Silke Scheuermann: Gedichtband "Skizze vom Gras" : Schöpfungsgedichte

Silke Scheuermanns Gedichte schreiben Naturgeschichte. Ihn ihrem vierten Band „Skizze vom Gras“ beschreibt sie das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung - mit verblüffend leisen Tönen, die umso intensiver klingen.

von
Silke Scheuermann.
Hölty-Preisträgerin 2014. Für die „Skizzen“ erhielt Silke Scheuermann die höchstdotierte deutsche Lyrikauszeichnung.Foto: Kirsten Bucher

Fabeltiere vagabundieren durch ihre Verse. Seit Silke Scheuermanns Lyrikdebüt 2001 gehören dazu Mischwesen aus Mythologie und Cyberspace. Stets hält die 1973 in Karlsruhe geborene und heute in Frankfurt am Main lebende Autorin ihr animalisches Karussell in Schwung, drapiert es mit Effekten aus Gruselkabinett und Zirkus. Ihr vierter Gedichtband verblüfft nun mit leiseren Tönen, die umso intensiver klingen.

Schon der Titel „Skizze vom Gras“ verspricht Schlichtheit, und die Komposition signalisiert Klarheit: sechs Kapitel, die um das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung kreisen, das Werden und Vergehen der Arten. Das Böse, das Hässliche und das Schöne gehören dazu. Zwei Kapitel sind ausgestorbenen Tierarten sowie Pflanzen und Gärten gewidmet. Auch Werke der Malerei finden Eingang.

Wie sehr Silke Scheuermann überdies mit dem Theater vertraut ist, zeigen szenische Gedichte mit Figurenrede von Commedia-dell’arte-Typen. Ein Zwischenkapitel mit Porträt-Gedichten verbindet Flora und Kunstfiguren durch symbolische Sträuße. Diese gestenreichen Verse erzählen Geschichten aus unterschiedlichen Milieus.

Chaos und Form

Alles ist miteinander verbunden durch Gedanken zu „Flora und Zephyr“, wo Leben, Liebe und Tod sowie das Verhältnis von Chaos und Form tiefgründig und zugleich zauberisch leicht bedacht werden. Umrahmt hat Scheuermann das Beziehungsgeflecht der Themen, Sujets und Motive mit einem Prolog- und einem Epilog-Gedicht.

Die nachdenklichen Töne des Prologs „Die Ausgestorbenen“ und das erste Kapitel „Zweite Schöpfung“ knüpfen an frühere Gedichte an. Schon im „Lied von den geretteten Tieren / die nicht mehr vom Schiff wollten“ (2007), wo die vor der Sintflut geretteten Tiere sich weigern, von der Arche an Land zu gehen, steht die sich verändernde Natur für einen Zeitenwandel.

Die Endzeit der Zivilisation, die Ingeborg Bachmann einst in „Thema und Variation“ anklingen ließ, gibt es in Scheuermanns Gedichten indes nicht, vielmehr Prozesse des Werdens und Vergehens, die Gegenwart als Zeit des Artenschwundes. Die Autorin führt Momente vergangener Erdzeitalter und gegenwärtig erlebter Alltags-Augenblicke zusammen. Das macht den elegischen Ton aus. Die neuen Gedichte orientieren sich mehr als alle vorangegangenen an naturwissenschaftlich belegten Fakten, sind aber zugleich spekulativer und visionärer.

Silke Scheuermann thematisiert das Verschwinden der Arten

Silke Scheuermann begann schon in „Über Nacht ist es Winter“ das Verschwinden der Arten zu thematisieren. Ihre „Martha, letzte Wandertaube der Welt“ begegnet dem Leser hier erneut, dazu andere, vor langer Zeit ausgestorbene Tiere wie Mammut, Säbelzahntiger und Höhlenlöwe, Dodo und Uraniafalter. Sie alle werden im erinnernden Gedicht aufgehoben – wie einst die immer seltener werdenden Schmetterlinge im Sonettenkranz „Das Schmetterlingstal“ der großen Dänin Inger Christensen.

„Zweite Schöpfung“, das bezieht sich sowohl auf die bewahrenden Kräfte der Poesie als auch auf eine Rekonstruktion der Verlorenen durch Genforschung. Das Ich spricht das Tier voller Empathie an, reflektiert die Hintergründe seines Verschwindens und trauert über Unwiederbringliches. Damit grenzt es sich gegen biotechnologische Experimente ab: „Dies ist die Freiheit / unserer Art, neue, andere Arten zu machen. / Gott hat uns mit einem Bausatz beschenkt.“

In „Letzte meiner Art“ spricht eine Liebende der Spezies Mensch in einem Kreislauf von Gewalt und Angst. Anderes aus dem religiösen Bereich ist im Tierkapitel wohlplatziert, Wörter wie Schöpfung, Gnade, Seele, Gott. Das Paradies in „Floras Lied“ ist ein verwunschener, lebloser Ort: „Es galt im Paradies ein Nichtsterben und / Nichtwerden, schieres Dasein ohne Sorge.“

Silke Scheuermann: Skizze vom Gras. Gedichte. Schöffling&Co, Frankfurt a.M. 2014. 104 Seiten, 18,95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben