Affäre Wulff : Mit einer Entschuldigung ist es nicht getan

Selbstbegnadigungen misslingen immer: Die Öffentlichkeit verzeiht am ehesten, wenn jemand seine Fehler ohne weitere Rechtfertigungsversuche eingesteht.

Klaus-Michael Kodalle
„Wulff muss weg, Wulff muss weg“, skandieren die Menschen und schwingen drohend Schuhe über ihren Köpfen.Weitere Bilder anzeigen
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07.01.2012 16:28„Wulff muss weg, Wulff muss weg“, skandieren die Menschen und schwingen drohend Schuhe über ihren Köpfen.

Angesichts des Eifers, mit dem die Medien auch kleinere Fehler höchster Amtsinhaber anprangern und mit dosierten Neu-Enthüllungen die Empörung der Bürger am Kochen halten, wird zuweilen – eher als leiser Zwischenruf – die Frage laut, wie es denn um die Einstellung zur Vergebung in dieser Gesellschaft stehe. Das mediale Bild ist diffus. Allemal scheint die kollektive Wahrnehmung von Verfehlungen und ihre mediale Aufbereitung im Vordergrund zu stehen, während das Wissen über die innere Logik von Entschuldigung und Vergebung relativ ungeklärt bleibt. Freilich, in spektakulären Ausnahmefällen berichten die Medien über Akte der Vergebung – so zum Beispiel, wenn ein Papst (Johannes Paul II.) seinen Attentäter in der Gefängniszelle besucht und ihm verzeiht. Oder wenn ein Opfer der Apartheitspolitik wie Nelson Mandela zusammen mit Bischof Tutu es wagt, mit einer Politik der Verbindung von Wahrheit und Vergebung die zutiefst zerrissene Nation zu versöhnen.

In das Szenario ist auch die Beobachtung einzufügen, dass in den vergangenen 20 Jahren in europäischen Ländern nach Krisen und moralisch bedenklichen Handlungsweisen so häufig wie nie zuvor von „Verantwortlichen“, die für sich oder für ganze Gruppen sprachen, eine Rhetorik des Sich-Entschuldigens praktiziert wurde. Da es keinen wirklichen Adressaten gibt, der die Entschuldung gewähren könnte, muten diese Akte allerdings wie Vorgänge der Selbstentschuldung oder Selbstbegnadigung an. Diese Appelle verfangen bei den Bürgern so wenig, weil diese im Innersten wohl ahnen, dass man sich selbst gar nicht entschulden kann, sondern dass es dafür immer eines anderen bedarf, der die Entschuldung gewährt. Man kann also nur um Entschuldigung bitten. Einen Anspruch auf Entschuldung gibt es nicht.

Eine Besinnung auf das, was Vergebung/Verzeihung ist und wie sie sich im öffentlichen Raum artikuliert, legt einen behutsamen und reflektierten Umgang mit dieser Kategorie nahe. Denn sie gehört vorrangig in den Bereich der personalen Kommunikation: Ein Geschädigter gewährt einem Übeltäter Vergebung. Dem Täter wird in diesem Akt zugesagt, er sei wieder als integre Person respektiert. Die Vergebungszusage kann auch einer Reue-Bekundung zuvorkommen! Denn oftmals löst erst solch ein Wagnis jenen Prozess aus, in dem sich ein Übeltäter seinen eigenen Abgründen stellt, weil er nämlich nicht mehr befürchten muss, als Person mit seinen Taten schlechthin identifiziert zu werden. In diesem Fall ist Verzeihung eine Voraussetzung der Reue. Im öffentlichen Raum, in dem man gar nicht unmittelbar betroffen ist, sich jedoch emotional mit Opfern oder auch Institutionen identifiziert, weil die Verletzung von Recht oder Moral „irgendwie“ alle betrifft, ist eher eine Abschwächungsform der Vergebung, die Nachsicht, zu erwarten oder zu erhoffen. Auch die Bereitschaft, kleinere Fehler oder Missgriffe bewusst zu übersehen, gehört in diesen Kontext der Nachsichtigkeit.

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