Zeit SCHRIFTEN : Wintermärchenblut aus Babylon

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Wie viele Leser ein Gedicht braucht, damit es sich aus der Einsamkeit des Papiers befreit und in ein Leben aufmacht, das womöglich neues lyrisches Leben zeugt, lässt sich klar beantworten. Norbert Hummelt hat durch seine Poetenfreundin Sabine Schiffner am eigenen Leib erfahren, dass die kritische Masse bei eins liegt. Wenn etwa seine „strandschrift“, wie er im jüngsten Heft der „Horen“ (Nr. 246, Wallstein Verlag, 280 S., 16,50 €) schreibt, auch nur einem Menschen dazu habe verhelfen können, „die Angst vor dem Tod wenigstens etwas kleiner zu machen, dann hat sich das Schreiben dieses Gedichts gelohnt für mindestens zwei Menschen, einen, der schrieb, und einen, der liest.“

Natürlich steigen die Chancen, Widerhall zu finden, mit der Frequenz des Eindringens in fremde Hirnhälften und der Zahl der Zungen, die es bewegt. Das gewöhnliche Schicksal des Gedichts dürfte aber gerade seine Einsamkeit in der Masse sein: ein Hinwegtauchen unter gleichgültigen Augenpaaren und ein Durchrauschen durch müde Ohren – was mindestens so oft an den Versen wie an den Augen und Ohren liegt. „Sofort angestochen“ zu werden, wie es Nico Bleutge mit Marcel Beyers „Dunklen Augen“ geschah, ist die Ausnahme, die auf der Regel beruht. Schon die ersten Zeilen versetzten ihn in unheimliche Kindheitsnächte zurück: „In manchen Stunden werden meine Augen / dunkel, dann rase ich zurück in meine / Dunkelheit, bevor die ersten Worte / kamen“.

Uwe Kolbe wiederum beschwört das Entsetzen im Angesicht von Christoph Meckels Zyklus „Jasnandos Nachtlied“, dem man „mit aller gebotenen Stummheit, mit aufklaffendem Maul“ lauschen müsse, während da einer „die unaufgeräumten Zimmer des Tango verlässt, die Hand um den Messergriff legt, zusticht, das Messer in der eigenen Brust dreht, einsam im Auftakt, einsam in den Bars, einsam in den öden Gegenden in einem Gedicht-Buick, einsam auf der Party, einsam beim Beischlaf, wechselnd von Jamben auf Trochäen, wenn er hingeht und mit dem Blut des Flamenco schreibt, das sein babylonisches Wintermärchenblut ist“.

Wo diese körperliche Erfahrung fehlt, die sich auch in lichteren Regionen ereignen kann, haben Gedichte es schwer. Aber selbst wo die Stimmen und subjektiven Empfindsamkeiten eines Autors in den Hintergrund und das rein Lautliche des Wortmaterials in den Vordergrund tritt, entstehen unwillkürlich Echoräume, die nicht erst schweres analytisches Geschütz aufbrechen muss.

Unter der Leitfrage „Gibt es ein Gedicht, das einen so über die Maßen mitgenommen hat, dass man es im Kopf immer bei sich trägt, das einen nicht in Ruhe lässt?“ haben Jürgen Krätzer und Kerstin Preiwuß in „Dichter über Dichter“ eine „Privatgalerie poetologischer (Selbst)Auskünfte“ zusammengetragen. Mit dem Hölderlin entlehnten Motto „Die eigene Rede des anderen …“ im Titel bietet der Band eine kleine Schule der zeitgenössischen Gedichtlektüre. Poetenpaarweise geht es 22-mal quer durch den lyrischen Gemüsegarten, fast immer mit einer Replik desjenigen dem die Hommage zuteil geworden ist. Vom weiterschreibenden Remix, den Kathrin Schmidt Marion Poschmann widmet, bis zu Norbert Langes Leseanleitung von Richard Duraj, von der Anverwandlung also bis zum empathischen Metatext, werden hier Gedichte aufgeschlossen.

Bei Durajs „in the shell“ ist der Hinweis, dass sich hinter seiner typografischen Schreckgestalt die Pac-Man-Feinde Blinky, Pinky, Inky und Clyde verstecken, elementar, und ohne Katja Lange-Müllers Erinnerung an die brandenburgische Lungenheilstätte, die Uwe Kolbes gleichnamiges „Sommerfeld“ evoziert, verstünde man nur die Hälfte. Doch fast alle Texte vermitteln über solche Interpretationshilfen hinaus eine ansteckende Begeisterung. Man höre nur, mit welcher Insistenz Lutz Seiler eine Zeile von Jörg Schieke wiederholt: „du willst dich weit aus dieser gegend beugen“ – und man hätte selber gerne einen solchen Wurm im Ohr. Wenn diese Dialoge überwiegend junger bis jüngster Dichter eines schaffen, dann ist es das Vermögen, etwas von den Reizen zu vermitteln, die Gedichte aussenden und jeden neu anfliegen müssen: zur rechten Zeit, am rechten Ort – und mit der Fähigkeit, jeden „Verdacht auf veredeltes Gekritzel“ (Mara Genschel) zu zerstreuen.

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