Skulpturen-Triennale in Bingen : Im Tal der Schaufensterpuppen

In unserer Sommerserie stellen wir lohnende Kunst-Ziele in Deutschland vor. Diesmal: Die Skulpturen-Triennale in Bingen am Rhein dreht sich um das Thema „Mensch und Maschine“.

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Licht und Schatten: Nuria Fuster spielt in "Falter Doblador" mit der Schwerkraft.
Licht und Schatten: Nuria Fuster spielt in "Falter Doblador" mit der Schwerkraft.Foto: Triennale/D. von Becker/VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Alle schauen nach Berlin, wir meistens auch. Dabei finden sich abseits der Metropole viele sehenswerte Ausstellungen und Kunstprojekte. Manche davon stehen als Solitäre für sich, andere krempeln das Bild einer ganzen Stadt um. In unserer Sommerserie stellen wir lohnende Ziele in Deutschland vor. Bisher erschienen: Die Sammlung Grässlin in St. Georgen, die Antiquitätentage in Bamberg und die Arthena Foundation in Düsseldorf.

Der Saab im Park gibt Rätsel auf. Man hat ihn gut sichtbar abgestellt, das Auto trägt turmhoch Gepäck auf dem Dach, aber sein Besitzer ist nirgends zu sehen. Dafür verdirbt das alte und etwas schäbige Modell die Idylle an Rheinkilometer 529: Es stößt den Spaziergänger mit der Nase darauf, dass er sich nicht einmal mehr im ordentlichen Grün der Weinstadt Bingen erholen kann, ohne mit den globalen Realitäten – Flüchtlingsströmen, Migranten, Armut – konfrontiert zu werden.

So etwas mischt auf, und die in Köln lebende Künstlerin Anne Fasshauer hat auch keinen Moment daran gedacht, der Skulpturen-Triennale knappe zweihundert Kilometer stromaufwärts als Feigenblatt für eine Sommerschau zu dienen, mit der sich die Stadt angenehm möblieren lässt. Genauso wenig wie André Odier und Lutz Driever vom Verein der Freunde der Nationalgalerie, die aus Berlin angereist sind, um das Projekt wie schon 2011 gemeinsam mit der Künstlerin Gisela Klippel zu kuratieren.

Sie haben Birgit Dieker eingeladen, ihre fünf Meter hohe Rakete „Crazy Daisy“ aus Schaufensterpuppen aufzustellen; weithin sichtbar als skulpturaler Fingerzeig und spöttischer Verweis auf Kampfflieger, deren Spitzen gern mit Bildern von Pin-up-Girls verziert werden. Eine Uhr von Via Lewandowsky spielt im Außenraum verrückt und lässt die Zeiger unaufhörlich kreisen. Rückwärts allerdings, so dass sie zu einem surrealen Memento mori wird: Obwohl die Zeit die Möglichkeit vorgaukelt, lässt sie sich nicht zurückdrehen. Schwer beschäftigt ist mit solchen Problemen nicht bloß jenes Mädchen, das im T-Shirt mit dem Aufdruck „Speaker“ neben Anne Fasshauers „Auto“ (2014) steht und tapfer erklärt, was es mit dem Readymade auf sich hat. Auch die übrigen Schüler des Stefan-George-Gymnasiums, die sich während der Triennale als junge Kunstvermittler betätigen und den Dialog mit Spaziergängern suchen, kommen ganz schön ins Schwitzen.

"Mensch und Maschine" im Rheintal

Denn hier treffen Welten aufeinander. Ein noch immer romantisches Bingen im Rheintal konfrontiert sich mit überwiegend international agierenden Künstlern, die das Thema „Mensch und Maschine“ auf diverse Arten beleuchten. Ihre Interpretationen wecken mitunter Aggressionen, wie an manchen Arbeiten sichtbar wird.

