• Tomi Ungerer präsentiert seine Fantasien über die beiden weiblichen Galionsfiguren in Berlin

Kultur : Tomi Ungerer präsentiert seine Fantasien über die beiden weiblichen Galionsfiguren in Berlin

Peter von Becker

Da begegnen sich die beiden entzückten, berückenden Damen, doch zwischen ihnen, auf der Türschwelle, gähnt ein schwarzes Rund. "Das Elsass ist ein Loch zwischen Frankreich und Deutschland" nennt der witzige, weise Tomi Ungerer seine Farbzeichnung, die das Thema seiner jetzt vom Deutschen Historischen Museum im Berliner Kronprinzenpalais eröffneten Ausstellung anschlägt: "Zwischen Marianne und Germania". Gut 250 Ungerer-Unikate sind zu sehen, mitsamt einer Reihe raffinierter Türen, die sich, in den deutschen und französischen Farben als ironische Installationen auftun. Einmal ist der Türgriff der Tricolore-Pforte ein Wasserhahn, und man muss diese Ungersche Tür weit öffnen, auf dass der gallische Hahn über einem an die Wand montierten "deutschen" Waschbecken (mit schwarzrotgoldenem Abfluss) sein Wasser spenden könnte. Hahn und Becken sind natürlich auch ein erotisches Bild - und um Liebe, Leid, Begehren geht es immerzu im Verhältnis zwischen den Rhein-Nachbarn und ihren weiblichen Galionsfiguren Marianne und Germania.

Tomi Ungerer war neun Jahre alt, als die Deutschen zum letzten Mal das Elsass okkupierten. In zwei Monaten musste der Junge Deutsch lernen, er beobachtete Verhaftungen und Deportationen, nahe dem Haus der Familie war ein Gefangenenlager. Ungerer geriet in die Hitler-Jugend, ihn faszinierten und erschreckten die Nazis, und 1943 schon zeichnete der Zwölfjährige einen Wehrmachtssoldaten über einem blutenden Leichnam und einem Skelett, darüber die Todesfahne des Hakenkreuzes, ein Galgen und ein abgeschlagener Kopf: mit Bleistift hat die Kinderhand "Deutschland!" darübergekrakelt. Die Karikatur gleicht einer so naiven wie frühreifen Variante der Kriegsgräuel-Caprichos von Goya - berührendes Stück einer brillanten, in ihren Details oft auch abgründig komischen Ausstellung. Vier Jahrzehnte später zeichnet Ungerer beispielsweise einen kleinbürgerlichen Vater mit Jägerhut, der seinem Kind im Zoo der Geschichte die "Affen SS" zeigt.

Lange glich das Elsass, wie Ungerers Bonmot sagt, "einer Toilette: immer besetzt". Jetzt lacht der geborene Straßburger in Berlin. Er hat viele Jahre und endlich erfolgreich für die Wiederzulassung von Deutsch in elsässischen Kindergärten und Schulen gestritten. Aber er sagt auch: "Was wir Elsässer haben, ist eine Heimat, doch kein Vaterland." Diese lokale und zugleich überstaatliche Existenz ist Unglück und Glück in einem: "Denn ein Vaterland bedeutet Krieg." Gut, meint der Straßburger, dass es jetzt Europa gibt; nur die Verbrüsselung karikiert er in einer nachtblauen Gruppensex-Zeichnung als "Eurorgie".

Die Ausstellung mit ihren Germariannen, mit allen bildlichen Assoziationen der Jakobinermützen und Pickelhauben und einem kleinen Tomi, der, halb zerrissen, halb verbindend, an einer knackigen Riesin zwischen blauweißrotem Strumpfband und dem Straps eines schwarzrotgelben Schlüpfers hängt - diese Ausstellung ist von Hamburg nach Berlin gekommen. Alle Werke sind Leihgaben aus einem Tomi-Ungerer-Museum, das 2001 in Straßburg eröffnet. Zudem wird der 69-jährige Elsässer Kosmopolit, der auf einer Farm in Irland lebt, dieses Jahr in Frankreich und Deutschland noch vier neue Bücher vorlegen, für Kinder, für Erotiker, für Liebhaber. Eines enthält auch Aphorismen - in einer Reihe, die sonst französischen Philosophen vorbehalten ist."Zwischen Marianne und Germania" ist bis zum 13. Juni zu sehen, der schöne Katalog kostet 29, 80 DM (Prestel Verlag, im Buchhandel 39, 80 DM).

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