Kultur : Stalins Schatten

Benedict Maria Mülder

Die große Säuberung: Das war Mitte der dreißiger Jahre für die Deutschen im Moskauer Exil auch der von Stalin angeordnete Vernichtungskrieg gegen die trotzkistischen, konterrevolutionären Gegner und die faschistischen Agenten. Inge von Wangenheim und ihr Mann Gustav, Regisseur und Schauspieler, der sich 1922 als transsilvanischer Reisender in Murnaus "Nosferatu" einen Platz in der Filmgeschichte gesichert hatte, lebten seit 1933 in Moskau und entgingen dem Stalinschen Inferno auf eine für andere gefährliche Weise.

1954 schrieb Inge von Wangenheim in der DDR über ihre Moskauer Erfahrungen 1936: "Im Sommer hatte der kalte Krieg seinen Höhepunkt erreicht, und so trieben die vom Volk isolierten Anhänger des politischen Banditentums unaufhaltsam ins Verderben." Nicht wenige aus dem kommunistischen Umfeld der Wangenheims gehörten dazu. Das schneidige Urteil über die vermeintlichen Parteifeinde gab den später in der DDR herrschenden Ton an. Betroffene, Zeugen, Verwandte wagten nur im kleinen Kreis, an den Krieg gegen die eigenen Genossen zu erinnern.

Der Historiker Günter Agde hat mit dem "Kämpfer" (Verlag Das Neue Berlin) eine akribische Detailstudie über diese finstere (Film-)Epoche vorgelegt. "Kämpfer" heißt auch ein 1936 in Moskau von Gustav von Wangenheim produzierter Film, der neben dem kommunistischen Widerstand vor allem den Komintern-Funktionär und Helden der internationalen Arbeiterbewegung Georgi Dimitroff rühmt. In dem rasant geschnittenen Werk werden Prozess-Berichte der Deutschen Wochenschau mit der neu gesprochenen berühmten Rede Dimitroffs, Jubel-Bildern seiner Ankunft in Moskau und der fiktiven Geschichte einer kommunistischen Untergrundzelle in Deutschland verknüpft. Eine tapfere Mutter (Lotte Loebinger) organisiert nach der Ermordung ihres Sohnes durch die Nazis den Widerstand gegen die Unterdrücker. Ihr zweiter Sohn, gespielt von Bruno Schmidtsdorf , liebäugelt mit den Nazis, verliebt sich aber in eine glühende Kommunistin (Inge von Wangenheim) und folgt Dimitroffs Spuren.

Maxim Gorki und Max Ophüls lobten den Film; tatsächlich ist "Kämpfer" aber das Dokument eines tödlichen Irrtums. Wolfgang Leonhard, damals vierzehn, besuchte mit Markus und Konrad Wolf, der in einer Nebenrolle glänzt, die Moskauer Karl-Liebknecht-Schule. Es sei grotesk gewesen, erinnert er sich heute, wie an einem Film gegen die NS-Diktatur gearbeitet wurde, während gleichzeitig eine der größten Verhaftungswellen der russischen Geschichte anrollte. Nach den ersten Moskauer Vorführungen wurde seine Mutter, die als Statistin auftritt, zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Am gleichen Tag, dem 26. Oktober 1936, feierte "Kämpfer" seine New Yorker Premiere.

"Sein Regisseur", meint Leonhard, "blieb so anständig wie möglich, doch hat Wangenheim nie ein schlechtes Wort über Stalin verlauten lassen". Seine frühen, von "Selbstkritik" geprägten Aussagen lassen den schmalen Grat ahnen, den er zu gehen beschlossen hatte. An Kritik seiner mangelnden Wachsamkeit ließ er es genau so wenig fehlen wie an Hinweisen auf angeblich konspirative Verbindungen einiger Team-Mitglieder. Noch während der Dreharbeiten wurden zwei seiner Assistenten wegen antisowjetischer Aktivitäten verhaftet; bis 1938 gerieten zwei Drittel der über 30-köpfigen deutschen Crew in die Mühlen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD.

Der Film machte zwar mit Dimitroff als Super-Held Stalins Personenkult Konkurrenz, doch das war nicht der Grund für die Verfolgungen. Der Geheimdienst machte Bruno Schmidtsdorf vielmehr die Mitgliedschaft in der frei erfundenen konterrevolutionären Organisation "Hitler-Jugend" zum Vorwurf. Wie drei andere Verhaftete wurde der Schauspieler 1938 erschossen, gerade 30 Jahre alt. Zuvor hatten sich die KPD-Funktionäre Pieck, Ulbricht und Wehner mit einem Parteiausschluss einverstanden erklärt. Schmidtsdorfs Filmmutter Lotte Loebinger war damals mit Wehner verheiratet; vor einigen Jahren meinte sie über ihre Moskauer Erfahrungen: "Wir haben dem System völlig vertraut und ihm mehr geglaubt als uns selbst".

"Kämpfer", 1941 noch einmal in Russland gezeigt, kam in Berlin erst 1963 wieder zur Aufführung. Die bedrückenden Geschichten, die er erzählt, wurden vom bleiernen Schweigen der letzten noch lebenden Mitwirkenden überdeckt.

"Kämpfer" ist - zur Jahrestagung der Gesellschaft für Exilforschung über "Theater und Filmschaffende im Exil 1933-1945" - heute um 20 Uhr in der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" zu sehen.

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