Kultur : Walter Womacka: Vor uns: der Sozialismus, hinter uns: die Unendlichkeit

Kerstin Decker

Es gab viele Strandbildmaler in der DDR. Auffällig viele. Wer am Strand war, war der eigentlich noch in der DDR? Er hatte vor sich die Unendlichkeit und hinter sich den Sozialismus. Das berühmteste Strandbild der DDR, ja das berühmteste Bild der DDR überhaupt, malte Walter Womacka. Es heißt "Am Strand".

Der Maler sitzt in seiner kleinen Ausstellung am Festungsgraben und liest den "Spiegel". "Ist denn nichts mehr heilig?" Die Geschichte von "Boris und Babs". Neben dem Lesenden hängt - das Strandbild. Das Original. Fast jede Schule hatte eins. Es hing einfach überall. Und augenblicklich verstehe ich, warum man es zum Ausdruck der "Wahrheit unseres Lebens" erklären konnte. Der junge Mann und das Mädchen auf dem Bild schauen ja mitten in die DDR hinein. Und kehren der Unendlichkeit den Rücken. Ist das schon ideologisch?

Walter Womacka sieht kein bisschen gefährlich aus. Und überhaupt nicht staatstragend. Ohnehin wirkt kein Mensch mehr staatstragend, der in ein paar Tagen 75 Jahre alt wird. Nein, Womacka ist eher klein. Sogar - die Hände. Und mit diesen kleinen Händen füllte er so riesenhafte Formate. Das Strandbild gehört jetzt dem Bundesvermögensamt. Das Politbüro schenkte es mal Walter Ulbricht zum Geburtstag, der schenkte es weiter, und nun hat Womacka es vom Bund ausgeliehen. Und seine anderen Bilder, etwa die zehn Stück aus der Nationalgalerie? Warten in den Kellern. Womacka sagt es mit Gleichmut. Er war ein sehr vorausschauender Maler. Das Risiko eines jeden Bildes ist, dass man es auch wieder abhängen kann. Also malte Womacka Bilder, die kein Mensch mehr abhängen kann. Er bedeckte ein ganzes Land mit Wandfriesen, auch den Alexanderplatz (das Haus des Lehrers! der Brunnen!) und alle wichtigen Ministerien sowieso. Zwischendurch fuhr er mal in die Schweiz, denn das neu gebaute Zentralamt für den internationalen Eisenbahnverkehr in Bern wollte auch gern solche Friese haben. Auf den Friesen war meistens die Zukunft.

Keiner kam an Womacka vorbei. Das war früher so, das ist heute so. Auch der Bundeskanzler nicht. Wird er nicht immerzu im alten Staatsratsgebäude vor dem großen bunten Fenster fotografiert? Das Fenster ist von Womacka. Es zeigt den Exodus der Arbeiterbewegung aus dem Frühkapitalismus und ihre heldenhafte Ankunft in der DDR. Gerade, sagt Womacka, seien ein paar Frauen vom Kanzleramt bei ihm gewesen und haben sich für das Fenster bedankt. Es gefalle ihnen wirklich sehr gut. Wahrscheinlich ist die DDR, wie jedes Entwicklungsziel, ganz weit oben am Fenster, da kann der Kanzler sie nicht mehr so gut erkennen. Jedenfalls hat Walter Womacka bestimmt noch nie ein sozialdemokratisches Fenster gemalt.

Ein Mann mit Lederjacke tritt heran, er komme von der sudetendeutschen Landsmannschaft und wisse auch, dass man ihn, Womacka, für den Kulturpreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft vorgeschlagen habe. Der Maler zuckt unmerklich zusammen. Landsmannschaft - klang das nicht immer nach den Horten finsterster Reaktion? Doch der Mann in der Lederjacke macht nicht den Eindruck eines Hortes finsterster Reaktion. Der Maler, in Obergeorgenthal geboren, fasst Vertrauen, sagt aber trotzdem vorsichtig: Man ist dort zuhause, wo man seine Arbeit hat. Genau, eben darum ginge es ja, ruft freudig der Sudetendeutsche aus Teplitz-Schönau, wo Womacka seine erste Malschule besuchte, er mache nämlich gerade eine Untersuchung über "die Rolle der Sudetendeutschen beim Aufbau der SBZ". Die SBZ ist die Sowjetische Besatzungszone.

Es ist kein einziges Sudeten-Bild in der Womacka-Ausstellung 2000, dafür ist sie voller riesenhafter Berlin-Ansichten, fast alle schon verkauft. Manche zeigen noch das Berlin 1945, als man mit der S-Bahn an die Front fahren konnte, um für den Endsieg zu kämpfen. Die Front befand sich gerade ein Stückchen hinter Erkner. Da bekam der Soldat Womacka solche Angst vor den Russen, dass er weglief, weit in den Westen hinein, und ganz erleichtert war, als die Amerikaner ihn gefangen nahmen. Nein, die DDR war doch eher ein biografischer Zufall. Womackas Berlin ist detailfroh gemalt bis in die letzte Fensternische hinein. Das ist ganz wichtig, findet Womacka, denn Städte seien grundsätzlich konkret. Er weiß, dass er und sein einstiger Schüler Baselitz über solche Dinge sehr verschiedene Ansichten haben, nicht nur über Städte. Was denkt der Lehrer über den Schüler? - Ach! - Ein unwillkürlicher Laut des Unwillens entfährt dem so gleichmäßig freundlichen Mann. Er verschränkt die kleinen, knorrigen Hände, die wie wenige andere alle nur denkbaren Mal-Techniken und Stile beherrschen und sagt dann nachdenklich: Er war mittelmäßig begabt, irgendwie ist das ja auch noch spürbar. Womacka bemerkt die kleine Bosheit nicht.

An der Stirnseite hängt ein niederbrechender schwarzer Stier. Hinter ihm weht ein rotes Tuch. - Herr Womacka, wer ist denn das Tier? - Der Maler zögert. Die meisten von hier verstehen das, sagt er mit leisem Vorwurf. Kein Zweifel, dieser Ur-Bulle da mit den Ur-Hoden muss der Sozialismus sein. Unbesiegbar, grausam massakriert. Aber Herr Womacka, war der Sozialismus am Ende nicht eher ochsenartig? Der Maler schweigt. Gerade war Egon Krenz hier, direkt aus dem Gefängnis, mit einem West-Freund. Der West-Freund hat gleich die halbe Ausstellung aufgekauft, auch den Stier mit der roten Fahne. Eigentlich können Stiere rote Tücher nicht ausstehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar