Kultur : „Wir sind die großen Enttäuschten“

Fellini, Benigni, Berlusconi: die italienische Regisseurin Lina Wertmüller über die Freiheit der Filmkunst und die Provokationen der Demokratie

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Frau Wertmüller, es ist still um Sie geworden.

Das sieht nur so aus! Ich arbeite wie eine Verrückte. Im Augenblick bereite ich eine Retrospektive für Brasilien vor. Außerdem mache endlich mal wieder Theater: ein MusicalCabaret nach meinem Film „Liebe und Anarchie“ hier im Teatro Eliseo in Rom. Das hatte ich ursprünglich fürs Theater geschrieben, schließlich bin ich mit ihm groß geworden.

Zum Kino kamen Sie erst Anfang der sechziger Jahre durch Fellini. Sie waren seine Regie-Assistentin und Co-Autorin bei „8 1/2“.

Das war eine wunderbare Zeit. Fellini war ein Zauberer und Poet, ein großer Erzähler unserer Zeit. Für mich war er aber vor allem eine Art Spielkamerad. Jemand, mit dem man Äpfel klauen und all die Dinge tun konnte, die freche Kinder so machen. Ich selbst war ja auch ein freches Kind. Ich bin von elf Schulen gejagt worden. Fellini war wie einer, der ein Fenster aufmacht und dir eine Aussicht zeigt, wie du sie noch nie gesehen hast. Und losfliegt. Und dich mitnimmt auf die Reise.

Wie war denn die Zusammenarbeit?

Er rannte los, und die anderen mussten hinterherlaufen. Für „8 1/2“ wollte er von Anfang an Claudia Cardinale. Da das aber unmöglich schien, schickte er mich mit dem verblassten Foto eines Mädchens los, das angeblich in einer Satellitenstadt von Mailand wohnte. Mehr wusste er nicht. Ich habe das Mädchen tatsächlich gefunden, wir machten Probeaufnahmen, aber dann kriegte er doch die Cardinale doch, und die Karriere der anderen war zu Ende. Als er für „8 1/2“ dann Kardinäle suchte, klapperte ich sämtliche Altersheime Roms ab, um Personen zu finden, die Fellinis Kardinalsbild entsprachen. Ohne Erfolg. Eines Tages fuhren wir mit meinem VW-Käfer durch Rom, als uns auf der Gegenfahrbahn ein Mercedes entgegenkam, in dem ein Herr saß, der genau seinen Vorstellungen entsprach. Nach einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd konnten wir den Wagen stoppen. Wissen Sie, wer drin saß? Paul Newman. Er hat den Kardinal aber leider nicht gespielt.

Gibt es bald einen neuen Wertmüller-Film?

Ja, aber darüber spreche ich ungern. Es ist schwierig geworden, Filme zu machen, und noch schwieriger, sie gut zu verkaufen. Der Verleih ist das Problem. 90 Prozent der Kinosäle in Italien sind in der Hand der Amerikaner. Also werden hauptsächlich amerikanische Filme gezeigt. Nehmen wir meinen letzten Film von 1999, „Ferdinando e Carolina“. Der kam an einem Karfreitag ins Kino, die Sonne schien, und die Leute fuhren natürlich lieber ans Meer. Er hatte erst Erfolg, als er im Fernsehen gezeigt wurde. Das ging mir mit meinen letzten Filmen eigentlich immer so.

Vor einigen Jahren wollten Sie einen Film über Bosnien drehen. Daraus wurde nichts. Welche Themen bewegen Sie heute?

Das Thema, das mich – neben dem Holocaust – am meisten bewegt, ist die Überbevölkerung. Die wird die ganze Welt zum Explodieren bringen. Alle Träume von sozialer Gerechtigkeit zerschellen doch daran, dass auch heute noch Menschen tagtäglich verhungern. Das hängt mit der Dummheit der Menschen zusammen. „Das Dummheits-Gen“, das wäre doch ein schöner Filmtitel! (lacht) Denn es muss an den Genen liegen, anders ist es nicht zu erklären, dass die Wissenschaft solche enormen Fortschritte macht, die menschliche Dummheit aber offenbar nicht auszurotten ist. Natürlich lässt mich niemand solch einen Film machen!

Sie sprachen den Holocaust an, mit dem Sie sich in Ihrem Werk häufig beschäftigen.

