Kultur : Verteidigung der Dunkelheit Zum 70. Geburtstag des Autors Dieter Forte

Michael Braun

In seinem dramatischen Debüt „Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung“ hat Dieter Forte 1970 einen der übelsten Schurken des modernen Theaters erfunden. Sein Antiheld würde in der derzeit beliebten antikapitalistischen Metaphorik wohl als König der Heuschrecken firmieren: Der Augsburger Kaufmann Jakob Fugger tritt als allmächtiger Bösewicht des Finanzkapitals auf, das die Akteure der Reformation nach Belieben instrumentalisiert.

Hansgünter Heymes Inszenierung des Stücks im Schauspielhaus Köln war 1972 ein regelrechter Skandal. Denn das Stück zeigte nicht nur die Akteure der Reformation als opportunistische Agenten des Frühkapitalismus, sondern provozierte auch mit drastischen Bildern: Am Ende hing ein nackter Thomas Münzer am Kreuz.

Enerviert vom Autismus des Theaterbetriebs, zog sich der in Basel lebende Forte Ende der 1980er Jahre von der Bühne zurück und begann mit der Arbeit an einer groß angelegten Romantrilogie. Als 1992 ihr erster Teil „Das Muster“ erschien, zeigte sich die Kritik beeindruckt. Hier fand ein Autor die Kraft, sich in einem historisch weit ausholenden Familienroman den Wurzeln der eigenen Herkunft und den Urszenen der deutschen Katastrophe zu nähern. In „Das Muster“ rekonstruiert Forte die Geschichte seiner Vorfahren, der italienischen Seidenweberdynastie Fontana und der aus Polen ins Ruhrgebiet eingewanderten Bergarbeiterfamilie Lukacz.

Wie die Abkömmlinge dieser Familie in die Abgründe des „Dritten Reich“ geraten, erzählt der Roman „Der Junge in den blutigen Schuhen“ (1995), der die verstörendsten Szenen vom Luftkrieg enthält, die in der deutschen Literatur nach 1945 geschrieben wurden. Mit Bildern des Entsetzens schrieb sich Forte an die Traumata seiner Kinderzeit heran. Der in einem Düsseldorfer Arbeiterquartier aufgewachsene Autor konnte als Kind nur stotternd sprechen, versehrt von der Erfahrung des Bombenkriegs. Der junge Mann im autobiografischen Roman „Auf der anderen Seite der Welt“ (2004) erlebt die Zeit danach als langsame Wiederauferstehung einer Ruinenwelt. An Tuberkulose erkrankt, startet er zu einer Reise ins Dunkel: „Falsch ist es, davon auszugehen, dass die Toten tot sind und keine Macht mehr über uns haben. Wahr ist vielmehr, sie beherrschen die Welt, die wir in uns tragen.“

Da die Katastrophen nicht nur der deutschen Geschichte fortdauern, hat sich Dieter Forte, der heute 70 Jahre alt wird, die Widerstandsbereitschaft seines marxistischen Frühwerks bewahrt. Im „FAZ“-Fragebogen verriet er vor einigen Jahren seine Lebens-Devise: „Résister – das Motto der Hugenotten.“

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