Kultur : Trunken von Schönheit

Optimist am Wannsee: Philipp Franck, Mitbegründer der Berliner Secession, im Bröhan-Museum

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Der kleine Hund spannt seinen Körper zum Sprung. Neckend schaut der Junge dem Terrier in die Augen, während er sein Marmeladenbrot isst. „Das Frühstück“ von Philipp Franck aus dem Jahr 1919 zeigt einen flüchtigen Moment, ein privates Spiel zwischen Carllutz, dem Sohn des Künstlers, und dem Familienhund. Trotz der Alltäglichkeit geht Unruhe von dem Bild aus. Der grau schraffierte Hintergrund, das gestreifte Hemd, die starken Kontraste zwischen schwarz und weiß. Auch der 15-Jährige ist auf dem Sprung, hat die Hand auf die Lehne seines Stuhles gestützt, ein Bein angezogen.

Die Szene hält die Wackeligkeit der Pubertät fest. „Das Frühstück“ zeigt die Stärken des Malers Philipp Franck, der zu den Gründungsmitgliedern der Berliner Secession gehörte, heute aber weitgehend unbekannt ist. Gemeinsam mit dem Frankfurter Museum Giersch hat das Berliner Bröhan-Museum jetzt erstmals eine prachtvolle Retrospektive organisiert und dazu einen vorzüglichen Katalog herausgegeben.

„Vom Taunus zum Wannsee“: Der Titel der Ausstellung zitiert Philipp Francks Memoiren, die – so populär war der Maler zu Lebzeiten – zuerst in „Westermanns Monatsheften“ erschienen. Seine Ururenkelin, die Schriftstellerin Julia Franck, wird im Lauf der Ausstellung daraus lesen.

1860 in Frankfurt geboren, lernt Philipp Franck zuerst an der Städelschule, dann als Schüler von Anton Burger in der Kronberger Malerkolonie. An der Düsseldorfer Akademie begegnet er den Werken der französischen Impressionisten und beginnt mit der Freilichtmalerei. 1892 erhält er eine Stelle als Lehrer an der Königlichen Kunstschule Berlin, die Familie zieht in die Klopstockstraße 11.

Als Franck nach Berlin kommt, gärt es in der Stadt. Die junge Künstlergeneration wehrt sich gegen die überfüllten Salons mit ihrer willkürlichen Hängung. Die Ausstellung von Edvard Munch verursacht einen Skandal. In München gründet sich gerade die Secession. Franck lernt an der Kunstschule Walter Leistikow kennen.

Seine frühen Bilder von einem märkischen See stehen in ihrem rostigen Rot stark unter Leistikows Einfluss. 1898 gründet sich die Berliner Secession, im gleichen Jahr wird Philipp Frank zum Professor ernannt. In seinen Erinnerungen schreibt er: „Nun kamen für mich köstliche Jahre.“

Der deutsche Impressionismus tritt bürgerlicher auf als in Frankreich, ihm fehlen die erotischen Unterströmungen. Ambitioniert in der Form, bleibt Philipp Franck konventionell in seinen Motiven. In Stolpe malt er die Ursprünglichkeit ländlichen Lebens im Schatten der Großstadt, zeigt die Bäuerinnen wie sie unter blühenden Obstbäumen das Feld harken.

Die Kritiker sind nicht immer begeistert. Die Farben sind ihnen zu grell, die Sonnenflecken „schimmern und flimmern“. Tatsächlich zeigt Philipp Franck als exzellent ausgebildeter Zeichenlehrer gerne, was er kann. Die Kronen der Obstbäume ballen sich wie weißer Schaum, die Lindenallee in Britz funkelt im Sonnenlicht. Irritierend auch seine Farbpalette, die um Nuancen verfremdet. Er holt die Töne des Taunus nach Berlin, die schwere Erde, den niedrigen Himmel, das dunkle Rot des Sandsteins.

Das Bröhan-Museum hat sich das Gemälde „Badende Jungen“ aus dem Jahr 1911 von der Kunstsammlung Charlottenburg ausgeliehen. Franck hat sich mit dem Sujet, das er von Max Liebermann kennt, über Jahre beschäftigt. Doch während Liebermann in eleganter Melancholie der jugendlichen Wildheit nachhängt, bleibt Franck bodenständig und lebensfroh. Zwischen tanzenden Sonnenflecken suchen die Jungen in ihren roten Badehosen den Grund des Sees ab.

Als Maler ist Philipp Franck Optimist, er sieht immer zuerst das Schöne. 1906 zieht er mit seiner zweiten Frau und dem gemeinsamen Sohn an den Wannsee. Hier malt er die Gärten seiner wohlhabenden Nachbarn in der Kolonie Alsen, des Kunstsammlers Eduard Arnhold, der Mäzenin Cornelie Richter, einer Tochter des Komponisten Giacomo Meyerbeer. Jetzt schwelgt der Künstler in Phloxblüten, Rosenbögen, Fliederbüschen. Manchmal kippen diese Bilder ins allzu Gefällige.

Die Porträts aber versöhnen mit diesem Hang zum Dekor. Sie verraten den aufmerksamen Beobachter, der ein feines Gespür für die Brüche seiner Zeit besitzt. Seine Schwiegertochter Hanni lungert mit selbstbewusster Lässigkeit im Ledersessel, eine langgliedrige Intellektuelle, die im Samuel Fischer-Verlag arbeitet. 1938 muss sie mit ihrem Mann Carllutz nach London emigrieren.

Philipp Franck allerdings bleibt in Deutschland. Für sein letztes Bild kurz vor dem Tod wählt er noch einmal sein Lieblingsmotiv: die Birken, diesmal im Schnee. Die dürren Äste der schwarz gefleckten Bäume bilden ein lebhaftes Dickicht. Selbst an diesem Wintertag 1944 lässt der Maler die weiße Rinde von der tiefen Abendsonne röten.

Bröhan-Museum, Schloßstraße 1 a, bis 16. Januar, Di - So 10 bis 18 Uhr. Parallel zeigt die Galerie Mutter Fourage, Chausseestr. 15 a, Berlin-Wannsee, bis 19. Dez. eine Ausstellung zu Phlipp Franck.

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