Weil ich nicht vergessen kann, wie ich als junge Frau auf die Geschichte der Konzentrationslager stieß. Diesen Schock habe ich bis heute nicht überwunden. Ich bin immer auf der Seite der Juden gewesen. Wenn ich nun aber sehe, wie ein Volk mit einer solchen Leidensgeschichte sich jetzt den Palästinensern gegenüber verhält, das zerreißt mir das Herz. Auf der anderen Seite diese Selbstmordattentäter! Mich hat das Buch von Maria Schneider „Lasciami andare, madre“ („Lass mich gehen, Mutter“) sehr beeindruckt. Eine seltsame, qualvolle Geschichte. Als Maria Schneider vier Jahre alt war, verließ ihre Mutter die Familie, weil sie sich in Hitler verliebt hatte. Sie wurde Mitglied der Waffen-SS, KZ-Aufseherin in Ravensbrück und Birkenau und bei den Nürnberger Prozessen zu mehreren Jahre Haft verurteilt. Bis zu ihrem 34. Lebensjahr wusste Maria Schneider davon nichts. Eines Tages erreichte sie ein Telefonanruf, dass ihre Mutter in einem Altersheim in Wien lebte. Das Buch erzählt von der Begegnung der Tochter mit einer unbelehrbaren Mutter, die noch immer an den „Führer“ glaubt und die SS-Uniform wie eine Reliquie im Schrank aufbewahrt. Vielleicht mache ich daraus ein Theaterstück. Ich möchte, dass das nicht vergessen wird.

Man kann aber den Holocaust nicht mit dem Nahostkonflikt vergleichen.

Gewiss nicht. Dennoch muss ich bei den Israelis immer daran denken, dass das die Enkel der KZ-Insassen sind. Man muss auch bedenken, dass die Kibbuz-Bewegung vielleicht als einzige den Sozialismus verwirklicht hat. Sie haben die Wüste zum Blühen gebracht. Warum können sie nicht friedlich mit den Palästinensern zusammenleben?

Ihr Landsmann Roberto Benigni hat in seinem Film „Das Leben ist schön“ den Holocaust als tragische Komödie dargestellt.

Ich habe das in „Sieben Schönheiten“ schon vor 25 Jahren getan! Die Konzentrationslager kann man, wenn überhaupt, nur grotesk darstellen – selbst wenn die Situation zutiefst tragisch war. Ich liebe und bewundere Benigni; die Idee, die seinem Film zugrunde liegt, ist sehr poetisch. Aber: Eltern, die mit ihren Kindern in der KZ-Baracke leben, das Essen wird serviert wie in einer Pension – nein, das geht nicht. Die haben sich einfach nicht informiert! Man kann das KZ wie ein Märchen inszenieren, gut. Aber man darf die Balance nicht verlieren. Benignis Film ist eine Verharmlosung. Vielleicht sollte man „Sieben Schönheiten“ in Deutschland mal wieder zeigen!? Ich komme gern und diskutiere darüber.

Sie wollen wie einst Chaplin und Lubitsch Ideologien mit den Waffen des Humors begegnen.

Wie sonst! Ideologien sind lächerlich und gefährlich. Sie versprechen uns eine bessere Welt. Ich war schon immer der Ansicht, dass man uns vor denen, die so was versprechen, schützen muss: vor Hitler genauso wie vor dem Heiligen Franziskus. Da ziehe ich eine schlechtere Welt vor, in der wir versuchen, die Schäden zu begrenzen.

Von Ihrer Terasse aus hat man einen herrlichen Blick auf die Piazza del Popolo, wo es in diesem Jahr Massendemonstrationen pro und contra Berlusconi gegeben hat. In 200 Meter Luftlinie liegt die Piazza Navona, wo Nanni Moretti im Februar das Mikrofon ergriffen hat, um mit der Linken abzurechnen. Italien ist in zwei Lager gespalten. Wo stehen Sie?

Diese Demonstrationen gehen mir furchtbar auf die Nerven! Dieses Geschwätz! Von der Politik erwarte ich gar nichts. Wir leben in einem Jahrhundert der Desillusion. Ich bin mein Leben lang eine Linke gewesen. Aber diese neue Linke in Italien gefällt mir nicht. Zum Prinzip der Demokratie gehört der Wechsel. Daran glaube ich. Deshalb muss Berlusconi die Chance haben zu regieren. Sehen wir doch mal, was er nach vier Jahren hinkriegt hat. Dann ist die nächste Wahl, und entweder schicken wir ihn zum Teufel oder wir lassen ihn weitermachen.

Aber die Kritik an Berlusconis Medienmacht und der Justiz-Politik ist doch nicht grundlos.

Ja, aber der Gegner wird dämonisiert. Von beiden Seiten. Die Linke mit ihrer großen Idee von sozialer Gerechtigtkeit und einer gerechter organisierten Gesellschaft definiert sich doch nur noch über den „Feind“. Zuerst war das Andreotti, dann Craxi, jetzt Berlusconi. Die einzige Idee dahinter ist doch: Wenn der tot ist, dann ist wieder alles in Ordnung. So geht das doch nicht. Italien ist ein Land der Mitte. Mal ist die Mitte ein bisschen mehr links, mal ein bisschen mehr rechts. Wenn es wenigstens eine Auseinandersetzung über politische Programme gäbe! Nein, ich erwarte nichts mehr. Wir sind die großen Desillusionierten.

Das Gespräch führte Sabine Heymann.

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