Kultur : Und raus bist du

Machtspiele, Mobbing und die Berliner Szene: Das FORUM erkundet Arbeitswelten. Besonders stark vertreten: Osteuropa.

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Michel Houellebecq spielt sich selbst. Wird von drei muskelbepackten Kerlen, die sich ebenfalls selbst spielen, in ein schäbiges Häuschen im Pariser Umland entführt, diskutiert mit ihnen über Literatur, eine sehr nette Runde. Houellebecq ist bloß sauer, dass er gegen die Langeweile nur ein einziges Buch bekommt: Denis Diderots „Nonne“. Guillaume Nicloux war 2013 im Wettbewerb mit einer Neuverfilmung der „Nonne“ vertreten, seine Cinéma-DirectFarce L’enlèvement de Michel Houellebecq wird bestimmt ein heiteres Highlight des Forums. Schon wie der Schriftsteller Kette raucht und ständig vergeblich nach einem eigenen Feuerzeug verlangt!

Zum skurrilen Höhepunkt taugt auch Souvenir. André Siebers hat tausende Stunden Filmmaterial eines Ex-Mitarbeiters der Friedrich-Ebert-Stiftung gesichtet, der sich und seine Arbeit manisch mit der Kamera begleitete. Etliche der 36 ForumsFilme gestatten einen Einblick in Arbeitswelten. Ein Autofriedhof in Frankreich (Casse). Machtspiele im japanischen Büro (Forma). Mobbing in Korea (Ship Bun). Die ungewöhnlichen Praktiken einer US-Sextherapeutin (She’s Lost Control), dazu Julia Hummer als Edelprostituierte (Top Girl). In At Home wird eine georgische Haushälterin, die jahrelang mit ihrer reichen griechischen Herrschaft zusammenlebte, krankheitshalber von der Familie auf die Straße gesetzt. Griechenland privat: Die Krise bringt die Klassengesellschaft zurück. Den Arbeitsplatz Kulturszene erforscht Max Linz im turbulenten BerlinFilm Ich will mich nicht künstlich aufregen mit gebotenem Unernst, wenn er eine Video-Kuratorin bei ihrem tolldreisten Kampf für ihr Projekt begleitet. Viele Szenen entstanden in der Akademie der Künste. Und die Doku Das große Museum analysiert, wie selbst das altehrwürdige Kunsthistorische Museum in Wien zunehmend auf Profitmaximierung setzt.

In Und in der Mitte da sind wir begleitet Sebastian Brameshuber ein Jahr lang vier Teenager aus Ebensee. Das „Nazidorf“ in Österreich hatte Schlagzeilen gemacht, als Rechtsradikale 2009 eine KZ-Gedenkfeier störten. Aus Deutschland kommt Töchter mit Kathleen Morgeneyer und Corinna Kirchhoff: Maria Speth setzt nach „Madonnen“ ihre Mutter-Tochter-Studien fort. Was das Forum als Heimstatt der Berliner Schule betrifft, kann man also erneut die Erzählweisen der jüngeren Regisseure dieser Schule, die keine sein will, in Augenschein nehmen.

Stark vertreten auf dem 44. Forum ist Osteuropa, mit Werken meist junger Regisseure. In Chilla erzählt die Usbekin Saodat Ismailova, wie eine Frau das traditionelle Schweigegelübde ablegt. Die Kasachin Zhanna Issabayeva porträtiert mit Nagima eine junge Küchenhilfe, deren Lage immer prekärer wird. Issabayeva ist die einzige Filmemacherin ihres Landes! Und für Sportsfreunde: Der Rumäne Corneliu Porumboiu schaut sich in The Second Game mit seinem Vater auf einer alten VHS-Kassette ein Spiel aus der Zeit des Ceausescu-Regimes an – der Vater war damals Schiedsrichter. Wer sagt’s denn: Fußball ist Politik.

Auch die FORUM SPECIALS bieten ein ausgreifendes Spektrum, vom Holocaust (Memory of the Camps) über zwei ägyptische Dokumentationen zur Arabellion (The Square, Scent of a Revolution) bis zum Musikfilm ohne Musik über die Band Ja Panik (DMD KIU LIDT). In guter alter Tradition ist einem japanischen Altmeister wieder eine Mini-Retro gewidmet: mit drei restaurierten Filmen von Nakamura Noboru aus den 50er und 60er Jahren.

52 Arbeiten aus 20 Ländern versammelt das 9. FORUM EXPANDED im Arsenal, in der Berlinischen Galerie und in St. Agnes, der zur Galerie umgebauten Kirche in Kreuzberg (Ausstellung ab 5.2.). Dort läuft Clemens von Wedemeyers Afterimage, in dem eine Kamera durch das Requisitenlager von Cinecittà streift. In Lily’s Laptop verfolgt Judith Hopf, wie ein neo-bourgeoises Familiendomizil geflutet wird. Omer Fasts Everything That Rises Must Converge zeigt den Alltag von Pornodarstellern im Splitscreen (Cinestar Imax). Bruce LaBruce präsentiert seine Version von Schönbergs Pierrot Lunaire im Delphi. What Do We Know When We Know Where Something Is?: Ein zweitägiger Kongress (xx 2.) verhandelt die Frage, wo Videokunst hingehört: ins Kino, ins Museum, in Galerien?

Last but not least: Zum achten Mal kürt die LESERJURY DES TAGESSPIEGELS aus allen Uraufführungen und internationalen Premieren ihren Forums-Favoriten. Der Sieger-Film wird am 16.2. um 19.30 Uhr im Cinemaxx 4 nochmals gezeigt, in Anwesenheit der Jury. Karten dafür gibt es ab 3.2. (Infos S. 26). Christiane Peitz

Das Forum Expanded geht

nach Kreuzberg, nach St. Agnes

und in die Berlinische Galerie

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