Kultur : Wer soll das bezahlen?

Skandal Kinderarmut: Jörg Isermeyers „Ohne Moos nix los“ am Berliner Grips Theater

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Ungleiches Paar. Katja Hiller als Jule, Sebastian Achilles als Tim. Foto: David Baltzer/ZENIT
Ungleiches Paar. Katja Hiller als Jule, Sebastian Achilles als Tim. Foto: David Baltzer/ZENITFoto: David Baltzer/ZENIT

Zum fünften Mal in Folge hat Berlin vor kurzem den ersten Platz geholt. Gesiegt wurde allerdings in der denkbar traurigsten Kategorie: Berlin ist, noch immer, schon wieder, die Stadt mit der höchsten Kinderarmut in Deutschland. Von 490 000 Kindern und Jugendlichen sind 190 000 von Armut bedroht, knapp 40 Prozent. So stand es in der Zeitung, aber natürlich sind solche Statistiken schnell wieder vergessen. Die nackten Zahlen öffnen ja nicht den Blick auf das Leben dahinter. Auf Kinder, denen in der Schule der Magen knurrt und die mit den Besserverdiener-Sprösslingen in Markenklamotten nicht mithalten können, auf Eltern, zumeist allein erziehende Mütter, die sich in Niedriglohnjobs abstrampeln, bis spätabends oft, und trotzdem reicht es nicht mal für den Kinobesuch.

„Ohne Moos nix los“ heißt das Stück von Jörg Isermeyer, mit dem das Grips Theater das Thema in den Blick nimmt, und das spielerisch mehr Bewusstsein schafft als jede Sozialstudie. Isermeyer ist der Gewinner eines Autorenwettbewerbs, den das Grips in Kooperation mit dem Sponsor Gasag unter dem Titel „Wer kann sich das leisten?“ ausgeschrieben hatte, sein Text wurde von einer Jury mit dem „berliner kindertheaterpreis 2009“ bedacht. Eine gute Wahl. Denn dieses Stück für Menschen ab neun Jahren findet eine glückliche Balance zwischen Anspruch und Unterhaltung, es erzählt eine Geschichte aus der Gegenwart und zugleich eine Erich-Kästner-mäßige Krimiposse mit Witz und Tempo.

Jule (Katja Hiller) und ihr älterer Bruder Tim (Sebastian Achilles) haben daheim nicht viel zu lachen. Und nicht viel zu essen, da wird selbst die Nutella streng rationiert. Der Vater ist abwesend und zahlt keinen Unterhalt, die Mutter (Regine Seidler) strampelt sich im Schichtdienst ab, um nicht auf Hartz-IV-Niveau abzurutschen, und kommt entsprechend erschöpft und gereizt nicht selten erst um zehn Uhr abends nach Hause. Fürs Familienleben bleibt kaum Zeit. Jule tagträumt sich fort, indem sie wildfremde Menschen auf der Straße verfolgt und sich deren Geschichten ausmalt. Auf einer dieser Touren lernt sie Lukas (Roland Wolf) kennen. Der ist Sohn wohlhabender Eltern und in fast allem das Gegenteil der Schulschwänzerin. Dennoch freunden die Kinder sich an und beginnen ein anfangs unbeschwertes Detektivspiel, das bald ernstere Dimensionen annimmt: Sie kommen einer Bande von Fahrraddieben auf die Spur – einer davon ist Jules Bruder.

Regisseur Yüksel Yolcu, der am Grips bereits die Erfolge „schwarzweissLila“ und „Haram“ inszeniert hat, erzählt das Stück schnörkellos, mit hoher Sensibilität sowohl für die graue Realität wie für die Abenteuerstory, auf die Autor Isermeyer abhebt. Überhaupt fügt sich hier alles: Die Bühne von Ulv Jakobsen ermöglicht mit wenigen, leicht verschiebbaren Kulissenteilen bruchlose Szenenwechsel etwa zwischen Jules spartanischem Zuhause und Lukas’ mit „Star-Wars“-Figuren gefülltem Kinderzimmer. Die Musik von Paul Brody und Necati T. Seren trifft den linksengagierten Grips-Ton, den man kennt und schätzt, etwa mit dem „Lied vom Besitzen“. Und die Schauspieler, allen voran Katja Hiller als ruppige, dabei zutiefst verletzliche Jule, vermeiden den anklagenden Betroffenheitsgestus, der einem auf deutschen Bühnen begegnen kann, wenn es um „die da oben“ und „die da unten“ geht. Keine Frage, „Ohne Moos nix los“ hat das Zeug zum Grips-Klassiker – leider auch, weil das Thema Kinderarmut nicht so schnell von gestern sein wird. Patrick Wildermann

Wieder Sa, 30.10., 16 Uhr

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