Affäre Wulff : Mit einer Entschuldigung ist es nicht getan

15.01.2012 00:00 UhrVon Klaus-Michael Kodalle
  • „Wulff muss weg, Wulff muss weg“, skandieren die Menschen und schwingen drohend Schuhe über ihren Köpfen. - Foto: Reuters
  • Es sieht aus, als wollten sie den Bundespräsidenten persönlich aus dem Schloss Bellevue und aus dem Amt jagen. - Foto: AFP
  • Sie stehen am frühen Samstagnachmittag vor Christian Wulffs Amtssitz in Berlin, über dem hoch am Mast der Bundesadler weht - das offizielle Zeichen für die Anwesenheit des... - Foto: AFP

Selbstbegnadigungen misslingen immer: Die Öffentlichkeit verzeiht am ehesten, wenn jemand seine Fehler ohne weitere Rechtfertigungsversuche eingesteht.

Angesichts des Eifers, mit dem die Medien auch kleinere Fehler höchster Amtsinhaber anprangern und mit dosierten Neu-Enthüllungen die Empörung der Bürger am Kochen halten, wird zuweilen – eher als leiser Zwischenruf – die Frage laut, wie es denn um die Einstellung zur Vergebung in dieser Gesellschaft stehe. Das mediale Bild ist diffus. Allemal scheint die kollektive Wahrnehmung von Verfehlungen und ihre mediale Aufbereitung im Vordergrund zu stehen, während das Wissen über die innere Logik von Entschuldigung und Vergebung relativ ungeklärt bleibt. Freilich, in spektakulären Ausnahmefällen berichten die Medien über Akte der Vergebung – so zum Beispiel, wenn ein Papst (Johannes Paul II.

) seinen Attentäter in der Gefängniszelle besucht und ihm verzeiht. Oder wenn ein Opfer der Apartheitspolitik wie Nelson Mandela zusammen mit Bischof Tutu es wagt, mit einer Politik der Verbindung von Wahrheit und Vergebung die zutiefst zerrissene Nation zu versöhnen.

In das Szenario ist auch die Beobachtung einzufügen, dass in den vergangenen 20 Jahren in europäischen Ländern nach Krisen und moralisch bedenklichen Handlungsweisen so häufig wie nie zuvor von „Verantwortlichen“, die für sich oder für ganze Gruppen sprachen, eine Rhetorik des Sich-Entschuldigens praktiziert wurde. Da es keinen wirklichen Adressaten gibt, der die Entschuldung gewähren könnte, muten diese Akte allerdings wie Vorgänge der Selbstentschuldung oder Selbstbegnadigung an. Diese Appelle verfangen bei den Bürgern so wenig, weil diese im Innersten wohl ahnen, dass man sich selbst gar nicht entschulden kann, sondern dass es dafür immer eines anderen bedarf, der die Entschuldung gewährt. Man kann also nur um Entschuldigung bitten. Einen Anspruch auf Entschuldung gibt es nicht.

Eine Besinnung auf das, was Vergebung/Verzeihung ist und wie sie sich im öffentlichen Raum artikuliert, legt einen behutsamen und reflektierten Umgang mit dieser Kategorie nahe. Denn sie gehört vorrangig in den Bereich der personalen Kommunikation: Ein Geschädigter gewährt einem Übeltäter Vergebung. Dem Täter wird in diesem Akt zugesagt, er sei wieder als integre Person respektiert. Die Vergebungszusage kann auch einer Reue-Bekundung zuvorkommen! Denn oftmals löst erst solch ein Wagnis jenen Prozess aus, in dem sich ein Übeltäter seinen eigenen Abgründen stellt, weil er nämlich nicht mehr befürchten muss, als Person mit seinen Taten schlechthin identifiziert zu werden. In diesem Fall ist Verzeihung eine Voraussetzung der Reue. Im öffentlichen Raum, in dem man gar nicht unmittelbar betroffen ist, sich jedoch emotional mit Opfern oder auch Institutionen identifiziert, weil die Verletzung von Recht oder Moral „irgendwie“ alle betrifft, ist eher eine Abschwächungsform der Vergebung, die Nachsicht, zu erwarten oder zu erhoffen. Auch die Bereitschaft, kleinere Fehler oder Missgriffe bewusst zu übersehen, gehört in diesen Kontext der Nachsichtigkeit.

Videos - Meinung

Umfrage

Das DFB-Bundesgericht hat entschieden, dass Herthas Relegationsspiel gegen Düsseldorf nicht wiederholt wird. Eine richtige Entscheidung?

Service

Harald Martenstein

Foto:

Tagesspiegel-Texte von und über den Kolumnisten Harald Martenstein.

Zur Artikelübersicht

Weitere Themen

Stephan-Andreas Casdorff

Foto:

Tagesspiegel-Texte von und über den Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff.

Zur Artikelübersicht

Umfrage

Karneval der Kulturen 2012. Auf was freuen Sie sich am meisten?

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Lorenz Maroldt

Foto:

Tagesspiegel-Texte von und über den Chefredakteur Lorenz Maroldt.

Zur Artikelübersicht

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen

Harald Schumann

Foto:

Alle Tagesspiegel-Texte von und über Harald Schumann.

Harald Schumann