Zypern und die Finanzkrise : Deutschland, das kapitalistische Über-Ich

Was auf Zypern passiert, markiert eine Wende in der europäischen Krise - so sehen es zumindest die Südeuropäer. Antonis Liakos, Professor in Athen, schreibt über Deutschlands Macht und die Rückkehr des Kolonialismus.

Antonis Liakos
Eine zyprische 2-Euro-Münze
Eine zyprische 2-Euro-MünzeFoto: dpa

Warum verwandeln sich Wohlstandgesellschaften in Armutsgesellschaften? Warum werden Krankenhäuser, Schulen, soziale Dienste abgewickelt? Warum werden die produktivsten Jahrgänge durch die Arbeitslosigkeit vergeudet? Warum werden grundlegende Entscheidungen, die das Schicksal der Menschen betreffen, außerhalb des Parlaments und ohne demokratische Verfahren getroffen? Welches Gespenst geht um in Europa und bringt Unglück über so viele Länder?

Europa hat keinen großen Krieg verloren. Im Gegenteil, es hat seine Einigung erreicht und zwanzig Jahre Wachstum hinter sich. Europa war zu einem beneidenswerten Ort geworden, zum Traum für Millionen junger Menschen aus Asien, Afrika und Lateinamerika, die alles aufs Spiel setzen, um unter seinem Himmel zu leben. Was aber ist passiert? Warum wurde die europäische Einigung nicht zu Ende geführt? Warum öffnen sich wieder tiefe Gräben zwischen dem Norden und Süden, zwischen West- und Osteuropa, zwischen Reich und Arm?

Die Etappen der Zypern-Krise
Die Sprache der Krise, das Bild der Krise, das uns Deutsche sicher am meisten aufregt: Während in der Politik über die Maßnahmen debattiert wurde, gehen die zyprischen Bürger auf die Straße. Aufgrund ihrer starren politischen Strategie in der Krise wird Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal mehr mit Hitler verglichen. Allerdings zogen nicht nur die Demonstranten solche Vergleiche heran, um ihren Unmut zu äußern. Auch der Sprecher des russischen Staatsfernsehens assoziierte Merkel am 23.03.2013 mit Hitler. Außerdem verglich er den Rettungsplan und die darin enthaltenen Konditionen über die Zwangsabgaben mit der Beschlagnahme des jüdischen Vermögens im Dritten Reich. Im folgenden die Etappen der Zypern-Krise.Weitere Bilder anzeigen
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28.03.2013 09:47Die Sprache der Krise, das Bild der Krise, das uns Deutsche sicher am meisten aufregt: Während in der Politik über die Maßnahmen...

Zuletzt wurde Zypern von dem Übel erfasst. Dabei war es eines der wenigen Länder, die beim Eintritt in die Euro-Zone die Bedingungen erfüllten. Gewiss, die Insel hatte einen aufgeblähten Finanzsektor, aber nicht übertrieben größer als andere europäische Staaten. Ohne Schaffung eines Finanzzentrums hätte sie sich nicht von der Spaltung im Jahr 1974 erholen können. Zypern war eine Mischung alter und neuer Strukturen, aus protektionistischem Zunftwesen und internationalen Märkten. Wenn die EU wie eine bürokratische Normalisierungsmaschinerie funktioniert, wäre die zyprische Ausnahme früher oder später an ihr Ende gekommen. Die Heftigkeit jedoch löst Erstaunen aus.

Die zyprische Krise hat viele Ursachen: der hair cut der griechischen Staatsanleihen, die hochriskanten Darlehen an Politiker und Oligarchen, die Inkompetenz der zyprischen politischen Führung. Diese Gründe führen zu einer Verkettung, die aus der Krise des europäischen Südens insgesamt herrührt. Die Krise erscheint hier als Krise der Staatsfinanzen, dort als Krise des Bankensektors. Gemeinsam ist die negative Differenz zwischen der Wachstumsrate und dem Darlehenszins. Und warum gibt es kein Wachstum? Der europäische Süden ist eingeklemmt zwischen Deutschland einerseits und den aufkommenden Märkten Asiens andererseits. Die Konkurrenzfähigkeit des Südens leidet Not, er muss seinen Lebensstandard und seine sozialen Leistungen absenken, während sein Überschuss in den Norden abfließt.

Hier verquicken sich verschiedene Modelle von Wirtschaft und Politik, die nicht nur auf Zypern vorkommen, sondern den Übergang von einer historischen Epoche zu einer anderen charakterisieren. Es handelt sich auch nicht um pathologische Zustände, sondern um Verdichtungen geschichtlicher Zeit unter konkreten örtlichen Bedingungen. Die heutige Krise in Griechenland wie auch in Zypern ist der fehlenden Anpassung an das neue, nach und nach oktroyierte ökonomische Modell geschuldet – und zugleich der Anpassung an eben dieses Modell. Die Krise ist ein Ausfluss des Modells und zugleich Ergebnis von Konflikten mit ihm. Die Krise hat mit der Koexistenz verschiedener Ausprägungen von Modernität zu tun.

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