Kultur : Spring, und du wirst aufgefangen

Berliner Schauspieler haben viel Konkurrenz. Elf von ihnen gründeten jetzt ihre eigene Company und proben für die Start-Premiere.

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Unterwegs zu neuen Ufern. Die Santinis-Mitglieder Claudia Eisinger, Leslie Malton, Ivan Vrgoc und Alessija Lause (v. l.). Foto: Georg Moritz
Unterwegs zu neuen Ufern. Die Santinis-Mitglieder Claudia Eisinger, Leslie Malton, Ivan Vrgoc und Alessija Lause (v. l.). Foto:...Foto: Georg Moritz

Ohne Larry Moss gäbe es die Santinis nicht. Der amerikanische Acting Coach hat schon eine ganze Reihe von Menschen inspiriert, darunter Leonardo DiCaprio, der vom enzyklopädischen Wissen dieses Lehrers schwärmt, oder Helen Hunt, die dem Mann in ihrer Oscar-Rede dankte. Und nun ist Moss eben auch dafür verantwortlich, dass elf Schauspielerinnen und Schauspieler sich in Berlin zu einer Gruppe namens Santinis zusammengeschlossen haben, die einen bemerkenswerten Aufbruch wagt. Sicher, der Company- Gedanke hat Tradition, Ariane Mnouchkine hat ihn genau so vorgelebt wie Peter Brook. Aber hier schart eben nicht ein Produzent oder Regisseur seine Getreuen um sich, sondern Schauspieler nehmen ihre Geschicke in die Hand und suchen sich ihre Stoffe und Regisseure selbst. „Ich wage zu behaupten: Das ist in Deutschland einzigartig“, so die gebürtige Amerikanerin Leslie Malton.

Kennengelernt haben sich die Santinis- Mitglieder in Workshops, die Larry Moss in Berlin gegeben hat. Der Coach muss wahrhaftig ein Könner sein. „Er hat mein Leben verändert“, stellt Schauspielerin Alessija Lause pathosfrei fest. „Er hat mich daran erinnert, warum ich diesen Beruf überhaupt ausüben wollte. Das ist mir unterwegs ein bisschen verloren gegangen“, sagt Claudia Eisinger, die bis 2011 festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater war. Und Ivan Vrgoc, der in der ersten Santinis-Arbeit nicht nur auftritt, sondern sie auch als Produzent verantwortet, berichtet vom entscheidenden Motivationsschub, den er in Workshops erlebt hat: „Soll ich mich halbherzig irgendwo bewerben, oder ein Engagement annehmen, nur weil es mir die Miete zahlt?“ Wo er doch von Gleichgesinnten umgeben war, deren Energie und Begeisterungsfähigkeit ihn beim Probieren mitriss. Mit denen er am liebsten sofort auf die Bühne wollte. Worauf warten? Das war die Geburt der Santinis.

Der Name der Gruppe ist einer Szene aus Neil Simons „The Prisoner of Second Avenue“ entlehnt. Darin kehrt ein Mann in sein Apartment zurück und findet es komplett ausgeräumt vor, dabei war er bloß eine Stunde weg. Wie kann es sein, fragt er sich, dass die sieben Santinis eine Woche gebraucht haben, den Hausrat in den 17. Stock zu schleppen – und nun ist in Rekordzeit alles fortgeschafft? „Santinis, das klingt nach Zirkus, nach Spaß, nach Leidenschaft“, findet Vrgoc.

Vom Autor Neil Simon stammt auch das Stück, dass die Santinis sich für das Debüt gewählt haben: „Rumors“, zu Deutsch: „Gerüchte, Gerüchte“, Premiere ist im Januar kommenden Jahres im koproduzierenden Ku’damm-Theater. Als prominenter Gast spielt auch Maria Furtwängler mit. Den Text hat Alessija Lause entdeckt, die Gesellschaftskomödie eignet sich schon deshalb perfekt, weil sie acht gleichberechtigte Hauptrollen bietet. Das kommt dem demokratischen Gedanken der Company entgegen. „Rumors“ erzählt von vier High-Society-Paaren, die auf einer zunehmend aus dem Ruder laufenden Party versuchen, Würde zu bewahren. „Wie Könige, die man aufs Glatteis führt“, so Vrgoc.

In der Gruppe, die seit dem Frühjahr besteht, haben sich Suchende gefunden. Sie wollen Geschichten erzählen, die berühren, so einfach, so herausfordernd. Nach der Larry-Moss-Philosophie: „It’s not about you, it’s about the author and the play“, es geht nicht um dich, sondern um den Autor und das Stück. „Ich habe es satt, im Theater Dekonstruktion zu sehen“, sagt Leslie Malton, die lange Jahre mit George Tabori gearbeitet hat. Ein weiteres bekanntes Problem des etablierten Betriebs: dass Regisseure dort oft in erster Linie mit ihrer eigenen Handschrift sichtbar werden wollen. Dem begegnen die Santinis mit ihrer künstlerischen Unabhängigkeitserklärung. Keine Regiedominanz, keine starren Strukturen mit vorgegebenen Probenzeiten, sondern gelebter Ensemblegeist. Die Perspektive: nach oben offen. Eisinger und Malton, die derzeit viel vor der Kamera stehen, sind in der ersten Produktion noch gar nicht dabei. Trotzdem haben sie sich der Gruppe bereits angeschlossen, schon das beweist das Vertrauen, das hier herrscht. Sicherheitsdenken, findet Alessija Lause, führe doch zu nichts: „Spring, und das Netz taucht auf.“

Mut beweist auch Ivan Vrgoc, der sich als „Rumors“-Produzent Gelder von Freunden und gut verdienenden Kollegen geliehen hat. Er glaubt fest an das Projekt, er weiß, dass sie alle hart arbeiten werden. Und er besitzt Überzeugungskraft. Noch so ein Larry-Moss-Satz: „You need to have a talent for your talent“. Dass Vrgoc dieses Talent fürs Talent besitzt, zeigt schon seine eigene Biografie. Er ist der Sohn kroatischer Einwanderer, die Mutter Putzfrau, der Vater Maurer, der Weg zur Schauspielerei war ihm nicht vorgezeichnet. Aber schon die Geschichte seiner Bewerbung an der Schauspielschule in Frankfurt am Main ist bühnenreif. Er hatte sich unter anderem ein Reclamheft von „Romeo und Julia“ besorgt, aus dem er während der Prüfung mit verstellten Stimmen vorzulesen begann. Dass man Rollen auswendig können sollte, hatte in den Bewerbungsvorgaben nirgends gestanden. Ein fassungsloser Juror eröffnete ihm danach, seine Begabung könne er nicht beurteilen, aber ihm fehle offensichtlich der Wille. Womit er einen neuralgischen Punkt getroffen hatte. „Was weiß der von meinem Willen?“, dachte sich Vrgoc. Und: „Jetzt erst recht“. Er schaffte dann über eine private Schule den Einstieg in den Beruf.

Natürlich wollen die Santinis auch kommerziellen Erfolg haben. „Aber nicht, weil ich mir ein Auto kaufen will“, so Vrgoc. Sondern weil ja längst über „Rumors“ hinausgeplant wird und der mögliche Gewinn gleich in die nächste Produktion investiert werden soll. Die Santinis könnten sich vorstellen, dafür einen Autor zu suchen, der eigens für sie ein Stück schreibt. Erst wenn man sich Ziele setzt, über die alle anderen den Kopf schütteln, darin sind sich die Schauspieler einig, ist man auf dem richtigen Weg.

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