Setbesuch: Jan Henrik Stahlsberg dreht "Fikkefuchs" : Der Aufschrei des Würstchens

Jan Henrik Stahlberg provoziert gern. Der neue Streich des Regisseurs ist die Geschlechtersatire „Fikkefuchs“, die er gerade in Berlin dreht. Ein Setbesuch.

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Graefekiezler, Schauspieler, Vater, Mann - Jan Henrik Stahlberg, Jahrgang 1970.
Graefekiezler, Schauspieler, Vater, Mann - Jan Henrik Stahlberg, Jahrgang 1970.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Paulie hat die Ruhe weg. Quetscht sich einer im Treppenhaus an dem großen rotbraun gefleckten Hundevieh mit den Schlackerohren vorbei, hebt er nur kurz den Kopf. Auch den Kamera- und Tonmann, die ihn verfolgen, würdigt er kaum eines Blickes. Ob Paulie genug Sex hat? Das ist jetzt schwer zu sagen. Notgeil sieht der Rüde nicht aus. Bei dem Mann, der am anderen Ende von Paulies Leine hängt und fröhlich „Guten Tag!“ sagt, muss genau das angenommen werden.

Dass er unbefriedigt ist, so wie die meisten Männer, die längst nicht so begehrt werden, wie sie es wünschen. Weil sich die Frauen weigern, bei ihren verpornten Fantasien mitzumachen. Weil das Geschlechterverhältnis trotz Emanzipation und dem ganzen Gedöns nach wie vor ein Riesenmissverständnis ist. Weil es weder für Männer noch für Frauen politisch korrekt ist, einfach nur Sexobjekt sein zu wollen. Und weil Männer ob ihrer ständigen Unter- und Überforderung in dieser Sache arme, elende, zum Schweigen verdammte Würstchen sind. Das sind jedenfalls die Prämissen, die in dem gerade hier in diesem Kreuzberger Treppenhaus entstehenden Film „Fikkefuchs" verhandelt werden.

Der schlaksige Hundehalter in abgeschabter Lederjacke ist Jan Henrik Stahlberg, Autor, Regisseur, Hauptdarsteller. Genau genommen ist er gerade Richard Ockel, genannt Rocky, ein 49 Jahre alter alleinstehender Grafiker und in besseren Tagen als „größter Stecher von Wuppertal“ bekannt. Stahlberg spielt diesen Rocky, der überraschend Besuch von seinem ihm bis dato unbekannten 23-jährigen Sohn Thorben (Franz Rogowski) bekommt, mit einer Miene, die so graumeliert ist, wie seine Haarsträhnen.

Die Bluewater-Affäre ging in die Medienannalen ein

In „Bild 42, Treppenhaus Rocky, Tag 7, Innen/Abend“ ist nichts zu sehen von den glorreichen Aufreißerqualitäten, um deretwillen sich der sexuell frustrierte und zu allem Überfluss auch übergriffig gewordene Filius aufgemacht hat, den Vater um Schützenhilfe zu bitten. Dass der inzwischen ausgerechnet Prostatakrebs hat, ist nur eine von den Drehbuchwendungen, die die Geschlechtersatire zu einem typischen Stahlberg-Stoff machen.

Seit „Muxmäuschenstill“, „Bye Bye Berlusconi“ und der mit einer als „Bluewater-Affäre“ in die Medienannalen eingegangen Guerilla-Marketing-Kampagne beworbenen Satire „Short Cut to Hollywood“ ist sein Sinn für provokanten schwarzen Humor bekannt. Selbst die Deutsche Presseagentur fiel vor sechs Jahren auf die fingierte Bombenanschlagsmeldung in einer kalifornischen Kleinstadt rein. Und jetzt ist unter dem programmatischen Titel „Fikkefuchs“ also der Geschlechterkrieg dran.

Dienstag war Drehbeginn des No-Budget-Teams in Berlin. Schluss ist Ende Mai in Griechenland, wohin es Rocky und Thorben am Ende der – wie immer bei Stahlberg – auch mit pseudodokumentarischen Mitteln inszenierten Geschichte verschlägt. Gerade mal eine Handvoll Leute wuselt an diesem stahlblauen Donnerstag in der leer angemieteten Altbauwohnung. Keine Filmtrucks vor der Tür, keine Scheinwerfer auf dem Balkon, nur Kamera, Ton, Kameraassistentin, Cutterin, Hundetrainer, Regieassistentin und dann ist auch schon bald Schluss.

