Zum 70. Geburtstag : Otto Sander: Der Glücksrabe

"Humor kommt aus der Trauer", hat man ihn einst gelehrt. Otto Sander, der am Donnerstag 70 wird, hält seit Jahrzehnten die Schwebe zwischen Lachen und Jammer, im Leben wie im Spiel.

von
Arbeitsam. Wäre ja zu schön, wenn alles im Schlaf kommt! Die Technik hat sich Otto Sander erarbeitet, die Musikalität ist angeboren. „Timing“, sagt er, „ist keine Stadt in Mittelchina.“
Arbeitsam. Wäre ja zu schön, wenn alles im Schlaf kommt! Die Technik hat sich Otto Sander erarbeitet, die Musikalität ist...Foto: Thilo Rückeis

Darauf ist Otto Sander schon ein bisschen stolz. „Ich bin der einzige Schauspieler, der beide Chaplin-Stiefel besitzt, den rechten und den linken!“ Es sind die geknautschten Latschen des Tramps, aber aus Bronze und mit einem Eisenfuß. Sauschwer. Einer steht zuunterst im Bücherregal, der andere „zum Auslüften“ auf dem Balkon – beide hat Otto Sander vor Jahren bekommen als bester Darsteller beim Deutschen Filmpreis.

Wenn man ihn kurz vor seinem morgigen 70. Geburtstag in der durch allerlei Künstlerfeste legendären Altbauetage in Berlin-Schöneberg besucht, wo er mit seiner Frau, der Schauspielerin Monika Hansen – und früher auch den Kindern Ben und Meret Becker –, seit 1974 wohnt, dann ist schnell die Komik im Spiel. Schon im Flur hängen Fotos mit Widmungen etwa des Clowns Charlie Rivel und des Freundes Vicco von Bülow alias Loriot. Und bei seiner eigenen Signatur macht Otto Sander das „O“ mit zwei Punkten und Strichen gerne zum Mondgesicht, in dem der Mund die Schwebe hält: zwischen Lachen und Jammer.

Rollenspiele. Otto Sander 1991 als Amphitryon mit Jutta Lampe.
Rollenspiele. Otto Sander 1991 als Amphitryon mit Jutta Lampe.Foto: Ruth Walz

Darum geht’s ja bei allen Untiefen und Abgründen der Schauspielerkomik. „Otto, Humor kommt aus der Trauer“, hat ihn einst der große kleine Komödiant Curt Bois gelehrt. Mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Bois, der noch im hohen Alter vorm Friedhof am liebsten ein Freudenhaus besuchte, hatte er in Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“ gespielt. Und mit seinem Engel-Kollegen Bruno Ganz hat er danach über Bois (und den Antipoden Bernhard Minetti) einen bewegenden Dokumentarfilm gedreht. „Man muss selber der Unglücksrabe sein, damit die Zuschauer lachen“, sagt Sander beim mittäglichen Tee und den dauertäglichen Gauloises Blondes. „Ich muss stellvertretend ins Unglück rennen, das ist für mich Komik.“

1981 als Kapitän Thomsen zwischen Herbert Grönemeyer (l.) und Jürgen Prochnow in Wolfgang Petersens „Das Boot“.
1981 als Kapitän Thomsen zwischen Herbert Grönemeyer (l.) und Jürgen Prochnow in Wolfgang Petersens „Das Boot“.Foto: Neue Constantin

Der Fastsiebziger mit dem Haar und dem Schnauzer so rötlich wie seine Zigarettenschachtel zeigt oft ein noch bubenhaftes Grinsen. Und ist im nächsten Moment so stoisch ernst, als hätte er statt Chaplinschuhen eher die melancholische Maske eines Buster Keaton verdient. „Otto ist sehr wortwitzig, aber sein Humor bleibt immer trocken. Obwohl er auch ein großer Sentimentaler ist und ganz nah am Wasser gebaut.“ Das erzählt, als er mal aus dem Zimmer geht, Monika Hansen über ihren Mann. Doch verrät sie kein Geheimnis. Sander meint selber: „Ich lache nie laut. Und weine leicht. Wenn ich Kindern die Weihnachtsgeschichte vorlese, Lukas-Evangelium Kapitel 2, die Engel verkünden es den Hirten und ,Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen’ – dann kommen mir jedes Mal die Tränen.“ Auch jetzt. Das ist hier keine Frage des Glaubens, sondern des Gemüts.

Lesen Sie weiter auf Seite 2

7 Kommentare

Neuester Kommentar