Ulmens "Jonas" : Ein Film wie eine Mathe-Doppelstunde

Zurück nach Zeuthen: Christian Ulmen ist „Jonas“. Der Film will wohl beides sein, lustig und lehrreich. Nur gelingt ihm keines von beidem.

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Am Ende, wenn sie auf dem Schulhof den Sterne-Song „Was hat dich bloß so ruiniert?“ singen, da ist es dann doch die große Christian-Ulmen-Show geworden. Seine Kunstfigur, der Schüler Jonas, sitzt als Zampano der neuen Schulband am Schlagzeug, und alle, alle machen eifrig mit: die Band im Zelt und die Lehrer und Mitschüler auf dem Pausenhof. Tja, dieser Jonas, fast guckt er so zufrieden in die Runde wie ein netter Musiklehrer, der Leiter der Popmusik AG zum Beispiel.

Altersmäßig passt es. 36 Jahre alt ist Christian Ulmen mittlerweile, sein Abitur ist verdammt lang her. Aber weil er unbedingt einen 18-jährigen Dauersitzenbleiber spielen wollte, der an der real existierenden Paul-Dessau-Schule in Zeuthen seine letzte Chance Richtung Mittlere Reife wahrt, konnte er natürlich nicht ins Lehrerkollegium. Erst recht nicht als Musiklehrer: Schließlich soll er sich, so eine der schmalen Drehbuchideen, in die real unterrichtende Musiklehrerin, die zart charmante Frau Maschke, verlieben.

Schon klar: Wir sind hier zwar in einer Gesamtschule am Südrand von Berlin, vor allem aber in Christian-Ulmen-Land: hier die reale Welt, dort Ulmen, der sich ihr in einer gewählten Rolle so hartnäckig aufdrängt, bis niemand mehr so recht zwischen echt und Spiel unterscheidet. Dieses „Borat“–Prinzip hat schön böse funktioniert in seiner TV-Serie „Mein neuer Freund“, wo er mit versteckter Kamera real existierende Sozialmilieus aufs überwiegend Unterhaltsamste terrorisierte. Nach Zeuthen aber brachte er für Wochen ein 30-köpfiges Filmteam mit. Und wer der neue Mitschüler Jonas tatsächlich ist, das dürfte sich ohnehin noch vor der ersten großen Pause rumgesprochen haben.

Ulmen also, mit weiß überschminktem und dennoch unübersehbar kräftigem Bartwuchs. Ulmen, wenn er nicht gerade Kaugummi kaut, mit offenem Mund sturzblöde Richtung Tafel stierend. Ulmen, sich tapfer in Mathe blamierend. Ulmen, Ulmen, Ulmen. Die Mitschüler? Staffage. Die Lehrer? Sie bemühen sich, so alltäglich wie möglich zu unterrichten. Erkenntnisinteresse? Schwer erkennbar. Erkenntnisgewinn? Entsprechend mager. Ein paarmal blitzen subversive Ulmen’sche Ideen auf: ein Bestechungsversuch beim Direktor, ein Dinner for Two im Musikraum mit Maschke, Schampus und Kerzen inklusive. Aber die Inszenierung ist immer sichtbar, in den Augen derer, die aufs Rest-Glatteis gelockt werden mögen.

So kommt in den zwei Filmstunden, so lang wie eine Mathe-Doppelstunde, bald anderweitig subversive Sehnsucht auf. Nach dem Evergreen „Die Feuerzangenbowle“ (1944) etwa, dessen Grundidee Ulmen übernimmt; nur war dieser Durchhaltefilm an der Unterhaltungsfront eine durchweg erfundene Schauspielerei – und eine köstliche Klamotte mit Heinz Rühmann allemal.

Noch dringender meldet sich beim Sichten des schwer schwankenden Ulmen-Schwanks das Bedürfnis, „Die Klasse“ (Entre les murs) wiederzusehen, Laurent Cantets Siegerfilm von Cannes 2008. Hier spielen Lehrer und Schüler der Pariser Banlieue sich selbst, die Dramen eines ganzen Schuljahrs in zwei packenden Kinostunden: Auch hier waren stets drei Kameras am Start, aber da es um viel, viel mehr geht als das Selbstinszenierungsbedürfnis eines Gasts, ist alle Technik im Nu vergessen.

„Jonas“ (Regie: Robert Wilde) will wohl beides sein, lustig und lehrreich. Nur gelingt ihm keines von beidem.

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