Braut“ eine Art Nofretete des Kupferstichkabinetts schuf. Von Berühmtheiten wie Jacob van Ruisdael oder Adriaen van Ostade, von begnadeten Provinzmeistern wie dem auf winterliche Genreszenen spezialisierten Hendrick Avercamp.

Naturalismus lautet die Zauberformel, mit der sich die Kunst der protestantischen Niederlande von den Konkurrenzkunstnationen Italien und Frankreich abhebt. Ein bürgerlicher, menschenfreundlicher, humorvoller, dabei oft stark moralisierender Geist weht durch diese Blätter, die im protestantischen Berlin des 19. Jahrhunderts geschätzt und gesammelt wurden. 1874 und 1902 gelangten mit den Sammlungen Suermondt und Adolf von Beckerath bedeutende Konvolute ins Kupferstichkabinett. Heute findet, abgesehen von Glücksfällen wie der 2007 geschenkten Sammlung des Zeitungsverlegers Christoph Müller, kaum noch etwas den Weg ins Museum. Hollands Goldenes Zeitalter: ein abgeschlossenes Sammelgebiet.

Offen und überraschend unkonventionell hingegen wirken die Blätter selbst. Seit den Anfängen der Kunsttheorie gelten Zeichnungen als intimster und spontanster Ausdruck künstlerischer Ideen. Die Zeichenkunst der Holländer kultivierte diesen exklusiven Blick: weniger als vorbereitende Studien zu Gemälden wie in Italien, sondern als autonome Arbeiten für den Kunstmarkt. Von Jahrhundertmalern wie Jan Vermeer oder Frans Hals sind ohnehin keine eigenständigen Zeichnungen bekannt. Sie arbeiteten direkt auf der Leinwand. Andererseits richteten sich selbst sogenannte Studienblätter wie Jacob de Gheyns Federzeichnung mit neun Köpfen eines jungen Manns von 1604 eher an Connaisseure und Sammler, denn an Schüler und Gehilfen. In Holland hatten Zeichnungen einen Markt.

Die Zeichnungen der Ausstellung gehören allein sich selbst: Wenn Jacob de Gheyn enthäutete Ratten und Frösche zum makabren Ballett vereint, wenn Willem Buytewech geduckte Bäume vor leerem Flachlandhimmel aufmarschieren lässt, dann feiern Naturbeobachtung und Erkenntnislust Triumphe. Wenn Jan Lievens einen englischen Hochadligen zugleich als Lebemann und Philosoph charakterisiert, und wenn der 15-jährige Moses ter Borch mit Rötelkreide einen Schiffsjungen festhält, dann obsiegt Menschenkenntnis über gesellschaftliche Konvention. Gelegentlich weist der subjektive Zugriff formal weit voraus, etwa wenn Jacob van Ruisdael die Küste von Zandvoort dramatisch aufgelöst wiedergibt. Oder wenn Constantijn Huygens eine Waldpartie im elterlichen Landschaftspark zur protoimpressionistischen Seelenlandschaft formt. Dann geht es um Licht, Weite, Tiefe, womöglich um Existenzielles der Schöpfung. Gott steckt im Detail. Man muss es nur zeichnen können. Michael Zajonz

Kupferstichkabinett, Kulturforum, bis 26.2.; . Di–Fr 10–18, Sa/So 11–18 Uhr. Katalog (E. A. Seemann Verlag) 24,90 €.

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