Rund gelutschte Film gibt's genug

Der Autor Wolfram Fleischhauer, der die Idee zu „Fikkefuchs“ hatte und Co- Drehbuchschreiber und Produzent ist, tippt auf seinem Handy herum. Produzentin Saralisa Volm turnt mit der Farbrolle in der Hand auf einer Leiter herum. Sie streicht vor der nächste Szene noch schnell Rockys Küche, die Stahlberg zu runtergerockt aussieht. Ein ausgeschlagenes Verleihangebot für „Fikkefuchs“ habe es schon gegeben, erzählt Volm, auch das Crowdfunding liefe gut, aber selbstverständlich würde der Film, der im nächsten Frühjahr herauskommen soll, ohne fremde Mittel zu Ende produziert.

Oder wie Jan Henrik Stahlberg es im Gespräch ausdrückt: „Das ist kein Common-Sense-Projekt, der Film soll rein und scharf bleiben.“ Er produziere lieber für kleines Geld, ohne Verleih, ohne Sender, ohne Förderung. „Ich wäre ja ein Idiot, zu so einer Lutschfabrik zu gehen. Rund gelutschte Filme, die jedem gefallen, die haben wir wahrlich genug.“ Ein Blick auf den „Fikkefuchs“-Trailer, der im Netz zur Verfügung steht, und sofort ist klar: Dieser Film wird ganz bestimmt nicht jedem gefallen. Und schon gar nicht jeder.

Das Pressematerial betrommelt den Film als „Satire über den Aufschrei des Hetero-Mannes, der ein Recht hat, zu wissen, wer er ist“. Gleich mal weiterreichen, die Frage. Wer sind Sie denn, Herr Stahlberg? Der 1970 in Neuwied geborene und seit 1999 in Berlin ansässige Vater eines Sohnes lacht. „Wenn ich das wüsste!“ Die Frage, um die es doch eigentlich gehe, sei, ob der Hetero-Mann überhaupt ein Recht auf so einen Aufschrei habe. Etwas, was der quecksilbrige, muntere Mann für sich offensichtlich mit Ja beantwortet hat. Zumindest als Satiriker. Und auch wenn er mit seiner Freundin schon kräftig über das Drehbuch gestritten hat. „Was hoffentlich hinterher alle Paare tun, die den Film sehen.“

Männer sind das schwache Geschlecht

Der Titel „Fikkefuchs“ ist übrigens abgeleitet vom „Schweigefuchs“-Handzeichen, mit dem Grundschullehrer gerne ihren Schüler ruhigstellen. Im Gegensatz zu Frauen, die nicht zuletzt durch Frauenzeitschriften und sonstige Ratgeberliteratur dazu angehalten würden, ihre Bedürfnisse – auch die sexuellen – zu artikulieren, seien Männer nach wie vor zum Schweigen verdammt. Untereinander und auch den Frauen gegenüber. Die gesellschaftlich postulierte Gleichbehandlung von Männern und Frauen hat daran nichts geändert, ist Stahlberg überzeugt. „Das macht sie komisch, manchmal auch erbärmlich und zum eigentlichen schwachen Geschlecht.“ Und zu idealen Helden eines Humors mit Haltung, wie er Jan Henrik Stahlberg schon blendend gelungen, aber auch schon krachend misslungen ist.

Ob er keine Angst davor hat, das ein Film mit diesem heiklen Thema missverstanden wird? Stahlberg schnaubt verächtlich. Man ahnt die Denkblase „Kleingeister, verdammte“, die über seinem verschmitzen Gesicht schwebt. Dass sei das Schreckliche am deutschen Film, dass immer ein Bedenkenträger daherkäme und sage, das könne aber nach hinten losgehen. „Klar, kann es das, das ist Satire!“

Ihm ist sein Dreh jedenfalls genug wert, um dieses Jahr bis mindestens Juni keinen Cent zu verdienen. Eine Freiheit, für die er letztes Jahr in vielen Fernsehrollen vorgearbeitet hat. Nicht jede davon war ein Ruhmesblatt, befindet er locker. Egal. Das kompromisslose Künstlertum des Jan Henrik Stahlberg findet nicht bei Fremdproduktionen, sondern hier am Set von „Fikkefuchs“ statt. Schön wär’s jedenfalls. „Ist jetzt Mittagessen?“, fragt er hoffnungsvoll die Regieassistentin. „Erst um eins, also in einer guten halben Stunde“, antwortet die. Der Regisseur und Hauptdarsteller seufzt: „Ich könnte kotzen, jetzt haben wir uns beim Drehen ganz umsonst beeilt.“

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