Kultur : Straps and Stripes

Sie war elegant, sie war verrucht, sie war Zahlungsmittel und immer sinnlich. Jetzt steckt sie in der Krise: die Feinstrumpfhose

Ulrike Simon

Endlich. Der Sommer ist da. Die Zeit des Frierens ist vorbei. Kaum hat das Thermometer die Zwanzig-Grad-Marke geknackt, lassen Frauen gern auch mal die Hose im Kleiderschrank und entscheiden sich für Kleid oder Rock. Einen ganzen Winter lang waren die Beine unter Stoff verborgen geblieben. Plötzlich sind sie wieder Blickfang. Ein Blick auf die Straßen genügt.

Eine ganze Industrie kümmert sich darum, Damenbeine von ihrer schönsten Seite zu zeigen. So richtig zur Geltung kommen sie erst in Feinstrümpfen – das finden nicht zuletzt Firmen wie Falke, Kunert, Elbeo oder Ergee. 326 Millionen Euro setzten sie im vergangenen Jahr allein mit Damenstrümpfen um. Sie alle leben von dem anscheinend unvergänglichen Mythos, der diesen Hauch aus transparentem Stoff umweht. Es ist diese geheimnisvolle Mischung aus Ästhetik, Weiblichkeit, Erotik und Verruchtheit. Indem der Feinstrumpf das nackte Bein bedeckt, deutet er die Vorstellung des Ausgezogenseins erst an. Nicht umsonst weckt es die männliche Fantasie, wenn eine Frau die Beine übereinander schlägt, sich auf Schenkelhöhe gar ein Strumpfband unter dem Rock hervorwölbt. Zu sehen, was nicht zu sehen sein sollte, weckt Sehnsüchte. Es ist der Reiz des Verbotenen.

Ein Reiz, der im Alltag keinen Platz hat. Die meisten Frauen bevorzugen die einst nur Männern vorbehaltene Hose. Das ist bequem und vor allem praktisch. Nur manchmal, und dann auch meist im Sommer, greifen Frauen zum Rock. Eben dann, wenn die nackten Beine darunter nicht frieren. Das bekommen auch die Herstellerfirmen zu spüren. 1999 betrug der Umsatz nach Angaben der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung noch 550 Millionen Euro, 1993 waren es 852 Millionen. Der Markt schrumpft kontinuierlich.

Doch wer erinnert sich nicht an die Beine der „Lola“ im „Blauen Engel“? In dieser Filmrolle brachte Marlene Dietrich Strümpfe bereits 1930 zu Weltruhm. Allerdings waren diese Strümpfe noch aus kostbarer, wenig elastischer und schnell reißender Seide. Erst 1938 wurde das Perlon erfunden: Paul Schlack hatte dieses Material für die IG Farben in Berlin-Lichtenberg entwickelt. Ein ähnliches Material entwickelte Wallace Hume Carothers bei der Firma DuPont in den USA: Nylon. Der erste Prototyp eines Nylonstrumpfes wurde 1939 auf der Weltausstellung in New York präsentiert. Beide Firmen wollten sich nicht behindern, tauschten ihre Patente aus und teilten sich die Absatzmärkte. In Amerika ging der 16. Mai 1940 dann als „N-Day“, als „Nylon-Day“, in die Geschichte ein: Erstmals wurden an diesem Tag „Nylons“ verkauft. Es kam zu tumultartigen Szenen, die Frauen zogen die frisch erstandenen Strümpfe gleich auf der Straße an. Nach vier Tagen waren vier Millionen Paar Strümpfe verkauft.

Auch in Deutschland lief das Geschäft. Durchschnittlich zwölf Paar Feinstrümpfe pro Jahr verbrauchte jede Frau. Produziert wurde in Sachsen, vor allem in Chemnitz. Dann kam der Krieg – fortan hatte das Perlon an weiblichen Beinen ausgedient. Es wurde als Stoff für Fallschirme und als Reifengewebe gebraucht. Die Frauen trugen jetzt Söckchen im Schuh. Der Wunsch nach damenhaftem Auftreten, unterstrichen durch leicht vergängliche Feinstrümpfe, schlummerte im Verborgenen.

