Theaterland Deutschland : Harz wir

Der Ruf der Kulturnation Deutschland wird in der Provinz verteidigt. Zum Beispiel in Halberstadt und Quedlinburg, wo nur 165 Mitarbeiter jede Saison die 500 Vorstellungen des Nordharzer Städtebundtheaters stemmen.

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Auferstanden aus Ruinen. Trümmersteine klopften die Halberstädter nach 1945, um ihr Theater errichten zu können. Nur eine Statue blieb vom zerbombten Vorkriegsbau. Foto: Jürgen Meusel
Auferstanden aus Ruinen. Trümmersteine klopften die Halberstädter nach 1945, um ihr Theater errichten zu können. Nur eine Statue...Foto: Jürgen Meusel

Die Bundesrepublik Deutschland hat 888 Bühnen. Die Zahl stammt von Monika Grütters, die sich als Kulturstaatsministerin für diese weltweit einmalige Spielstättenvielfalt zuständig fühlt, zumindest symbolisch. Im Föderalismus ist die Förderung von Kunst und Kultur eigentlich Sache der Länder – ein Privileg, das diese wiederum gerne weiter delegieren. 44 Prozent der Kulturleistungen erbringen die Kommunen, 42 Prozent die Länder, 12 Prozent kommen vom Bund und aus privaten Schatullen. Kultur wird in Deutschland traditionell von unten finanziert – weil sie ja auch für die Basis gedacht ist, für alle Bevölkerungsschichten. In Berlin, wo sich je nach Institution Bildungsbürgertum oder Avantgarde-Hipster mit Touristen aus aller Welt zum kosmopolitischen Parkettpotpourri vermischen, wird das nur selten augenfällig. Da muss man schon in die Provinz reisen.

Der Ruf der Kulturnation Deutschland wird an Orten wie Halberstadt verteidigt. Die goldenen Zeiten liegen hier, im nördlichen Harzvorland, schon lange zurück. Drei monumentale Kirchenbauten zeugen davon, welcher Wohlstand im 12., 13. Jahrhundert geherrscht haben muss. Im April 1945 aber fiel die ganze Pracht in Schutt und Asche, 83 Prozent des Innenstadtgebiets wurden zerbombt. Auch vom Stadttheater blieben nur Ruinen. Schon 1947 begannen die Halberstädter, eine neue Bühne zu errichten – aus Trümmerteilen. In jenem expressionistischen Stil, der vor 1933 für architektonische Avantgarde gestanden hatte, wurden Saal und Foyer gestaltet, mit unverputzten Backsteinwänden, die durch quer gestellte, hervorspringende oder raffiniert gestaffelte Steine eine lebendige Struktur erhalten. Am 3. September 1949 konnte das neue Haus eröffnet werden, als einer der ersten Nachkriegs-Theaterbauten in Deutschland.

Von außen allerdings gleicht das Gebäude eher einer Scheune. Eine repräsentative Fassade mit Säulen und Balkon gibt es nicht, der Besucher muss das Haus regelrecht suchen zwischen den schmucklosen 50er-Jahre-Wohnblocks hier am Rande der historischen Innenstadt. Von der Straße aus ist der Schriftzug „Nordharzer Städtebundtheater“ hinter einer Blumenrabatte leicht zu übersehen. Hat man den Hof überquert und die unscheinbare Eingangstür passiert, öffnet sich überraschend eine elegante, kreisrunde Kassenhalle, die von einem nackten Mädchen dominiert wird. Die griechisch anmutende Statue konnte aus dem Vorkriegs-Theaterbau gerettet werden. Über ihrem Kopf schwebt ein spinnenarmiger Leuchter aus DDR-Produktion.

Theater, ganz ungeschminkt. Das archaische Ambiente macht auf entwaffnende Weise klar, was hier gespielt wird. Kultur für alle nämlich. Große Kunst für kleines Geld. Die teuersten Tickets liegen bei 25 Euro, selbst bei Opernpremieren, im Jugendabo gibt es vier Aufführungen für 20 Euro.

Im deutschen Kulturfördersystem gilt: Je kleiner die Stadt, desto günstiger die Preise. Weil im Durchschnitt 80 Prozent der Theateretats vom Staat kommen. Darum beneidet uns die ganze Welt.

Der Halberstädter Saal bietet knapp 500 Menschen Platz, im benachbarten Quedlinburg, das seit 1992 zum „Nordharzer Städtebundtheater“ gehört, gibt es 285 Plätze. Der Chor hat 13 Mitglieder, das Orchester 36, es gibt 14 fest angestellte Gesangssolisten, im Schauspielensemble sind sie zu siebt, genau wie bei der Ballettkompanie. 165 Mitarbeiter stemmen fast 500 Vorstellungen pro Saison, im Sommer wird den einzelnen Sparten ihr Urlaub nur zeitversetzt gewährt, weil ja noch das Bergtheater Thale am Hexentanzplatz bespielt werden will. Und dann sind da natürlich die so genannten Abstecher, also die Gastspiele in Wernigerode und Wolfenbüttel, Gifhorn und Hoyerswerda, manchmal sogar in Stade oder Neuburg an der Donau. Die Halberstädter Künstler kann man nämlich mieten, Sinfoniekonzerte kosten 4000 bis 6000 Euro, Jugendtheater ist schon ab 2000 Euro zu haben. Die Dekorationen werden mit theatereigenen Lkw transportiert, die Darsteller reisen in gecharterten Bussen hinterher. Im Harz und on the road werden so 100 000 Besucher pro Jahr erreicht.

Wer nicht brennt für seinen Beruf, wird in der Provinz verheizt. In bis zu acht unterschiedlichen Produktionen spielen die jungen Schauspieler hier in einer Spielzeit, für ein Anfängergehalt. Die bundesweit festgelegte Mindestgage beträgt 1650 Euro, brutto selbstverständlich. Andererseits dürfen in Halberstadt selbst Novizen Hauptrollen in den ganz großen Klassikern spielen. Gerade hatte Shakespeares „Sommernachtstraum“ Premiere, in der nächsten Saison gibt es Kleists „Amphitryon“, in der Oper den „Freischütz“. Sie haben hier auch schon Puccinis „La Bohème“ gewuppt oder Wagners „Lohengrin“. Mit 36 Musikern.

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