Volksbühne : Alle Räder drehen still

Wenn Väterchen Frank geht: Über das seltsame Geschichtsverständnis der Volksbühne und ihres Kultursenators Klaus Lederer.

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Jetzt mit Rio-Reiser-Hymne. Noch steht das Räuber-Rad. "Ich lach für Dich, wein für Dich/ich regne und ich schein für Dich..." Das Lied stammt aus dem Jahr 1986.
Jetzt mit Rio-Reiser-Hymne. Noch steht das Räuber-Rad. "Ich lach für Dich, wein für Dich/ich regne und ich schein für Dich..." Das...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Im Intendantenzimmer der Volksbühne hängt ein Bild von Josef Stalin. Es hängt da schon sehr lange, und es wird wohl erst von der Wand genommen, wenn Frank Castorf am Ende dieser Spielzeit seinen Posten räumt. Es wird dann ein Vierteljahrhundert gewesen sein, 25 Castorf- Jahre. Rekord in der Berliner Theatergeschichte! Eigentlich waren es sogar noch zwei Jahre mehr, denn Frank Castorfs famose „Räuber von Schiller“ hatten im September 1990 Premiere, und die gaben damals den Ausschlag. Danach war im Berliner Theater nichts mehr wie zuvor. Außer den Stasi-Seilschaften am Deutschen Theater und der Bürokratie der Staatlichen Schaubühnen im Westen hatte sich ohnehin alles verändert. Castorf & Co. waren das Gesicht der neuen Zeit.

Gesicht, Geschichte, Gefühl: Darum geht es schließlich bei dem Streit um das berühmte Rad der „Räuber“ auf dem Rosa-Luxemburg-Platz. Der verhärtete Volksbühnen-Kern will es abbauen. Ein großer Teil der Öffentlichkeit würde es gern behalten. Es gehört zum Stadtbild, man hat es lieb gewonnen, es hat seinen Platz. Doch das Symbol der großen Zeit der Volksbühne soll der neuen Intendanz nicht in die Hände fallen. Sonst würde eine Kontinuität suggeriert, die es nicht gibt, lautet die Argumentation. Wenn Väterchen Castorf nicht mehr im Volksbühnen-Kreml sitzt, dann kippt auch seine Räuber-Statue. Das ist postmoderner Stalinismus.

Zu den Linientreuen gesellt sich gern Klaus Lederer, Berlins Kultursenator. Er findet, das Rad könne weg, da Castorf ja auch weggeschoben wurde vom vorigen Senat. Lederer sieht das Räuber-Rad künftig im Stadtmuseum. Was für eine absurde Idee! Ebenso gut könnte man daneben auch eine Castorf-Wachsfigur aufstellen. Lederer verhält sich in der Volksbühnenfrage alles andere als verantwortungsvoll. Er kann und will sich nicht mit Castorfs Nachfolger Chris Dercon einigen und wünscht ihm im Grunde tatsächlich: Hals- und Beinbruch. Fahr das Ding an die Wand, wir mögen dich nicht, wir haben dich nicht geholt. So wirkt diese Kulturpolitik. Sie dient nicht der Stadt und der Volksbühne als Institution, sondern ist reine Klientelpolitik. Lederer zeigt ein sonderbares Geschichtsverständnis und tut so, als gehöre die Volksbühne einem kleinen Kreis von Linken.

Warum nur verläuft der Wechsel so schwierig und schmerzhaft? Die Volksbühne ist das vorerst letzte Theater, das historische Deutungshoheit hat. In den siebziger Jahren galt das, bei allen Unterschieden, für Peter Stein und die Schaubühne. Auch Dieter Dorn und die Münchner Kammerspiele, Claus Peymann in Bochum (dort mit vielen Künstlern aus der DDR) und das Schauspiel Frankfurt am Main haben Geschichte geschrieben, die mehr als Theatergeschichte war. Sie wirkten in die Gesellschaft hinein, stilbildend. Und als es nicht mehr ging, als diese Theater nicht mehr so gut waren, war es auch gut. Das liegt im Wesen der Theaterkunst. Sie spielt auf Zeit. Sieben, acht, vielleicht zehn Jahre, länger hält sich ein herausragendes Ensemble, eine Intendanz nicht an der Spitze. Frank Baumbauer, Castorfs Mentor, hat sich in München und Hamburg exakt daran gehalten. Er hörte auf, als es am besten lief.

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