Weibliche Pädophilie : In feuchten Gebieten

Jugend als Fetisch: In Alissa Nuttings Pädophilie-Roman „Tampa“ missbraucht eine Lehrerin minderjährige Knaben. Inspiriert ist das Buch von einer wahren Begebenheit.

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Ihr Vorbild ist Nabokovs „Lolita“. Die US-Schriftstellerin Alissa Nutting will provozieren.Foto: Aaron Mayes/Verlag
Ihr Vorbild ist Nabokovs „Lolita“. Die US-Schriftstellerin Alissa Nutting will provozieren.Foto: Aaron Mayes/VerlagFoto: Aaron Mayes, Photographer

Dieses Buch soll provozieren – das merkt man auf den ersten Blick. Das Cover zeigt ein rosa Stück Stoff mit einem zart geschlitzten Knopfloch, das überdeutlich an eine Vagina erinnert. Auf der Rückseite des Schutzumschlages werden Vergleiche zu „American Psycho“ und „Lolita“ gezogen, und der Klappentext verspricht „verbotene Begierden“ und einen „Tabubruch“. Der erste Satz des Romans trifft einen damit immerhin nicht ganz unvorbereitet. „In der Nacht vor meinem ersten Unterrichtstag lag ich in einer erregten Endlosschleife lautloser Selbstbefriedigung auf meiner Bettseite und fand keinen Schlaf.“

In diesem Tonfall geht es weiter. In Alissa Nuttings Roman „Tampa“ kommt auf jeder Seite Sex vor. Daran hat man sich zwei Jahre nach dem großen Erfolg von „Shades of Grey“ und einer Bugwelle von marktgängigen Softpornos natürlich gewöhnt. Doch „Tampa“ ist kein weiteres SM-Märchen. Hier geht es um eine Art von Sex, die in den USA genau wie in Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt ein Straftatbestand ist: Die Erzählerin Celeste Price ist 26 Jahre alt und verheiratet, ihr „sexuelles Beuteschema“ sind allerdings nicht gleichaltrige oder ältere Männer, sondern minderjährige Jungen. Als sie nach den Sommerferien ihre erste reguläre Stelle als Englischlehrerin an einer Junior Highschool in Tampa, Florida, antritt, genießt sie darum den „stechenden Geruch nach Teenagerschweiß“ auf den Fluren – und hält unter den Achtklässlern sofort Ausschau nach einem „anständigen Knaben“. Während sie sich bemüht, das Unterrichtsgespräch am Beispiel von „Romeo und Julia“ oder „Der scharlachrote Buchstabe“ möglichst oft auf das Thema Sex zu bringen, fällt ihr schließlich Jack Patrick ins Auge, ein 14-jähriger Junge mitten in der „allerletzten Phase pubertärer Androgynie“. Celeste verführt ihn und beginnt zudem eine Beziehung mit dem Vater des Jungen, um so nahe wie möglich in Jacks Nähe sein zu können – ähnlich wie Humbert Humbert, der zu Beginn von „Lolita“ die Mutter seiner „Nymphe“ Dolores heiratet.

"Tampa" lässt sich wie "Lolita" oder "American Psycho" als Gesellschaftssatire lesen

Die Referenzen auf dem Umschlag von Nuttings Debüt sind also halbwegs korrekt: Die Handlung erinnert zumindest in Teilen an Nabokovs Jahrhundertwerk, der unterkühlte und scheinbar moralfreie Tonfall an Brett Easton Ellis. Und genau wie „Lolita“ und „American Psycho“ lässt sich „Tampa“ als Gesellschaftssatire lesen, wenn sie auch vergleichsweise eindimensional ausfällt: Nutting erzählt unter der sexuell eindeutigen Oberfläche ihres Romans von einer Gesellschaft, in der „Jugend“ zum Fetisch wird. Celeste Price – das ist die eher amüsante Seite ihres Charakters – ist süchtig nach „Anti-Aging- Wellness“ und hat sich einen strengen Wochenplan auferlegt, mit „Sauerstoff-Facials, DNA-Repairenzym-Facials, Kaviar-Illuminating-Facials, vorbeugenden Botoxbehandlungen, Mikrodermabrasion und LED-Lichttherapie“, mit „Fruchtsäurepeelings“ und „Beautytreatments“. Dass zu dieser Verjüngungskur konsequenterweise auch Geschlechtsverkehr mit einem 14-jährigen Jungen gehört, ist eine zynische Pointe, die Alissa Nutting der US-Wirklichkeit abgeschaut hat: „Tampa“ ist inspiriert durch den Fall Debra Lafave, eine junge Lehrerin, die vor knapp zehn Jahren wegen einer Beziehung zu einem Schüler verurteilt wurde und zum Medienstar wurde. In den USA ist das angeblich kein Einzelfall.

In diesem Sinne ist „Tampa“ also trotz der skandalträchtigen Aufmachung und den anstößigen Sexszenen ein moralisch einwandfreies, geradezu kreuzbraves Buch, das sich zwischen puritanischer Tradition und sex-positivem Feminismus à la Charlotte Roche bewegt – und vom Verlag marktgerecht aufbereitet worden ist.

Eine Restbeunruhigung bleibt trotzdem, zumindest bei mir als Rezensenten: Falls in diesem Roman ausführlich (und irgendwie lustig) beschrieben würde, wie ein Lehrer Sex mit einer 14-jährigen Schülerin hat, wäre diese Kritik viel schwerer zu schreiben gewesen. Warum funktioniert es anders herum? „Weibliche Pädophilie“ ist eben tatsächlich ein Tabu. Der Missbrauch von Frauen an Jungen ist wissenschaftlich und journalistisch kaum bearbeitet. Dieses Buch ist bestimmt keine Diskussionsgrundlage. Aber einfach wegsortieren kann man es auch nicht.

Alissa Nutting: Tampa. Roman. Aus dem Amerikanischen von Verena von Koskull. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2014. 287 S., 19,99 €

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