Tocotronic: "Das Rote Album" : Lass uns knutschen, bis wir müde sind

Tocotronic feiern 20 Jahre Bandgeschichte und veröffentlichen mit dem „Roten Album“ ein mitreißendes Werk, in dem es um die Liebe geht.

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Arne Zank, Dirk von Lowtzow, Rick McPhail und Jan Müller (von links) sind Tocotronic.
Arne Zank, Dirk von Lowtzow, Rick McPhail und Jan Müller (von links) sind Tocotronic.Foto: Michael Petersohn/Universal

Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden: von einem Phantom, von Träumen vielleicht und von Erinnerungen. Himmelsklänge, schwelgerischer Sirenengesang, dann setzen Bass und Schlagzeug ein. Eine dunkle Stimme raunt: „Ich öffne mich / Öffne mich gänzlich für dich / Wir entkommen zu zweit / Der Unsichtbarkeit“. Die Stimme gehört unverkennbar Dirk von Lowtzow, der elegant dahingleitende Song „Ich öffne mich“ ist ein Höhepunkt des neuen, inzwischen elften Albums seiner Band Tocotronic. Es hat keinen Titel, zeigt auf seinem Cover aber das rote Quadrat des sowjetischen Malers Kasimir Malewitsch und wird daher „Das Rote Album“ genannt. Es erscheint symbolträchtig am 1. Mai.

„Ich öffne mich“ handelt von der ultimativen Vereinigung, vom Sex, einer Tätigkeit, über die Tocotronic bereits 1995 auf ihrem Debütalbum „Digital ist besser“ befanden: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen / Denn allzu leicht könnt’s im Deutschen peinlich klingen.“ An der Haltung hat sich nichts geändert, diesmal singt Lowtzow seufzend Sätze, die Selbstoptimierungssprüche und Esoterik mischen. Zu zweit der Unsichtbarkeit entfliehen? Klingt toll und irgendwie therapeutisch. Doch spätestens wenn der Sänger fordert: „Kommt, singt mit uns!“, driftet der Sinn ins Dadaistische. „Bei dem Thema Liebe darf man nicht rumsülzen“, hat er in einem Interview mit dem Magazin „Spex“ gesagt. Tocotronic hassen Gefühlsergüsse und das Gebot, Künstler sollten „authentisch“ sein. Auskunft über ihr Privatleben geben sie grundsätzlich nicht.

Tocotronic lieben weiterhin das Wortspiel

Kitsch ist verboten. Gegen Camp, die von Susan Sontag beschriebene Kunst des Überkandidelten, ist hingegen nichts einzuwenden. „Zucker“ heißt das entsprechende Stück auf der Platte, eine zu Noisegitarren (New York circa 1983) vorgetragene Liebeserklärung an die Schönheit des Abweichenden, die in der Zeile gipfelt: „Darling Candy Parzifal / Trinkst Cherry-Cola / aus dem Gral.“ Dabei kriegt Warhols Transgender-Superstar Candy Darling noch eine Umdrehung mehr, und als Cola trinkenden Parzifal lässt sich, zwischen Wahn und Wagner, natürlich auch Jonathan Meese denken. Das Rote Album ist als Konzeptalbum über die Liebe zu verstehen, wobei das Konzept ein wenig ins Thesenhafte lappt. An Wortspielen und Pointen mangelt es nicht, doch die Geschichten wirken mitunter blutleer.

Ist das zu Tode gedichtete, gesungene, gestammelte Wort Liebe noch zeitgemäß? Sollten wir es lieber ersetzen? Eigentlich ist Liebe nichts anderes als „Haft“, behauptet die gleichnamige, in ein Geigenfinale mündende Gitarrenballade. „Ich hafte an dir / Wie Tinte / Auf Papier / Wie ein Sticker / An der Tür“, heißt es da, Marianne Rosenbergs Schlager „Er gehört zu mir“ variierend. Klebekräfte und Körpersäfte, jeder Mensch sein eigener Post-it-Zettel. Das Anti-Liebeslied wird auch in der Oper „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“ gesungen, die Dirk von Lowtzow jüngst mit dem Regisseur René Pollesch an der Berliner Volksbühne herausgebracht hat.

Transparent und klar klingt das Album

Das Rote Album ist große Popmusik, die beste Tocotronic-Platte seit ihrem wuchtigen Indierock-Statement „Kapitulation“, mit dem sie 2007 das Zeitalter der Rebellionen für beendet erklärt hatten. Der dunkle, schwere Sound, auch die Überfrachtetheit und zum Operettenhaften neigende Hysterie des vorletzten Albums „Schall & Wahn“ sind verflogen. Wieder zusammen mit dem Produzenten Moses Schneider eingespielt, klingt die Platte transparent, fluid und klar. Der schönste Prozess bei der Aufnahme des Albums sei es gewesen, sagt Bassist Jan Müller, „zu sehen, wie es immer weniger und weniger wurde“. Es gibt catchy Refrains und – obwohl sich die Band schon lange von den Slogans ihrer Anfangsjahre abgewandt hat – absurde Wendungen und einprägsame Losungen wie „verwohnte Liebe“, „neue Hymnen, alte Lügen“ oder „ich will keine Punkte sammeln / Gib mir nur ein neues Leben“.

„Pädagogisch wertlos“, so das Fazit

Der „Prolog“ der Platte beginnt mit lange nachhallenden Basstönen, dann setzt ein nervöser Rhythmus ein, und Lowtzow besingt ein räuberpistolenartiges Wüstenabenteuer, das Wolfgang Herrndorfs Roman „Sand“ entsprungen sein könnte: „Du weißt nicht, was dich geritten hat / In diese tote Küstenstadt / Um dich verstreut liegen deine Papiere / Muscheln und Schalentiere.“ So beginnt das große Grübeln, an einem Punkt der totalen Niedergeschlagenheit.

„Die Erwachsenen“ heißt eine Verweigerungshymne aus Teenagerperspektive, die zum Einander-Näherrücken aufruft: „Wir wollen in unseren Zimmern liegen / Und knutschen, bis wir müde sind.“ Das Synthesizergeorgel erinnert stark an die mittlere Phase der Band The Cure, in einem anderen Stück wird die Eighties-Synthie-Band Visage zitiert. Auch eine offenbar ernst gemeinte Spießer-Beschimpfung fehlt nicht, im kämpferischen Titel „Solidarität“. Das Album endet mit einer elfminütigen Folk- und Fantasy-Suite mit Akustikgitarrengeschrammel, Vogelgezwitscher und Bachgemurmel. „Pädagogisch wertlos“, so das Fazit, „war das Erlebnis dieser Nacht“.

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