Was machen wir heute? : Kommen und Gehen

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Moabit ist „im Kommen“, das zeigt sich an steigenden Immobilienpreisen und Mieten, alte Moabiter ziehen weg. Ich habe es gerade erst im Fernsehen gehört, weniger gesehen. Ich blicke ungläubig in Immobilienanzeigen und hole mir eine leichte Augenentzündung, als ich von einer Dreizimmerwohnung für 800 000 Euro lese. In Moabit! Ich mag dessen Kiez- und Kauzigkeit, aber solche Superangebote sind geradezu umweltzerstörend.

Als ich einst in einer traurigen Ecke Reinickendorfs wohnte, war mir Moabit die nächste Rettungsinsel. Ich fühlte mich rund um die Turmstraße wie in einer ärmlichen, aber gemütlichen Kleinstadt. Die Arminiusmarkthalle hatte es mir angetan, es gab in der Gaststätte preiswertes, gutes Essen. Die Kunden, viele alte Leute, wirkten mit sich und der Welt zufrieden. Moabit sei im Kommen, hieß es, als das Bundesinnenministerium an die Spree zog.

Neugierig geworden, gehe ich wieder durch Moabit. Stolpere über Müll hinterm verendeten Hertie, komme an leeren Läden vorbei. Mir scheint: Mehr Gehen als Kommen.

Die Arminiushalle zieht mich an, ich erkenne sie kaum wieder, die Zunft AG hat sie letztes Jahr erworben, es gibt noch alte Marktstände und Imbisse, nun auch ein Manufakturenkaufhaus, diverse Veranstaltungen, selbst zur letzten Berlinale. Alles sei im Kommen, von jungem Design und kreativen Milieus ist die Rede. Ich finde das spannend. Und blicke betrübt ins Leere: Meine geliebte Gaststätte ist gegangen, soll aber wieder im Kommen sein.

Im China-Restaurant gegenüber sitzen noch echte Moabiter und sind nicht mehr unter sich. An Nachbarstischen diskutieren jüngere Zuzügler über Kindertagesstätten, Schulen und weitere Umzüge von Freunden aus München. Alles ist im Kommen. Dann gehe ich mal wieder. Christian van Lessen

Die „Zunfthalle, Arminiusmarkthalle“, Arminiusstraße 2–4, bietet nicht nur Marktstände. Für den kommenden Sonnabend, 19. März, hat sich die Seifenmanufaktur Kunya (Odenwald) angekündigt.

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