Verleger Lothar Schirmer 70 : Detektiv mit Instinkt

Der Münchner Kunstsammler und Verleger Lothar Schirmer wird 70 Jahre alt.

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Der Jubilar. Lothar Schirmer.
Der Jubilar. Lothar Schirmer.Foto: Ursula Düren/p-a/dpa

Der Jubilar ist ein gewitzter, gebildeter Causeur: kaum je um eine Pointe verlegen, über die er gerne auch selber als Erster lacht. Doch der so kommunikationsfroh wirkende Verleger und Sammler Lothar Schirmer ist, was seine Person angeht, eher öffentlichkeitsscheu, mindestens zurückhaltend. Schirmer, nomen est omen, steht als kennerisch besorgter Verleger vor seinen Autoren und Künstlern – und tritt zugleich als Liebhaber und Verehrer hinter ihren Werken zurück.

Kaum einer hat im deutschsprachigen Raum mehr dafür getan, dass die Fotografie überhaupt als Kunstform anerkannt wurde. Daran hatte sein zusammen mit dem Werbefachmann Erik Mosel 1974 in München gegründeter und seit vielen Jahren von ihm allein geführter Schirmer/Mosel Verlag seinen nicht zu überschätzenden Anteil. Als Lothar Schirmer vor gut 40 Jahren seinen Verlag mit zwei Büchern begann, war das sofort bezeichnend. Auch für seinen Instinkt.

Der studierte Betriebswirt hatte zuvor als Gymnasiast in Recklinghausen und in Bremen schon ab seinem 15. Lebensjahr begonnen, vom Taschengeld, auf Pump oder aus Ferienjobeinkünften erste Drucke von rheinischen Tachisten, von Fritz Wunderlich oder Roy Lichtenstein zu erwerben. 1964 fährt er eine Woche nach Rom, bedrängt, kaum 19, den Galeristen von Cy Twombly, erwirbt für umgerechnet 700 Mark eine Zeichnung des amerikanischen Großkünstlers und darf nach tagelangen Bitten Twombly sogar kurz in dessen römischem Palazzo besuchen. Der Beginn einer Freundschaft. Ähnlich geht es mit Joseph Beuys, den er in dessen Wohnung in Düsseldorf-Oberkassel heimsucht, mit 150 Mark in der Tasche. Doch ein Beuys-Blatt kostete 400 Mark, und der Künstler bestand darauf, dass sein Besucher ihn nur als Käufer wieder verlassen durfte.

Schließlich überließ der Meister dem Schüler Schirmer drei Blätter für 700 Mark, nahm die Anzahlung und stundete den Rest. Kaum ein Jahrzehnt später waren die 20 000 Mark, die Schirmer für einige Beuys-Zeichnungen erhielt, sein Verlagsstartkapital. Zufällig hatte er in München den am Tegernsee lebenden Sohn von August Sander kennengelernt und die Rechte an den Porträts und Landschaftsbildern des damals fast vergessenen Bildkünstlers der Weimarer Republik erworben. Sander war das Debüt seines Verlags – und das Fanal zur Wiederentdeckung eines der größten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Ähnlich ging es mit Heinrich Zilles bis dahin unbekannten Fotografien aus dem Berliner „Milljöh“ um 1900, deren Negative er bei einem Zille- Neffen im Berliner Keller aufstöberte.

Inzwischen hat Lothar Schirmer einen Teil seiner enormen Beuys-Sammlung dem Münchner Lenbach-Haus gestiftet, sie hat dort im neuen, von Norman Foster entworfenen Anbau ihre Räume. Jeff Walls berühmte Ikone „The Thinker“ hängt wie vieles Großartige noch bei Schirmer zu Hause. Aber anlässlich seines 70. Geburtstags, den er heute feiert, ist ab Mittwoch eine feine kleine Auswahl aus Schirmers Kollektion im Showroom des Verlags am Münchner Hofgarten zu sehen: mit Zeichnungen etwa von Balthus, Beuys, Twombly, John Cage und schönen Scherenschnitten auch des Romantikers Philipp Otto Runge. Ihr Titel lautet: „Lob des Papiers“.

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