Entsprechend groß war der Bedarf an Feinstrümpfen nach dem Krieg. Doch die Industrie lag brach, alle vier Chemnitzer Herstellerfirmen waren demontiert worden. Nur 3,5 Millionen Paar Strümpfe konnten 1949 in Deutschland hergestellt werden, rund 50 Millionen Paar wurden auf legalem Weg importiert, dazu kamen die, die eingeschmuggelt und auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden. Strümpfe waren ein begehrtes Gut. Der Mangel an Rohstoffen und Maschinen verschaffte ihnen den Rang eines Statussymbols, sie verkörperten das Gefühl von Luxus.

Doch der Neuaufbau der Strumpfproduktion verlief schleppend, nicht zuletzt wegen des hohen Stückpreises der benötigten Cottonmaschinen von 150 000 Mark und mehr. Hatte Deutschland vor dem Krieg Cottonmaschinen nach Amerika exportiert, wurden nun von dort gebrauchte importiert. Die Strumpfproduktion konzentrierte sich jetzt im süddeutschen Raum. Cottonmaschinen verarbeiteten das Perlon so, dass die Strümpfe hinten zusammengenäht werden mussten. So entstand der Nahtstrumpf. Erst Ende der 50er Jahre begannen die mit 15 000 Mark im Anschaffungspreis weit günstigeren Rundstühle die alten Cottonmaschinen zu verdrängen. Es begann der Siegeszug der nahtlosen Strümpfe. Wer jetzt noch Nahtstrümpfe trug, galt als altmodisch. Anders heute. Der Hauch von Verruchtheit haftet an ihnen – provoziert die Naht doch, dass Männerblicke an ihr emporgleiten.

Für die Frauen in der Nachkriegszeit entwickelte sich der Feinstrumpf zur beliebten Schwarzmarkt- und Tauschware, vergleichbar mit Zigaretten. Frauen, die von Soldaten mit Feinstrümpfen beschenkt wurden, waren als „Ami-Liebchen“ verschrien. Wer keine Nylons besaß, färbte sich die Beine mit „Farbstrumpf Coloral Sonnenbraun“ oder mit Kaffeesatz und malte sich mit Augenbrauenstift eine „Naht“ auf die Wade. Die verrutschte zwar nicht, dafür verschmierte der Strich.

1951 wurden in Westdeutschland einschließlich West-Berlin dreißig Millionen Paar Strümpfe hergestellt, 1952 waren es 45 und 1955 hundert Millionen, so dass jede Frau im Durchschnitt auf sechs Paar Perlonstrümpfe pro Jahr kam. Es gab Wettbewerbe zur „deutschen Beinkönigin“. Tausende Damenbeine wurden vermessen, Durchschnittswerte ermittelt und Größen festgelegt. Das Idealmaß lautete 21,5 (Fessel) – 24 (Wade) – 46 (Oberschenkel). Die Strumpfherstellung mauserte sich zum wachstumsstarken Industriezweig. Die Preise purzelten. Kosteten Strümpfe 1950 noch fast zehn Mark, gingen sie Mitte der 50er schon für knapp drei Mark über den Tisch, bald kosteten sie noch weniger. Die Preispolitik wurde immer ruinöser. Importe aus Ländern wie Italien und Holland verschärften den Wettbewerb. 1958 meldete in Berlin die erste Feinstrumpffabrik Insolvenz an. In den Fabriken wurde rationalisiert, in den Städten wurden Strumpfautomaten aufgestellt, um Vertriebskosten zu sparen, die Mehrfachpackung kam auf. Indem der Feinstrumpf zur Massen- und damit Wegwerfware wurde, lohnte sich das Repassieren, das Reparieren von Laufmaschen, kaum noch. Waren die Strümpfe lädiert, wurden neue gekauft. Das kurbelte den Absatz an. Zusätzlich wurde er durch das Aufkommen von Modefarben gesteigert. Die ersten Farben hießen „Florida“ oder „Napoli“ – dunkle Brauntöne, die passend zur beginnenden Reiselust der Deutschen für Urlaubsbräune auf den Beinen sorgten. 1960 wurden 265 Millionen Paar Strümpfe hergestellt, davon erstmals mehr nahtlose als Cottonstrümpfe. Deutschland verzeichnete an Damenstrümpfen den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch in der Welt: 17,5 Paar pro Jahr. Die USA, die mit zwölf Paar stets vorn lag, war überflügelt.

