Songpoetin Andrea Schroeder im Lido : Keine Note zu viel

Andrea Schroeder schafft es, mit ihren bittersüßen Liedern Herzen zu berühren, aufzuwühlen und mitzunehmen. Im Lido bezauberte sie mit Band das Publikum.

von
Andrea Schroeder.
Andrea Schroeder.Foto: Dixie Schmiedle

Das Bühnenlicht ist gedämpft auf blaunebelig. Zu weichmolligen Akkorden einer Akustikgitarre und rumpeligem Pochen von Tom-Tom-Trommeln atmet Andrea Schroeders tiefe Stimme und malt das erste poetische Klanggemälde in den Abend: „When the red and golden colors / Shine into my mind / The sky is burning / and hell is going on / No painting can resist / and no heavenly clouds / I will paint it blue again / And again / and again.“ Ganz ruhig, ganz langsam und entspannt baut sich traumhafte Dynamik auf. Mit unterschwelligen Bassmelodien, stehenden Tönen, sinfonisch drübergestrichener Viola und dazwischen schwebenden Keyboards.

„Paint It Blue“ stammt vom fabelhaften Debütalbum „Blackbird“, mit dem die Songpoetin Andrea Schroeder und ihr dänischer Partner Jesper Lehmkuhl vor etwas über einem Jahr in Berlin aufgetaucht sind. Ganz plötzlich, wie aus dem Nichts. Von wo sie mit ihren bittersüßen Liedern binnen kurzer Zeit mächtig viele Leute erreicht, berührt, Herzen aufgewühlt und mitgenommen haben. Ohne große Pose steht die formidable Sängerin im schwarzen Kleid mit bepelztem Kragen hinterm Mikro, lacht bezaubernd und freut sich über die stürmische Zustimmung aus dem Auditorium, und dass das Lido voll geworden ist zum Tourneeabschluss.

„Summer Came to Say Goodbye“ ist ein Lied vom neuen Album „Where The Wild Oceans End“, das den Vorgänger noch überstrahlen konnte mit weiteren Glanzlichtern. Aus sparsamen Country-Gitarren- und Orgelakkorden und einer unaufdringlich tiefdunklen Stimmfärbung entwickelt sich der Song ruhig und langsam, türmt sich auf zu dräuenden Klangwolken, aus denen sich schließlich ein stürmisch rauschender warmer Sound-Regen ergießt. Die Arrangements sind exquisit, das Klangbild ist brillant, die Band eine eingeschworene Einheit. Keine Note zu viel, kein Ton zu wenig, kein falscher Tand.

Chris Hughes findet immer die richtige Dosierung am Schlagzeug zwischen samtiger Gedämpftheit und hartem Knallen. Dave Allen verankert den Bass im tiefen klaren Grund. Mike Strauss versteht sich auf wogende Hammond-Sounds wie auf sparsam einzelne Töne, wenn das Piano mittendrin nur einmal kurz pling macht. Die Violinistin Catherine Graindorge dient den Songs mit virtuoser Vielfalt, von melodiös klassischer Schule bis zu wüstem avantgardistisch metallischem Sirren und gläsernem Geigen-Schreien. Und natürlich die hervorragenden Gitarren von Jesper Lehmkuhl, die alles verbinden und zusammenhalten. Eine klare Konzertgitarre, gelegentlich zu wunderbarem Getwängel verzerrt. Überwältigender Jubel nach wundervollen anderthalb Stunden und einer umwerfenden Version von Bowies „Helden“. Andrea Schroeder und ihre Band sind ganz sicher Helden für mehr als nur einen Tag.

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