US-Philosoph : Michael Sandel: „Das digitale Zeitalter bedroht die Demokratie“

Michael Sandel diskutiert in seinen Onlinevorlesungen die großen moralphilosophischen Themen unserer Zeit. Im Interview spricht er mit uns über Ethik, Big Data und die Grenzen des freien Willens.

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Michael Sandel
Michael SandelFoto: Thilo Rückeis

Der amerikanische Philosoph Michael Sandel füllt mit seinen sokratischen Dialogen – moralphilosophischen Diskussionen mit dem Publikum – mittlerweile Stadien. Am Dienstag diskutierte Sandel in Berlin über die Ethik der Digitalisierung und von Big Data, mit geladenen Gästen im „Telefónica Basecamp“ Unter den Linden. Vorher hatte er Zeit für dieses Gespräch.

Mister Sandel, tragen Sie digitale Messgeräte, die Ihre Vitalfunktionen messen?
(lacht) Nein, nichts dergleichen.

Haben Sie Ihre DNA sequenzieren lassen und die Informationen der Wissenschaft zur Verfügung gestellt?
Nein.

Google-Chef Larry Page sagt, 100 000 Leben könnten jährlich gerettet werden, wenn alle ihre Gesundheitsdaten der Forschung überlassen. Kann es eine moralische Verpflichtung zur Datenspende geben?
Falls gezeigt werden könnte – wie es die Leute an der Spitze der Digitalökonomie so wortgewaltig behaupten –, dass das Zusammenführen der genetischen Informationen großer Bevölkerungsgruppen tatsächlich einen Beitrag zum Fortschritt der Medizin leistet, wäre das ein erstrebenswerter Nutzen für das Gemeinwohl. Falls gleichzeitig sichergestellt wäre, dass die Daten geschützt sind, dann, denke ich, könnte es eine solche moralische Verpflichtung geben. Aber wir sind nicht so weit. Dennoch ist es plausibel, dass solche Daten künftig zu medizinischen Durchbrüchen führen könnten. Weniger sicher ist, dass der Datenschutz funktioniert.

Im Moment geben wir die meisten Daten nicht aus moralischer Überzeugung weiter, sondern weil wir einen Gegenwert dafür erhalten. Google oder Facebook bieten einen Service dafür, etwa einen kostenlosen E-Mail-Account. Es ist letztlich eine Art Marktbeziehung.
Eine Art zu bezahlen. Man zahlt mit seinen Daten, mit einem Teil seiner Privatheit. Es wäre ein interessantes Experiment, zu sehen, was geschieht, wenn Facebook und Google ihren Kunden die Wahl ließen, ob sie den Service mit Geld oder mit Daten vergüten wollen.

Was tippen Sie, was die Leute vorziehen würden?
Mit Blick auf die jüngere Generation würde ich sagen: Sie würden zumindest nicht viel Geld zahlen. Datensicherheit ist für sie kein Thema.

In Ihrem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ zeigen Sie, wie die Käuflichkeit einer Sache gleichzeitig auch ihren Wert an sich ändert. Wie würde es die Ethik von Big Data verändern, wenn wir etwas für unsere medizinischen Daten bekommen würden?
In meinem Buch zeige ich ja, dass das Übertragen der Marktgesetze Werte beschädigt oder verschwinden lässt. Wenn man zum Beispiel einen Schüler dafür bezahlt, dass er ein Buch liest, erreicht man zwar ein wünschenswertes Ziel, aber beschädigt die Vorstellung, dass das Lernen an sich etwas Gutes ist, dass es die Liebe zum Lernen gibt. Oder wenn jemand dafür bezahlt wird, dass er abnimmt. Bei guter Gesundheit zu sein, sollte ein Wert an sich sein. In meinem Buch vergleiche ich das mit Bestechung. Vielleicht können wir den Fall, dass wir Daten für die medizinische Forschung spenden, am ehesten mit Blut- oder Organspenden vergleichen. Auch dafür sollte man nicht bezahlt werden. Es ist eine mühsame, aber wichtige Aufgabe, die Leute davon zu überzeugen, dass solche Spenden im Sinne des Allgemeinwohls sind. Fragt sich nur, ob das Spenden von Daten eher mit einer Blut- oder einer Nierenspende vergleichbar ist. Was meinen Sie?