In den 60ern überrollte Deutschland eine neue Modewelle: der Minirock. Der Skandal, den der Anblick nackter Frauenbeine auslöste, lässt sich mit einem Blick in die Vergangenheit erklären. Einst hielten Frauen ihre Beine, ja, sogar ihre Füße unter bodenlangen Röcken und volantbesetzten Unterröcken verborgen. Als Unerhörtheit ging jenes Geschenk in die Geschichte ein, das im 13. Jahrhundert Prinzessin Johanna von Navarra zur Hochzeit bereitet werden sollte: Die kostbaren Seidenstrümpfe provozierten den überlieferten Satz: „Wisst ihr nicht, dass die Königinnen von Spanien keine Beine haben?“ Bein zu zeigen, das gehörte sich nicht. Nicht einmal zu erahnen sollte sein, was sich unter dem Rock befand. „Honni soit qui mal y pense“, sagte König Edward III. von England der Legende nach. Beim Tanz soll seine Geliebte, die Gräfin Salisbury, das Strumpfband verloren haben. Als er es aufhob und ihr zurückgab, soll er die entstandene Peinlichkeit mit diesem Satz kommentiert haben. Beine gehörten zum Intimbereich. Und nun das: 1965 erfand die Engländerin Mary Quandt den Minirock. Der Rocksaum rutschte höher und höher – halterlose Strümpfe oder gar Strapse darunter wirkten peinlich. Nun eroberte die Feinstrumpfhose den Markt. Wieder kam es zu Lieferschwierigkeiten, während die ungewollten Strümpfe die Lager füllten und füllten. Doch auch diese Mode verschwand.

Nicht nur Richard Burton wusste, wie unerotisch Zwickel und Hüftbund einer Strumpfhose sein können, selbst wenn die junge Liz Taylor drin steckt. Es war Brigitte Bardot, die eines Tages beschloss, diese unbequemen Dinger, die manchmal schon beim Auspacken Fäden und Maschen ziehen, einfach nicht mehr anzuziehen. Zur Bestürzung der Strumpfindustrie eiferten ihr Millionen von Frauen nach. Der Trend dauerte an – bis in den 80er Jahren die New-Wave-Mode rollte und Strumpfhosen mit Muster angesagt waren. Rauten- und Paisleymuster, Streifen, Tupfen, Karos und andere Muster prägten die Strumpfhose. Es gab sie mit Strasssteinchen besetzt. Vor allem gab es sie in allen Farben, gern auch in Neongrün oder Pink. Drüber zogen böse Mädchen möglichst zerrissene schwarze Netzstrumpfhosen und steckten die Füße in Turnschuhe oder derbe Schnürstiefel; brave bevorzugten zusätzlich andersfarbige Söckchen, bis zu den Fesseln heruntergerollt, dazu ebenso farbige Ballerinas oder Pumps. In der DDR, in der modische Abwechslung nicht eingeplant war und Strümpfe aus der Dederon-Faser, dem „Faden vollendeter Verlässlichkeit“, dominierten, wurde man auf Toiletten öffentlicher Gaststätten Zeugin, wie Frauen ihre „Beute“ – von Westmännern mitgebrachte Strumpfhosen – begutachteten und gegebenenfalls tauschten. In Westdeutschland wuchsen Strumpfboutiquen wie Pilze aus dem Boden. Der Verkauf florierte.

Das alles ist vorbei. Im Zeitalter des Pragmatismus haben die meisten Frauen schlicht keine Lust, diese einengenden Dinger zu tragen, die mal zu lang sind und Falten schlagen oder zu kurz, nicht über die Hüften reichen und im Schritt kneifen. Strümpfe sind keinen Deut besser, sie haben nur andere Tücken. Entweder sie rutschen, oder sie quetschen die Schenkel ein. Allen Varianten des Damenfeinstrumpfes gemeinsam ist der Hang zur Laufmasche. Korbsessel und Holzstühle aller Art sind beim Tragen dieses kurzlebigen Beinkleides grundsätzlich zu meiden. Es gibt kleine Tricks, farblosen Nagellack zum Beispiel. Wer die Entwicklung einer Laufmasche im Frühstadium entdeckt und außerdem das Glück hat, dass die Masche an einer unsichtbaren Stelle zu laufen beginnt – also deutlich oberhalb des Rocksaums –, kann hoffen, dass sie nach Auftragen des Nagellacks nicht noch länger wird. Aber allein schon das zwanghafte Bedürfnis, immer wieder nachzuschauen, ob die Laufmasche nicht doch schlimmer und sichtbar und damit zum Blickfang schadenfroher Menschen wird, ist Grund genug, Hosen anzuziehen. Wie problemlos lässt sich mit ihnen Fahrrad fahren, lassen sich Hindernisse oder Holzbänke im Biergarten übersteigen. Bei Hosen kann es auch nicht zu ungewollten peinlichen Einblicken kommen, sollte man gezwungen sein, auf niedrigen Sitzgelegenheiten Platz zu nehmen, bei denen die Knie auf Nasenhöhe herangezogen werden müssen. Dennoch: Welche Frau zieht zwischendurch nicht doch mal gerne einen Rock an – gerade im Sommer, wenn es warm ist und die Sonne auf die Beine scheint? Aber wer mag da in Stümpfen schwitzen?

