Sexismus-Debatte : Blinde Flecken auf dem Spiegel

Wer die Gründe für sexuelle Gewalt verstehen will, muss auch auf familiäre und gesellschaftliche Tabus schauen.

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Priorität Kinderschutz. Die meisten Übergriffe gehen von bekannten Personen aus.
Priorität Kinderschutz. Die meisten Übergriffe gehen von bekannten Personen aus.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Alle naslang ein Skandal, ein Fanal. Sexisten sind unter uns! Belästiger von Frauen und Kindern, Übergriffige, Vergewaltiger, Pornokonsumenten. Ja, dieser beliebte Sporttrainer, der war’s. Oder der ehrenwerte Priester, der unbekannte Ausländer, der bekannte Filmproduzent, der steinreiche Popstar und sogar der seriöse Politiker.

Schlimm, schlimmer, am ärgsten! Nun muss endlich Schluss sein! Fast jedes Mal deuten die Skandalfinger auf die schimpfliche Ausnahme, den Einzelfall, den Ausreißer. Ausgerechnet der! Wer hätte das gedacht?! Angesichts kollektiver Fälle formiert sich ein Bündel von Skandalwegweisern und zeigt auf das „unerklärliche“ Cluster, die Häufung von Einzelfällen, nicht nur in frommen wie säkularen Internaten, Heimen, Anstalten, sondern auch in Büros aller Branchen.

Auf allen Kontinenten kamen und kommen Taten ans Licht

Die jüngere Gegenwart wird von Enthüllungen über sexualisierte Gewalt überrollt, die sich zu einer Kette aus Hypes addiert. Sind prominente Individuen und Institutionen im Spiel, expandiert die mediale Dynamik, das Thema wandert in Tagesschau, Talkshows und Tatort. Vom Canisius-Kolleg über die Odenwaldschule zu den Regensburger Domspatzen reicht die Kette, vom BBC-Star Jimmy Savile zum Hollywood-Mogul Harvey Weinstein. In Portugal wurde 2008 ein Pädophilenring der staatlichen Heimkette „Casa Pia“ ausgehoben, Mittäter waren ein TV-Moderator, ein hochrangiger Diplomat, ein renommierter Arzt. In London verschwanden mit Akten aus den 80er Jahren Belege für die Beteiligung von Regierungsbeamten am Westminster- Skandal. Auf allen Kontinenten kamen und kommen Taten ans Licht. Erste Schritte werden gegangen auf dem Weg zu mehr Wissen über unsere Gesellschaften. Doch es sind nur kleine Schritte, allererste.

Thrill und Empörungsgenuss verdecken das volle Bild

Da blickt die Gattung in der Gegenwart verstört in den Spiegel: Was ist bloß los? Woher die viele sexuelle Gewalt? Angeboten wird als Antwort: Die Gewalt lauert da draußen, in den Büros, Schulen und Heimen, den Vergnügungsorten und Vereinen. Da draußen treiben einige Schweinekerle, ihr Unwesen. Wir, die Mehrheit, müssen sie, die Anderen, zu fassen kriegen. Dann hört das auf! Doch der Spiegel hat blinde Flecken und die wahrere Antwort lautet anders. Sie liegt in den tieferen Tabus, unter den opaken Stellen des Spiegels. Was sich darunter verbirgt, das bietet weder medialen Thrill und Empörungsgenuss noch spontane Hashtag-Befriedigung. Das volle Bild ist komplexer, schmerzhafter, und eben darum tabubehafteter, als die alltägliche, mediale Konsumierbarkeit bisher erlaubt. Indem man die Taten umwidmet zur Sensation, hält man sich das Thema im Wortsinn vom Leib. Es wird aufgegriffen, aber nicht begriffen. Darum haftet der Hype-Dynamik etwas fast Rührendes an, denn sie enthüllt und verhüllt zugleich, sie ist in sich ein sprechendes Symptom, das nur durch Auslassung offenbart, um welche Tabus es im Kern geht. Es sind viele, ihre Genese ist vielfältig. Sie lassen sich in der Kürze nur skizzieren.

Über 90 Prozent aller sexuellen Delikte geschehen im engsten Kreis

Das erste Tabu: Sexuelle Gewalt entsteht in erster Linie in den Familien, im intimen Umfeld. Private Intimräume sind weltweit die Treibhäuser sexualisierter Gewalt. Keineswegs existiert die Gewalt „da draußen“ bei devianten Delinquenten oder dysfunktionalen Institutionen. Sie entsteht vielmehr drinnen, mitten in der Gesamtgesellschaft. Eine Unicef-Studie von 2016 schätzt, dass allein 120 Millionen Mädchen weltweit sexuelle Gewalt in erheblichem Ausmaß erfahren. Hinzu kommen viele Jungen. Längst wurde das endemische Vorkommen sexueller Gewalt faktisch ermittelt – öffentlich aber nur marginal vermittelt. Mehr als 90 Prozent aller sexuellen Delikte werden erwiesenermaßen in Familien und in deren Umfeld begangen. Hier geschehen die aktuellen Taten, hier entstehen die späteren Täter; im Norden und Süden, im Westen und Osten der Welt, wenn auch auf je unterschiedliche Weise.

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