Kultur : Wehrmachtsausstellung: Die Wucht der Tat

Christian Böhme

Vor zwei Jahren gab es in Deutschland einen Bildersturm. Ein kleiner, gemessen an der Zahl der Abbildungen, um die es ging. Ein großer, gemessen an den Folgen. Das Hamburger Institut für Sozialforschung sah sich genötigt, seine provokante und heftig angefeindete Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" zu schließen. Es ging um die Glaubwürdigkeit der Schau und ihrer Verantwortlichen. Zwei Wissenschaftler hatten zuvor nachweisen können, dass eine Handvoll der 1400 Fotos unzureichend oder falsch beschriftet waren. Sie zeigten nicht von deutschen Soldaten verübte Massaker an der Zivilbevölkerung, sondern die Täter waren Mitglieder des sowjetischen NKWD. Die Ausstellungsmacher zogen die Notbremse.

Institutsleiter Jan Philipp Reemtsma verhängte ein zunächst dreimonatiges Moratorium. Viele Kritiker sahen damals das ganze Aufklärungs-Projekt schon am Ende. Doch es ist anders gekommen. Heute wird in der Berliner Galerie Kunst-Werke eine völlig neue Ausstellung über die "Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 bis 1944" eröffnet. Mit der alten, die zwischen 1995 und 1999 in vielen Städten zu sehen war, hat sie nichts mehr gemein. Mit einer entscheidenden Ausnahme. An der Grundthese wird weiterhin festgehalten: Deutsche Offiziere wie einfache Soldaten waren an der Planung und Durchführung eines beispiellosen Rassen- und Vernichtungsfeldzuges beteiligt.

Dass die These aufrecht erhalten wird, war auch nicht anders zu erwarten. Vor einem Jahr kam eine von Reemtsma einberufene Expertenkommission zwar zu dem Schluss, dass es in der alten Ausstellung sachliche Fehler und Ungenauigkeiten bei der Verwendung des Materials gab. Die Fachleute monierten auch die Art der Präsentation. Sie sei zu pauschal und setze zu sehr auf suggestive Aussagen. Sie bestätigten aber den inhaltlichen Ansatz: Es gab keine "saubere Wehrmacht". Das Gremium empfahl, die Dokumentation zu überarbeiten, aber weiter zu zeigen.

Genau an diese Vorgaben hat sich das Hamburger Institut für Sozialforschung gehalten. Konzeptionell und ästhetisch könnte die Distanz zum Vorgänger kaum größer sein. Setzte die teilweise geradezu improvisiert wirkende alte Ausstellung mit riesigen Fotowänden ganz und gar auf die Kraft der Bilder, so verlässt sich die neue, doppelt so große Schau vor allem auf die Wucht der konkreten (Un-)Tat, nachzulesen in zahllosen Texten. Die Debatte über die Verstrickung der Wehrmacht in die Verbrechen des Nazi-Regimes wird also voraussichtlich weitergehen. Allerdings ist eines sicher: Die Gegner der Ausstellung - sofern sie die überhaupt aus eigener Anschauung kennen - werden sich künftig sehr schwer tun. Die Befürworter dafür umso leichter.

Ein neuer Bildersturm ist jedenfalls nicht zu erwarten. Behutsam und zurückhaltend werden jetzt die Fotos eingesetzt. Dem Thema "Foto als historische Quelle" ist sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. Fast treten die Abbildungen in den Hintergrund. Der deutsche Soldat, der gerade dabei ist, einem am Boden liegenden Zivilisten in den Kopf zu schießen - "nur" eine kleine Bilderfolge, eingerahmt von Dokumenten.

Zurückhaltend ist auch die ganze Ausstellung in ihrer Gesamtheit. Dabei betonen die Organisatoren, dass ihr Schauplatz - eine Galerie und kein Museum - nicht programmatisch gewählt wurde. In dieser Form kann die Dokumentation überall präsentiert werden. Ihre Kunst besteht im bewussten Zurücknehmen. Weiß ist über drei Stockwerke hinweg die dominierende Farbe. Weiße Stühle, weiß umrandete Glasvitrinen, weiße Stellwände, weißes Licht. Schon so wird eine Distanz zum Thema aufgebaut. Nicht wenige Besucher werden das als wohltuend empfinden. Andere werden den Zugang über die Emotionen vielleicht vermissen. Das wäre nachvollziehbar. Denn alles wirkt jetzt irgendwie klinisch rein, steril, ja vielleicht schon aseptisch.

