Debatte um Erziehungsinhalte an Schulen : Sexuelle Vielfalt darf nicht zur Ideologie werden

Seit Wochen wird über den Umgang mit sexueller Vielfalt im Unterricht diskutiert. Doch bei der Debatte geht es nicht mehr so sehr um die Rechte von Minderheiten, sondern um das Erziehungsrecht der Eltern: Einem Staat steht es nicht zu, den Unterricht zu ideologisieren.

Christoph Lehmann
Spätestens seit dem Outing von Thomas Hitzlsperger gibt es eine neue Debatte über den Umgang mit sexueller Vielfalt in Deutschland. Foto: dpa-pa
Spätestens seit dem Outing von Thomas Hitzlsperger gibt es eine neue Debatte über den Umgang mit sexueller Vielfalt in...Foto: dpa-pa

Eigentlich würde man ja meinen, dass die Sexualerziehung in der Schule bildungspolitisch ein Thema von gestern sei. Weit gefehlt: Sowohl in Frankreich als auch dem sonst doch so beschaulichen Ländle gibt es gegenwärtig kaum ein leidenschaftlicher diskutiertes Thema als die Sexualerziehung in den Schulen. In Baden-Württemberg sollen nach dem Bildungsplan 2015 die Lebensformen von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender und Intersexuellen (im Bildungsjargon LSBTTI-Menschen) nicht nur im Sexualkundeunterricht, sondern fächerübergreifend behandelt werden. In einigen Bundesländern, darunter Berlin und Nordrhein-Westfalen, ist dies bereits Realität.

In Frankreich hat die Regierung das Pilotprojekt „ABCD de l’égalité“ gestartet, eigentlich ein pädagogisches Programm zur Gleichheit von Mädchen und Jungen, hinter dem viele Menschen allerdings ähnliche Bildungsziele vermuten wie in Baden-Württemberg. Eltern befürchten nun, dass ihre Kinder „umerzogen“ werden und kritisieren die Reformen zum Teil heftig und polemisch. In Baden-Württemberg haben rund 200.000 Menschen im Internet die Gegner der neuen Lehrpläne unterstützt, in Frankreich wurde in der letzten Woche von Eltern der Unterricht boykottiert und am Sonntag demonstrierten weit über 100.000 Teilnehmer der Initiative "Manif pour tous" in Paris und Lyon auch wegen der Sexualerziehung. In allen Fällen war die Reaktion der Kritisierten harsch, teilweise unverschämt.

Die Kritiker und besorgten Eltern (von extremen Fanatikern jeweils abgesehen) als "homophob" zu beschimpfen, ist dabei genauso unsinnig wie die Reformbefürworter als "familiphob" zu bezeichnen, wie dies in Frankreich jetzt geschieht. Nein, keiner stellt ernsthaft die Notwendigkeit in Frage, Kinder und Jugendlichen zu Toleranz gegenüber unterschiedlichen Lebensformen zu erziehen. Und auch Konservative können kaum leugnen, dass die staatliche Anerkennung der Übernahme gegenseitiger Verantwortung von Menschen füreinander etwa in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft hohe Wertschatzung verdient.

Stein des Anstoßes sind Vorstellungen der Gender-Theorie

Was viele Eltern beunruhigt, ist das Gefühl, Kindern und Jugendlichen sollen ideologisiert werden. Stein des Anstoßes sind Vorstellungen der so genannten Gender-Theorie. Diese unterscheidet zwischen natürlichem und sozialem Geschlecht eines Menschen. Eine solche Unterscheidung kann ja soziologisch durchaus zweckmäßig sein. Aber wenn dies mit der Vorstellung verbunden ist, dass das von der Natur vorgegebene Geschlecht eines Menschen weniger entscheidend als das soziale und der Mensch sich letztlich sein Geschlecht aussuchen müsse, kommt darin ein Menschenbild zum Ausdruck, das man vielleicht teilen kann, aber keineswegs muss.

Und in der Tat, Sätze im baden-württembergischen Bildungsreformplan 2015 wie "Schülerinnen und Schüler reflektieren ihre eigenen Bedürfnisse, ihr Körperbild, ihre sexuelle Orientierung und ihr Verhalten in Bezug auf die von der Umwelt geprägten Vorstellungen und treffen selbstbestimmte Konsumentscheidungen" wirken befremdlich. Dies gilt insbesondere für Menschen, die von der revolutionären These ausgehen, dass ein Mensch nun einmal als Mann oder Frau geboren wird, die Geschlechtlichkeit auch die natürliche Voraussetzung für den Erhalt der Menschheit ist und Sexualerziehung Kindern und Jugendlichen vor allem beim verantworteten Umgang mit ihrer Geschlechtlichkeit helfen soll.

Allein der Verdacht einer Ideologisierung ist gefährlich

Wie auch immer man über verschiedene Fragen denkt, eines ist klar: Hier geht es nicht mehr so sehr um die Rechte von Minderheiten, sondern um das Erziehungsrecht der Eltern. Natürlich darf und muss der Staat auch in der Erziehung Intoleranz entgegenwirken. Und keiner wird leugnen können, dass wir hier im Umgang mit sexuellen Minderheiten lange Nachholbedarf hatten und teilweise noch haben. Aber es steht einem Staat nicht zu, den Unterricht unter dem Vorwand falsch verstandener Toleranz zu ideologisieren. Und allein der Verdacht einer solchen Ideologisierung ist gefährlich.

Was wir brauchen, ist eine sachliche inhaltliche Debatte über die Erziehungsinhalte. Nur das wird das Misstrauen der Eltern beseitigen. Es gilt, ein vernünftiges Gleichgewicht zu finden zwischen der Erziehung zum Verständnis für Menschen, die andersartig sind als man selbst, einerseits und dem elterlichen Erziehungsrecht andererseits. Wer nicht bereit ist, diese Diskussion zu führen, sondern einseitig seine ideologischen Vorstellungen durchsetzen will, der muss sich selbst fragen lassen, wie weit her es mit seiner Toleranz und seinem Freiheitsverständnis ist.

Christoph Lehmann ist Rechtsanwalt in Berlin und stellvertretender Bundesvorsitzender der Katholischen Elternschaft Deutschlands.

 

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