Mancher erinnert sich noch an den Rat von Modedesignern, Frauen dürften maximal bis zum 30. Lebensjahr ihr nacktes Bein dem Anblick der Öffentlichkeit preisgeben. Danach sei es eine Zumutung, die von Krampfadern und anderen Unebenheiten verunstalteten Gliedmaßen ohne das „perfekte Make-up fürs Bein“ zu zeigen. Doch auch diese Ratschläge unterliegen Moden. Wer würde es heutzutage nicht als Faux-pas betrachten, wenn eine Frau modische Riemchensandaletten mit Strümpfen trägt? Auch wenn manchem Betrachter das Lachen im Hals stecken bleibt, wenn die Stars und Sternchen barfuß in Sandaletten und möglicherweise auch noch schulterfrei im eisigen Winter auf dem vom Schneematsch durchtränkten roten Teppich stöckeln.

Immerhin: Wer so zur Gala geht, muss wenigstens keine Ersatzstrumpfhose in der sowieso zu kleinen Damenhandtasche mitnehmen. Die Angst läuft schließlich bei jedem Schritt mit. Wer das Gegenteil behauptet, sollte beantworten, warum es besondere Handschuhe fürs Anziehen von Strümpfen zu kaufen gibt. Jeder ach so kleine Ring, jeder Millimeter abstehende Nagelhaut, jede Unebenheit eines Fingernagels kann das feine Material ruinieren. Und nicht umsonst gibt es zahlreiche Tipps, wie man eine Strumpfhose richtig anzieht, um sie möglichst lange möglichst unbeschadet tragen zu können.

Wer seine kostbare Lebenszeit nicht mit solchen Problemchen vergeuden will, nutzt die Strumpfhose alternativ: etwa, um Lederschuhe auf Hochglanz zu polieren. Auch Keilriemen können durch Nylons ersetzt und im Notfall kann sogar das Auto damit abgeschleppt werden. Marder lassen sich vom Auto fern halten, indem man in einen Feinstrumpf Hundehaare steckt. Selbst zum Maskieren bei Banküberfällen eignet er sich. Allein wenn er seinen Zweck am Bein erfüllen soll, erweist er sich doch oft als unpraktisch und ärgerlich.

Für Firmen wie Falke, Ergee, Kunert, Elbeo & Co. sind Strumpfhasserinnen, Flip-Flops, Riemchensandaletten, künstliche Bräune und leichte Sommerhosen ein Graus. Längst steht ihr Name daher auch für Wäsche, Socken, Kniestrümpfe und andere Produkte. Der Markt für Feinstrümpfe schrumpft, aber er wird niemals zum Erliegen kommen. Ein Blick auf die Sommerkollektion für 2006 zeigt afrikanische Motive und Goldglitzer-Effekte. Daneben bieten die Hersteller „Funktionsstrumpfhosen“ an – womit längst nicht nur fleischfarbene Stützstrumpfhosen gemeint sind. Kompressionsstrümpfe für Menschen mit Venenschwächen heißen heute bei Kunert „Fly and Care“ und sprechen Vielflieger und -steher als Zielgruppe an. Daneben gibt es mit Aloe Vera und Grünteeextrakt getränkte Strumpfhosen gegen trockene und empfindliche Haut, es gibt die massierende Strumpfhose gegen Cellulite, es gibt die figurformende, die „Bauch-weg-“ und die „Po hebende“ Strumpfhose. Außerdem gibt es „Zehenstrumpfhosen“ für Flip-Flop- und Sandalettenträgerinnen, deren sehr dünne Fadenstärke vortäuscht, man hätte gar keine an.

Und selbstverständlich gibt es den Feinstrumpf auch weiterhin in seiner erotisierenden Urform – mit und ohne Naht, halterlos oder mit Strapsen. Ein Mythos kümmert sich schließlich weder um Moden noch um Alltagstauglichkeit.

Ein Mythos ist unsterblich.

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