"The Situation" am Gorki Theater : Die Grammatik der Feindseligkeit

Wer auf Hebräisch oder Arabisch den Nahostkonflikt beschreiben will, spricht schlicht von „The Situation“. So heißt auch das turbulente Stück von Yael Ronen, mit dem das Gorki Theater die Saison eröffnet hat.

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Konfliktparteien. Szene aus "The Situation".
Konfliktparteien. Szene aus "The Situation".Foto: dpa

„Wer bist du?“ Simple Einsteigerfrage, denkt sich Stefan, der in Neukölln Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, und animiert seine Abendkursteilnehmer armfuchtelnd zu orthografisch korrekten Antworten. Dass man sich mit den sogenannten „W-Fragen“ – wer, wie, woher, warum – unversehens in Problemlagen katapultieren kann, scheint ihm irgendwie fremd zu sein. Und so kommt dieser engagierte Pädagoge, dessen zweite Heimat das Politische-Korrektheits-Fettnäpfchen ist, plötzlich gar nicht mehr hinterher mit dem Korrigieren, Übersetzen und seiner zusehends verdrucksten Irritation.

Zum Beispiel, als das Noch-Paar Noa (Orit Nahmias) und Amir (Yousef Sweid) gleichsam den Nahostkonflikt als persönliche Beziehungskrise vor ihm ausagiert: Sie Israelin, er Palästinenser mit israelischem Pass, wird sich das nunmehr in Berlin lebende Paar zeitnah trennen. Allerdings mitnichten „aus politischem Grund“, wie Noa auf nahezu perfektem „C1“-Sprachniveau erklärt. Sondern vielmehr, „weil er ist ein Mann und ich bin eine Frau, und das funktioniert nicht“.

Als schließlich noch Hamoudi (Ayham Majid Agha) aus Syrien sowie Laila (Maryam Abu Khaled) und Karim (Karim Daoud) aus Palästina zum Neuköllner Deutschkurs stoßen, steckt Lehrer Stefan endgültig in „the situation“ fest. Statt über Konjugationstabellen grübelt er jetzt darüber, wie er bis zur nächsten Unterrichtsstunde mal eben „den Konflikt im Nahen Osten lösen“ kann.

Deutschstunde als Konflikt-Katalysator

Wer auf Hebräisch oder Arabisch die dortige politische Lage beschreiben will, spricht schlicht von „the situation“. Und so heißt auch das neue Stück der in Jerusalem geborenen und in Berlin lebenden Regisseurin Yael Ronen zum Spielzeitauftakt am Maxim Gorki Theater: „The Situation“. Wieder hat die theatrale Konfliktmanagerin par excellence, die letztes Jahr mit ihrer Ex-Jugoslawien-Kriegsrecherche „Common Ground“ zu Recht auf sämtlichen renommierten Theaterfestivals vertreten war, den Abend gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt. Und wie immer bei Ronen stößt sich der Text von mehr oder weniger künstlerisch überformten Erfahrungen der Akteure ab und beginnt mit der Pointensicherheit einer gehobenen Screwball-Comedy.

Dass Ronen die personifizierten Konfliktparteien der „Situation“ nicht nur in Berlin, sondern speziell in einem Deutschkurs aufeinandertreffen lässt, erweist sich als ziemlich genialer Schachzug. Neben dem typischen „Lost in Translation“-Gefühl, das erfahrungsgemäß jeden befällt, der komplexe Verfasstheiten in andere Sprach- und somit Bezugssysteme überführen soll, sorgen Deutschlektionen à la „Was machst du hier?“ oder „Wir – Ihr“ nicht nur unter den Kursteilnehmern für denkbar unzimperliche Verbal-Crashs, sondern auch zwischen den Schülern und ihrem Lehrer. Denn die doppelbödige Art, in der Dimitrij Schaad diesen leicht verklemmten Pädagogen an die Rampe tänzelt – als einerseits hyperengagierten Zeitgenossen mit andererseits gern ins Übergriffig-Missionarische lappendem Helfersyndrom –, qualifiziert ihn natürlich zum idealen Konflikt-Katalysator.

Ronen bleibt Ronen

Zumal sich dieser für alles offene Rundum-Versteher auch jeden noch so offensichtlichen Klischee-Bären aufbinden lässt: „O-kay“, quittiert Stefan etwa mit weit aufgerissenen Augen die Fake-Behauptung seines syrischen Schülers Hamoudi, einst „Al-Qaida-Boy“ gewesen zu sein. Ganz gleich, wer wann warum unter welchen Umständen in seinen Kurs kommt: „Ich will dich integrieren“, lautet das mit geballten Macher-Fäusten hervorgestoßene Pädagogen-Credo. Logisch, dass da auch die eine oder andere Spielart der vermeintlich politisch engagierten Kunst ihr Fett abbekommt, die im Theater ja zurzeit angemessen kontrovers debattiert wird: Sie hätte gerade einen 200-Dollar-pro- Tag-Job in Melbourne verloren, berichtet Laila in Lektion drei, Thema: „Was machst du hier?“, trocken. Irgendwie habe sie ihr Betätigungsfeld als leibhaftiges Ausstellungsstück in einem „Refugee-Museum“, in dem sie sich, ganztägig auf einem Kissen sitzend, von den Besuchern fotografieren und zu ihrem Schicksal befragen lassen sollte, anders interpretiert als die australische Projektchefin.

Im zweiten Teil des 90-Minüters schlägt Lehrer Stefan schließlich eine dramaturgisch ziemlich gut sitzende Volte, die man sich tatsächlich lieber live im Theater ansehen statt vorab in der Zeitung lesen sollte. Und dann wird es für Ronen-Verhältnisse, ziemlich ernst auf dem aus zwei symbolträchtig-multifunktionalen Podesten bestehenden Szenario (Bühne: Tal Shacham). Denn nun kommen die Kursteilnehmer – allerdings in einem kaum durch Witz und Situationsslapstick gebrochenen Modus – noch einmal auf die Anfangslektionen zurück: „Wer bist du?“ und „Wo kommst du her?“. Dennoch: Mag die Lage noch so ernst und die Zukunftshoffnung gegebenenfalls, verständlicherweise, von Pathos getragen sein: Ronen bleibt Ronen und schlägt am Ende garantiert einen ihrer gewitzten Haken, weil kluger Humor wahrscheinlich wirklich das wirkungsvollste Konfliktentkrampfungsmittel ist

Wieder am 9. und 20.9., 19.30 Uhr

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