Gastkommentar : Alice Schwarzer hat uns Frauen nicht befreit

Frauen erobern Unternehmensvorstände, hängen die Männer beim Fußball ab. Wir werden von einer Kanzlerin regiert. Mit Alice Schwarzer und ihren Emmas hat das alles wenig zu tun. Ein Gastkommentar.

Sibylle Krause-Burger
Alice Schwarzer
Alice SchwarzerFoto: dpa

So lange ist das her, mir aber noch ganz gegenwärtig. Eine Pressekonferenz im Stuttgarter Hotel Zeppelin. Der große Jean-Paul Sartre hatte sich zum kleinen Instrument der RAF erniedrigen lassen, hatte den Terroristen Andreas Baader im Stammheimer Gefängnis besucht und das arme, liebe Mörderchen anschließend vor den Medienleuten mächtig bedauert. Zum journalistischen Tross des Philosophen gehörte eine junge Person, düster und in Wallawalla gewandet, Alice Schwarzer, die mit wehenden Tüchern durch den Saal flatterte und sich, man wusste nicht recht warum, gewaltig aufplusterte.

Wenig später, als sie im deutschen Fernsehen mit der Ärztin und Autorin Esther Vilar streiten durfte, wurde sie richtig berühmt. Vilar sah die Männer als Opfer weiblicher Ausbeutung, Schwarzer begriff die Frauen als unterdrückt. Sie war die Fortschrittliche, die wortgewandte Kämpferin auch gegen den Abtreibungsparagraphen 218. Ihre manische Männerfeindlichkeit irritierte mich freilich schon damals.

Trotzdem sah ich mich meistens auf ihrer Seite: Denn junge Frauen, wenn sie Familie und Beruf vereinbaren wollten, hatten es in den 70er Jahren – und noch lange danach – verdammt schwer. Es gab kaum Kitas, schon gar keine, denen man sein Kind gerne anvertraut hätte. Die Kindergärten machten über Mittag zu, so dass man die Kleinen, kaum hatte man sie hingebracht, wieder abholen und nach einem kurzen Mittagsschlaf abermals abliefern musste. Man kam nicht zum Luftholen, geschweige denn zum vernünftigen Arbeiten. Frauen gehörten eben ins Haus. Das war der Zeitgeist.

Im Vergleich dazu leben junge Frauen heute in paradiesischen Zeiten, wenn sie berufliche Ambitionen und Kindersegen unter einen Hut bringen wollen. Mit zahlreichen familienfreundlichen Gesetzen, mit dem Ausbau von Ganztagskindergärten und -schulen, können sie ihr Leben in Familie und Beruf kaum weniger frei gestalten als die Männer. Natürlich bleibt immer ein Rest an Unlösbarkeit, weil die Babys im Bauch der Mütter wachsen und weil dies eine eigene Art der Bindung und der Verpflichtung schafft.

Heute gestattet sich die Generalsekretärin der Sozialdemokratie, Mutter zu werden und gleichzeitig im Job zu bleiben. Ihr Verein toleriert es. Und die sichtbar schwangere Familienministerin leitet unverdrossen ihr Haus. Das ist jetzt angesagt. Man trägt Bauch. O beneidenswerte Gnade der späten Geburt.

Sibylle Krause-Burger
Sibylle Krause-BurgerFoto: promo

All das belieben Alice Schwarzer und ihre Emmas auf dem Konto ihrer Heldentaten zu verbuchen. Doch da ist so wenig dran wie an der Mär der 68er, mit ihnen habe die Demokratie in der Bundesrepublik erst richtig begonnen.

Nein, das wuchs mit der Moderne im Westen, mit ihren technischen Wundern, die auch die Arbeitskraft qualifizierter Frauen brauchte und mit der Freiheit aller, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren kann. Es blühte auf mit der Pille, die uns erlaubte, das Gebären zu steuern, es wehte von Amerika herüber, auch von Frankreich, wo ganztätige Kinderbetreuung schon lange zum Erziehen gehörte. Und es kam mit den damals jungen Frauen zum Tragen, die nicht auf den Abwegen der albernen, verweiblichenden Sprachregelungen herumturnten oder die Männer verdammten, sondern mit ihnen zusammen – allen Schwierigkeiten zum Trotz – anpackten, was sie anpacken wollten.

Das hat das Feld bereitet, und es hat Konjunktur. Nicht in anderen Weltgegenden, den islamischen zumal, aber bei uns im Westen. Frauen sind Chefärztinnen, Verfassungsrichterinnen, Pilotinnen, Intendantinnen, Unternehmerinnen, Ministerinnen. Sie machen sich auf, die Dax-Vorstände zu erobern, sie hängen die Männer beim Fußball ab. Wir werden von einer Kanzlerin regiert. Frankreichs Finanzministerin, Christine Lagarde, soll den Weltwährungsfonds leiten. Hillary Clinton ist für den Chefposten der Weltbank im Gespräch. Aber immer noch rauscht Alice Schwarzer wallawallahaft durch die Szenen, teilt mit Schaum vor dem Mund in den Talkshows aus, schickt Männer und Kachelmänner zur Hölle, nervt. Wen eigentlich interessiert das noch?

Die Autorin ist Publizistin und lebt in Stuttgart.

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