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Es hängt von den Konsequenzen ab. Was passiert, wenn es zu „Komplikationen“ kommt, wenn meine Daten missbraucht werden? Wenn es ein seriöses, unabhängiges medizinisches Projekt ist, würde ich sagen: Es ist eher wie Blutspenden.
Aber ist es wahrscheinlich, dass das Risiko gering wäre? Es gibt ein großes Interesse an diesen Daten. Lebensversicherungen wären begeistert, wenn sie hätten, was wir uns hier gerade vorstellen.

Der Krankenversicherer Generali will in diesem Jahr eine App auf den Markt bringen, die Gesundheitsdaten sammelt. Wer sie nutzt, erhält einen Rabatt.
Das werde ich gleich mit dem Publikum diskutieren. Was ist denn Ihre Meinung?

Ich empfinde es als Bedrohung für das Gesundheitssystem.
So sehe ich es auch. Wenn alle an ihre Gesundheit angepasste Prämien zahlen, wird das Solidarsystem ausgehebelt, das Prinzip einer Versicherung.

Im Fall von Google und Facebook gibt es kaum noch eine Wahl. Auf dem Markt für Krankenversicherungen könnte der Preisdruck irgendwann ähnlich groß werden. Wie frei sind wir überhaupt noch bei der Herausgabe unserer Daten?
Nicht besonders. Ich nutze Facebook nicht, aber Google. Junge Leute sind noch weniger frei.

Sie sind ein Kritiker der philosophischen Richtung des Liberalismus und des modernen Vertragstheoretikers John Rawls. Ihm zufolge ist der Mensch ein Wesen, das zumindest prinzipiell in der Lage ist, frei zu entscheiden. Sie ziehen das in Zweifel. Die Digitalisierung scheint Ihnen recht zu geben: Im Netz entscheiden wir nicht frei, sondern folgen oft dem sozialen Sog.
Ich verspüre keine Genugtuung dabei, recht zu haben. Aber es stimmt, die Digitalökonomie verstärkt die Brisanz dieser philosophischen Frage: Wie frei ist der Mensch in seiner Entscheidung? Und ist seine vermeintlich freie Zustimmung zu einer Sache eine gute Grundlage, diese Sache für legitim zu erklären? Nehmen wir Facebook: Ist das, was Facebook mit unseren Daten macht, legitim, nur weil die Nutzer formal ihre Zustimmung dazu geben? Wenn Sie eine App herunterladen, heißt es stets: Klicken Sie hier, um die Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu akzeptieren. Haben Sie sie je zu Ende gelesen?

So gut wie nie.
Wie frei und informiert ist diese Entscheidung dann wirklich? Juristisch wird das als Zustimmung gewertet. Doch nur sehr wenige derer, die zustimmen, wissen, was sie tun. Ich kann mir kaum ein dramatischeres Beispiel als dieses „Klicken hier“ vorstellen, um zu verdeutlichen, wie schwach das Prinzip Zustimmung als Begründung für die Legitimität einer Sache ist.

Die Annahme eines freien Willens ist eine zentrale Grundlage der Demokratie. Ist die Demokratie in Gefahr?
Der freie Wille ist ein Aspekt. Wichtiger scheint mir die Wirkung zu sein, die die Digitalökonomie auf den freien Diskurs hat. Die Digitalökonomie fördert kurze Redebeiträge und kurze Aufmerksamkeitsspannen, im Gegensatz zu jener Art des Redens und der Auseinandersetzung, die wir für die demokratische Entscheidungsfindung brauchen. Das ist aus meiner Sicht die direktere Bedrohung, die das digitale Zeitalter für die Demokratie darstellt: diese unaufhörliche Tendenz zur Ablenkung. Die Demokratie verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft zuzuhören.

Sandel

Michael Sandel, 63, ist Mitbegründer der kommunitaristischen Strömung in der Philosophie, er lehrt in Harvard. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Buch „Gerechtigkeit – Wie wir das Richtige tun“ (Ullstein, 2013)

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