Dabei hat etwa Amélie Grözinger mit „Engrailed Consecution“ gleich eine Arbeit zum Mitmachen aufgestellt: einen Speckstein, der beschriftet werden soll, um die Ausstellung in individuellen Spuren zu verdichten. Bei dem ohnehin zerbeulten schwarzen VW-Scirocco mit dem Titel „7.3.1983“ war von Anfassen dagegen nie die Rede. Philip Grözingers Skulptur soll vielmehr daran erinnern, wie verletzlich der Körper auch im Blechkostüm ist, dessen beklagenswerter Zustand nun Fledderer anlockt. Die Triennale hält solche Widersprüche aus.

Der Turmbau zu Nabel. Die Skulptur „Crazy Daisy“ von Birgit Dieke.
Der Turmbau zu Nabel. Die Skulptur „Crazy Daisy“ von Birgit Dieke.Foto: Triennale/D. von Becker/VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Was auch daran liegt, dass das aufgeräumte Areal zwischen Rheinfähre und Mäuseturm bis vor wenigen Jahren eine Industriebrache war. Mit Schienen und Kränen eines ehemaligen Güterbahnhofs, der den Zugang zum Wasser unmöglich machte. Erst die Landesgartenschau von 2008 brachte Grün und eine Promenade. Und schon damals entschied man, die Reste der Vergangenheit an vielen Stellen lesbar zu lassen. Das Werk „Johann Stroth & Söhne – Fabrikation für Gartenzwerge“ von Iskender Yediler fügt sich nahtlos in dieses Szenario: eine unterirdische Manufaktur, von der man nur den verkleinerten Schornstein und drei Sheddächer sieht. Bloß aus der Tiefe dringen Geräusche, die nahelegen, dass unter dem Rasen hart gearbeitet wird.

Zur Fabrik gesellen sich die dekorativ verzierten Kanonen des Berliner Künstlers Uwe Henneken mit Titeln wie „The False Truelove“ oder „Rumbling Rose“ (beide 2008) als Symbole einer frühen Technisierung des Kriegs. Und ebenso als ironische Anspielung, denn die Städte am Rhein dekorieren ihre öffentlichen Räume ebenfalls gern mit historischen Waffen. Sie stoßen auf einen „Großen Nagelkopf“, den Rainer Kriester in den frühen achtziger Jahren als klassische Skulptur schuf – ein Werk, das man hier wiederentdeckt, obgleich sich in Berlin mehrere Arbeiten des 2002 verstorbenen Bildhauers verteilen.

22 Werke werden ausgestellt

Einen Zwitter, halb Mensch und halb Maschine, stellt die Eisenplastik des polnischen Künstlers Zbigniew Fraczkiewicz dar, sein „Antimensch“ entstand um 1987 und konkurriert im Park mit Nuria Fursters großer gebogener Stahlskulptur „Falter Doblador“, die Schatten spendet, wenn man der Schwerkraft vertraut und sich unter ihr Dach begibt. Klassisches kommt von Markus Lüpertz in Gestalt eines „Herkules“, während Patricia Waller mit ihren Häkelarbeiten der Serie „Handycap“ (1996–2005) den Besucher herausfordert und hilfreiche Utensilien wie einen Rollator zum künstlerischen Monument einer alternden Gesellschaft erklärt.

22 Werke sind es in diesem Jahr geworden. Dass sie in Bingen stehen, verdankt sich vor allem der „Gerda und Kuno Pieroth Stiftung“, die die Triennale trägt und zu großen Teilen finanziert. Der Unternehmer, einer der großen Weinhändler am Ort, hat sie 2007 vor der Landesgartenschau gegründet, als die erste Skulpturenschau stattfand; damals noch mit lokalem Bezug. Längst ist das Projekt gewachsen, der Aufwand immens gestiegen, nicht bloß wegen des begleitenden Katalogs oder der kostenlosen App, die durch den Park führt und alle Arbeiten erläutert. Zur Eröffnung betonte Pieroth aber auch, dass er sich künftig neue Unterstützer wünsche. Es wäre schade, wenn das ambitionierte Projekt am Rhein keine Zukunft hätte.

Skulpturen-Triennale Bingen, Rheinufer (Park am Mäuseturm bis Hafenpark), bis 5.10., www.skulpturen-bingen.de

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