Wolfgang Leber im Märkischen Museum : Grundrauschen der Großstadt

Schemen und Chiffren: Das Märkische Museum ehrt den Berlin-Maler Wolfgang Leber mit einer großen Retrospektive, die Werke aus den vergangenen fünfzig Jahren zeigt.

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Konstruktionen, Konstellationen. Das Gemälde „Rotes Atelier“ von Wolfgang Leber entstand 1971.
Konstruktionen, Konstellationen. Das Gemälde „Rotes Atelier“ von Wolfgang Leber entstand 1971.Ilona Ripke / VG Bild-Kunst

Eine Frau steht am Fenster, halb verdeckt. Um sie herum überlagern sich weiße Flächen wie Spiegel, Raumgrenzen, Durchblicke und Wände. Ein wenig Jan Vermeer steckt in dem Motiv, auch Oskar Schlemmer und Henri Matisse. Das ergibt Brechungen und Transparenzen: ein typischer Wolfgang Leber. Der Berliner Künstler hat das Großformat 1978 gemalt. Neben seinen neueren Arbeiten hängt das Bild ganz bruchlos, weder alt noch neu, genauso frisch, genauso klassisch.

Hundertvierzig Werke aus fünfzig Jahren versammelt die Retrospektive im Märkischen Museum. Sie ehrt einen Maler, den man in seiner Stadt kaum noch kennt. Im Februar ist Leber achtzig Jahre alt geworden. Mit elastischem Schritt schreitet Wolfgang Leber durch die Ausstellung, ein Flaneur noch immer, mit unaufgeregtem Habitus und ruhigem Blick. Aquarellartige Transparenz zeichnet viele Gemälde Lebers aus. Das macht sie leicht und luftig, trotz klarer Linienstrukturen und leuchtender Töne.

Er selbst erklärt seine Vorliebe fürs verdünnte Kolorit lachend mit seiner Sparsamkeit: Wer die Farbe stark verdünnt, braucht weniger Material. Und das war in der DDR häufig knapp für einen, der außerhalb des offiziellen Betriebs arbeitete. Eingeschränkt habe ihn das Regime nicht, meint Leber beim Gang durch die Ausstellung: „Man steht ja im Atelier, da ist keine Aufsicht. Da hatte ich die Freiheit, zu malen, was ich wollte. Der Druck kam dadurch, dass man nicht genügend Ausstellungsmöglichkeiten hatte.“

Bilder, die sich aus der Gegenwart lösen

Auf seine Idee hin entstand 1973 die Galerie am Prater im Prenzlauer Berg als freie Plattform für junge Kunst. Mit befreundeten Künstlern wie Lothar Böhme, Harald Metzkes und Dieter Goltzsche wird er zur Berliner Schule gezählt, die sich ideologisch aus der DDR ausklinkte und eigene Traditionslinien der Moderne von Pablo Picasso und Co. aus weiterspann. Sein Grafikstudium hatte Leber 1957 noch in West-Berlin begonnen, bevor der Mauerbau den 25-Jährigen im Osten festsetzte.

Gesehenes verwandelt er in Anlässe für Bilder, die ganz für sich stehen und sich ablösen aus der Gegenwart. In Lebers frühen Zeichnungen aus den sechziger Jahren sind die Berlin-Motive noch identifizierbar: Mühlendammschleuse, Fischerinsel, Stadthaus. Später verflüchtigt sich das Topografische, ein Grundgeräusch der Großstadt bleibt. Leber verknappt die Form, macht der Farbe Platz. Blau, Altrosa, Lindgrün, Mattrot löst sie sich vom Gegenstand und bewegt sich frei im Bildraum, breitet sich aus, kennt Grenzen oder geht über sie hinweg.

Gezeichnet hat Wolfgang Leber draußen viel, gemalt nur im Atelier. Manchmal genügt ihm ein unscheinbares, zufälliges Motiv. Aus seinem Atelier in einer Fabriketage an der Schönhauser Allee blickte er in ein erleuchtetes Interieur, mit Menschen darin. Ihre Gesichter interessierten ihn nicht. Aber die Konstellation, das Ineinander von innen und außen gab Anregung für mehrere Bilder.

Die Großstadt kommt leise daher, wie aus bunten Glasscheiben gemacht

Menschen bevölkern Wolfgang Lebers Stadträume nur als Schemen und Chiffren von Sitzenden, Stehenden und Schreitenden. Oft kommt der Bildkonstrukteur ganz ohne sie aus. Aber die Verbindung zur Wirklichkeit will der Künstler nicht verlieren, auch nicht in den neueren Arbeiten seit 2000, die oft abstrakter wirken, aber immer einen Mond, eine Mietshausfassade oder wenigstens eine Regenrinne beinhalten.

Seit gut zwanzig Jahren hat der Maler sein Atelier auf der Terrasse einer Einkaufspassage gegenüber der Marienkirche, also mittendrin in Berlin. Doch in seinen Bildern kommt die Großstadt leise daher, wie aus bunten Glasscheiben gemacht. Und neuerdings interessieren ihn auch andere Sujets. Streng stilisierte Akte ritzt er als zarte Reliefs in Steinplatten, die er weggeworfen auf Friedhöfen findet. Eine alte Tür, irgendein Brett kann als Druckstock für seine Holzschnitte dienen. Aus allem, was die Großstadt bietet, lässt sich etwas machen. Wer dazu beim Ausstellungsdurchgang Lust bekommt, kann es bei einem Bildhauer-Workshop im Hof des Märkischen Museums selbst ausprobieren.

Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, bis 25. 9.; Di bis So 10 – 18 Uhr

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