Kultur : Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille

Wolfgang Leonhard und Hermann Weber erinnern im Willy-Brandt-Haus an den 17. Juni 1953

Tobias Lübben

Rar sind die Momente der deutschen Geschichte, in denen das Volk selbst ungefragt die Stimme erhob. 1848 war es so, zum Teil auch 1919, gewiss aber am 17. Juni 1953. Damals machten sowjetische Panzer dem ostdeutschen Volksaufstand am zweiten Tag ein Ende. Dabei hätten die Ereignisse vom Juni ’53 ein „Wendepunkt der Geschichte“ werden können – im „klassisch revolutionären Stil von 1789 oder 1848“, wie Sebastian Haffner seinerzeit im britischen „Observer“ frohlockte. Anderthalb Millionen Menschen in fast allen Regionen der DDR haben sich damals an den Protesten beteiligt. Heute noch verblüfft die Geschwindigkeit, mit denen sich der Streik Berliner Bauarbeiter gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen zum Massenaufstand gegen ein stalinistisches Regime entwickelte.

Zum Auftakt der Veranstaltungsreihe, mit denen die 50. Wiederkehr des 17. Juni 1953 vorbereitet wird, diskutierten im Berliner Willy-Brandt-Haus, eingeladen von der SPD und Verdi, die beiden Stalinismus-Experten Wolfgang Leonhard und Hermann Weber. Der 17. Juni war kein „Tag X“, minuziös geplant von faschistischen Verschwörern, wie die DDR-Regierung behauptete, sondern ein Manifest demokratischen Widerstandsgeistes. Und nicht ohne Witz – Berühmtheit erlangte die Parole: „Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille“(gemeint waren Ulbricht, Pieck und Grotewohl).

Die solche Parolen skandierten, wussten nicht, wie nahe sie daran waren, ihren (Un-)Willen durchzusetzen. Schon am Nachmittag des 16. Juni eilte Ulbricht mit seinen Getreuen zum sowjetischen Hochkommissar Lawrentij Semjonow nach Karlshorst. Das nahe politische Ende vor Augen, ersuchte er um rasches militärisches Eingreifen und – Flugtickets nach Moskau. Semjonow zögerte. Nachdem der große Stalin tot war, hätten sich die Sowjets auch von dem Kleinen gern getrennt. Erst am Nachmittag des 17.ließen sie ihre Panzer auffahren und retteten Ulbricht.

Der 17. Juni hätte ein Wendepunkt werden können. Ein halbes Jahrhundert später lässt sich nun spekulieren: Was hätte das Volk damals noch alles gesagt, wenn man es hätte aussprechen lassen? Wollte es die deutsche Einheit, wie man im Westen sogleich erkannt zu haben glaubte? Wolfgang Leonhard, Kommunismusforscher und Ex-Kommunist, bestreitet das. Der Protest habe einem Regime gegolten, das auch nach Stalins Tod nicht aufhören wollte, stalinistisch zu sein. Nach Freiheit habe man verlangt, nicht nach Einheit. Hermann Weber, der an der SED-Kaderschmiede „Karl Marx“ Leonhards Schüler war und nun gleichfalls Historiker ist, widerspricht: Die Forderung nach freien Wahlen lief auf die Forderung nach nationaler Einheit hinaus.

Ob man den Volksaufstand in die Tradition deutscher Freiheitskämpfe von 1848 und 1918 stellt wie Weber oder in die des Widerstands gegen kommunistische Regime in Osteuropa wie Leonhard – das Publikum nimmt beide Deutungen dankbar auf. Beide Zeitzeugen einigen sich auf die Formel: „Auf den 17. Juni 1953 können die Deutschen stolz sein.“

Weitere Veranstaltungen: Podiumsgespräch über den „17. Juni und die Künstler“ (26.Mai, Akademie der Künste); „Die lange Nacht des 17. Juni“, ein multimediales Schauspiel auf dem Gelände des ehemaligen Untersuchungsgefängnisses Berlin-Hohenschönhausen (16. Juni) .

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