Da wird es wohl vor allem Schülern und Jugendlichen schwer fallen, einen Ansatzpunkt für die Auseinandersetzung mit Tätern und Opfern zu finden. Vielleicht sind für sie die vielen Kopfhörer gedacht. In jedem Raum kann man sich nämlich den einzelnen Kapiteln - Völkermord an den sowjetischen Juden, Massensterben der Kriegsgefangenen, Ernährungs- und Partisanenkrieg, Zwangsarbeit und Geiselerschießungen - hörend nähern. Ein eindringlicher Weg, der auch dazu veranlasst, in den Dokumenten aufmerksam zu blättern. Eine oft Grauen erregende Lektüre.

Ja, Wehrmachtsangehörige haben im Osten (und nicht nur dort) einen barbarischen, vollkommen enthemmten Feldzug geführt. Das geltende Kriegs- und Völkerrecht wurde auf oberste Weisung außer Kraft gesetzt. Und deutsche Soldaten folgten ihr. Es ging darum, die von Hitler geforderte "unerhörte Härte" an der Ostfront in die Tat umzusetzen. Ein Zivilistenleben zählte im "Rassenkampf" wenig. Wie wenig, zeigt gleich der erste und zugleich zentrale Raum der Ausstellung "Krieg und Recht". Haager Landkriegsordnung oder Genfer Konvention - nichts davon hatte Bestand. Stattdessen lesen wir die von selbst ernannten Herrenmenschen verfassten verbrecherischen Befehle, welche Serben oder Griechen, Partisanen und Juden zu "Schädlingen" erklärten.

Mussten Offiziere und Soldaten solchen Befehlen Folge leisten? Mussten sie schießen, um nicht selbst zum Opfer zu werden? "Handlungsspielräume" heißt der vielleicht wichtigste Teil der Ausstellung. Auf einfachen Hockern sitzend, bekommt man die Geschichte von acht Wehrmachtsangehörigen erzählt. Alle bekamen den Auftrag zu töten. Jeder nutzte in einer ähnlichen Situation seine Handlungsmöglichkeiten, wie er es für richtig erachtete. Anfang Oktober 1941 erhielten zum Beispiel drei Kompanieführer den mündlichen Befehl, die gesamte jüdische Bevölkerung in den jeweiligen Quartiersorten zu erschießen. Ein Kompaniechef führte den Befehl nicht aus, weil er eine Verbindung zwischen Juden und Partisanen nicht erkennen konnte. Sein Nein blieb ohne Folgen. Ein anderer Oberstleutnant bat zunächst um schriftliche Bestätigung der Anweisung. Die Vorstellung, Frauen und Kinder töten zu müssen, behagte ihm nicht. Schließlich siegte die Furcht vor den möglichen Auswirkungen einer Befehlsverweigerung. Ein dritter Offizier führte den Auftrag aus, ohne zu zögern, aus.

Es zeugt von großer Sensibilität der Ausstellungsmacher um die Historikerin Ulrike Jureit, dass weder bei der Frage der Befehlsverweigerung noch bei den anderen Themen besserwisserisch der Zeigefinger gehoben oder gar angeklagt wird. Überhaupt ist das einfache Beschreiben und die Darstellung der jeweiligen Zusammenhänge sowie der Hintergründe die große Stärke der neuen Dokumentation. Geschichtspolitisch und didaktisch ist die neue Ausstellung damit weniger angreifbar. Damit bleibt allerdings auch das Provokative der ersten Dokumentation auf der Strecke, von der sich der Besucher im letzten Raum noch einen kleinen Eindruck machen kann. Sie ist schon Geschichte ebenso wie die Sternstunde des Deutschen Bundestages im März 1997. Damals sahen sich die Parlamentarier bemüßigt, über die Ausstellung zu diskutieren. Am Ende der Debatte gaben sich die Kontrahenten versöhnlich. Graf Lambsdorff nannte die Schau damals "notwendig". Daran hat sich nichts geändert.

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