Kultur : Verzückungen

„Selbstporträt mit Zwerg“: Gedichte von Volker Sielaff.

von

Der Vers“, hat der amerikanische Dichter Charles Olson einmal gesagt, „muss gewisse Gesetze und Möglichkeiten des Atems einholen und sich ihnen verschreiben: des Atems und Atmens dessen, der schreibt, wie auch seines Zuhörens.“ Der neue fabelhafte Gedichtband von Volker Sielaff ist in dieser Hinsicht ein einziges Exerzitium der Atemgebung. Wenn der Autor am Ende „Zehn Zen Zeilen“ ausstreut, kleine leuchtende Offenbarungsaugenblicke, dann gibt er auch das Erkenntnisprinzip preis, das ihn zu seiner Poesie der Existenzerhellung geführt hat. Nicht zufällig verweist Sielaff auf die Achtsamkeitslehre der Zen-Philosophie, zitiert deren Konzentration auf die Gegenstände, das absichtslose Schauen, das den Dingen zur Sichtbarkeit verhilft. Seine Gedichte folgen denn auch einer Poetik der zarten mystischen Erleuchtung, die bei der Vergegenwärtigung der Phänomene Wort und Ding verschmelzen will: „Eine Art höchster Verzückung, / die den Unterschied zwischen Ding und Sprache / noch nicht kennt.“

Was der 1966 in der Lausitz geborene und heute in Dresden lebende Volker Sielaff in neun Kapiteln an sinnesöffnenden Gedichten, luziden Selbstbeobachtungen und Wahrnehmungsemphasen zusammengetragen hat, ist von überwältigender Intensität. Das Gedicht „Rollfeld“ spricht von der „Leere in ihrem höchsten Zustand“, der Leere als einem „Rollfeld, für Luft“. Ein anderes Gedicht evoziert die Windbewegung in bestimmten Bäumen – das „Ulmensausen“ gebiert hier den Wunsch des Subjekts, selbst „dem Wind anheimzufallen“. Eine Intensität des Schauens, die eine mystische Stille und Leere mit dem Hingegebensein an die Phänomene verbindet, trägt sehr viele Gedichte dieses Bandes – beglückende Epiphanien, die viel von Kindheit sprechen und von der Möglichkeit, die Welt anzuschauen wie zum ersten Mal.

Sielaffs Behutsamkeit orientiert sich an an Inger Christensen, der grandiosen Verfasserin einer lyrischen Schöpfungsgeschichte („alphabet“), und an Robert Creeley, dem amerikanischen Meister der Beiläufigkeit. Zu den schönsten Stücken in Sielaffs „Selbstporträt mit Zwerg“ gehören die Gemäldegedichte, in denen der Autor religiöse Urszenen, etwa die Kreuzigung Jesu, mit dem Blick des skeptischen Nachgeborenen prüft. In den bewegenden Gedichten schließlich, die der Autor seiner Tochter gewidmet hat, sucht er nach einer „Form für das Glück“: „Es gibt Tage, sagt das Kind, / da ist Gott gar nicht Gott, da ist / der Mond auch nicht der Mond. / Da ist die Nacht eine große / Kugel, auf der man spazieren geht / bis wenn man müde ist. / Bis wenn der Mond / einfach bloß wieder / der Mond ist.“ Michael Braun

Volker Sielaff: Selbstporträt mit Zwerg. Gedichte.

Luxbooks, Wiesbaden 2011. 120 Seiten, 22 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben