Kultur : Werner Raith versucht, den Fall "Ustica" aufzuklären

Clemens Wergin

Am Abend Des 27. Juni 1980 war die DC 9 der italienischen Fluggesellschaft "Itavia" von Bologna nach Palermo unterwegs, als sie südlich von Ponza plötzlich von den Radarschirmen verschwand und ins Meer stürzte. Die DC 9 ging als "Fall Ustica" in die Geschichte der Verkehrsunfälle ein. Und in diesem Namen steckt schon die erste Lüge. Denn die Maschine stürzte nicht wirklich über Ustica ab - der Absturzort wurde vom italienischen Geheimdienst in dieses Radarloch "verlegt", um die Radaraufzeichnungen besser manipulieren zu können.

Werner Raith, Auslandskorrespondent der "taz" in Italien, ist dem mysteriösen Absturz jahrelang auf der Spur geblieben, nicht selten haben erst seine Recherchen justiziellen Aufklärungsversuchen neuen Schwung gegeben. Nun hat er seine Erkenntnisse in einen Krimi gepackt, der trotz der aufklärerischen Stoßrichtung zum Spiegelkabinett und Vexierspiel wird. Selbst die italienischen Militärs wissen wohl bis heute nicht, was die amerikanischen und französischen Kampfflugzeuge mit ihrer ausgeschalteten Freund-Feind-Kennung eigentlich vor hatten. Wollten sie die Verkehrsmaschine mit dem lybischen Staatschef Ghaddafi abschießen, der zum Staatsbesuch nach Warschau unterwegs war, aber rechzeitig Wind von der Nato-Massierung bekam und auf Malta landete? Oder haben sie eine lybische Mig 23 verfolgt und beim Luftkampf versehentlich die Verkehrsmaschine getroffen? Was für eine Mission hatte aber der amerikanische Atombomber, der im Radarschatten der DC9 flog?

Was den Krimi so spannend und lesbar macht, ist Raiths Kunst, seine Überfülle an Informationen dem Leser nie ganz, nur Häppchenweise zuzumuten. Er verdichtet das, was tatsächlich geschah, fasst mehrere Geheimdienstler in der Figur des Majors Enrico Tassini zusammen und zeichnet die Entwicklung seiner Hauptfigur vom Vertuscher zum Aufklärer in eindrücklicher Weise nach. Denn Tassinis Metier ist die Desinformation. Wie die flüchtigen Spuren auf den Radarschirmen und die manipulierbaren Flugschreiber wird die Geschichte des Absturzes zum Palimpsest: Jeder Geheimdienst verwischt Spuren, erfindet neue, diskreditiert Versionen der anderen Dienste, die ihrerseits schon erfunden waren.

Neben den 81 Flugpassagieren starben 15 weitere Menschen im Zuge der Vertuschungsaktion. Die meisten waren Fluglotsen oder Piloten, die in der fraglichen Nacht Dienst hatten. Einige dieser Spuren führen auch nach Deutschland. Denn zwei der beim Rammstein-Unglück umgekommenen Piloten der "Frecce tricolori" flogen in der fraglichen Nacht im Luftraum über Ponza und sollten wenige Tage nach der Flugschau vor dem Untersuchungsrichter aussagen. Zwei von vielen Quellen, die kurz vor ihrer Aussage den Tod fanden, deren Ableben aber nie versucht wurde wirklich aufzuklären. Raith zeigt die Geheimdienst-Intrigen und politischen Spielchen in Untersuchungsausschüssen und Ermittlungsverfahren und es gelingen ihm zuweilen humorvolle Beschreibungen der Geheimdienstschizophrenie, denn, so Tassini, "wir sind alle so ausgebildet, dass wir nie das glauben, was uns einer sagt."

Nicht mal, dass zwei plus zwei vier ergibt würde man einander abnehmen. "Erst wenn sie die Gleichung auf dem Klosett auf ein Blatt Papier schreiben, es in ihren Tresor sperren, der Kollege von der anderen Seite bei einem Einbruch in Ihrer Wohnung den Tresor öffnet und das Blatt findet, wird er dem Satz glauben und ihn als große Entdeckung feiern."

Am 14. Dezember wird nun endlich, fast 20 Jahre später, ein Prozess im Fall Ustica eröffnet. Allerdings nur gegen italienische Geheimdienstgeneräle und -Obersten wegen Vertuschung und Behinderung von gerichtlichen Ermittlungen. Ob dabei die Morde an den Zeugen aufgeklärt werden, ist fraglich. Der Absturz des Verkehrsflugzeuges wird wohl nie geklärt werden, sind inzwischen doch so viele manipulierte Indizien im Umlauf, dass sich der tatsächliche Hergang nicht mehr rekonstruieren lässt. Wer sich dennoch mit der Thematik vertraut machen will, findet in Werner Raiths Krimi eine ebenso verlässliche wie kurzweilige Hilfestellung.Werner Raith: Absturz über Ustica. Elefanten Press Berlin, 1999. 256 Seiten. 19,90 DM.

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