Gastkommentar : Den städtischen Wandel Berlins als Chance betrachten!

Unser Gastkommentator Murat Tebatebai wundert sich über die zumeist negativ geführte Gentrifizierungsdebatte in Berlin. Mit internationalem Blick plädiert er unter anderem dafür, den Randbezirken mehr Chancen zu geben.

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Archivbild aus der Müllerstraße in Wedding. Viele Geschäfte stehen leer und werden durch Casinos und An- und Verkaufläden ersetzt. Aber das muss kein Dauerzustand bleiben.
Archivbild aus der Müllerstraße in Wedding. Viele Geschäfte stehen leer und werden durch Casinos und An- und Verkaufläden ersetzt....Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es war im August dieses Jahres, als ich mit einem Freund aus London im "Problembezirk" Wedding spazieren ging. Vom Gesundbrunnen schlenderten wir gemächlich Richtung Müllerstrasse. Er fragte mich erstaunt, warum noch niemand auf die Idee gekommen wäre, diese zum Teil sehr schönen Häuserstrukturen zu sanieren. Meine Antwort war schlicht, aber keineswegs despektierlich: Sie sanieren gerade Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln. Wenn sie damit fertig sind, ist der Wedding dran. Die Berliner Innenbezirke, so führte ich weiter aus, seien ein riesiges Filetstück, welche in dreißig Jahren sowohl städtebaulich als auch demographisch nicht mehr wiederzuerkennen sein werden. 

Zurück zur Gegenwart. Das Gespenst der Gentrifizierung geht in Berlin um. Es handelt sich um die Sanierung des inneren Ringes der Stadt und der daraus resultierenden Konsequenz, dass bezahlbarer Wohnraum immer knapper wird. Die Verdrängung der alteingesessenen Wohnbevölkerung – besonders von sozial Schwachen – ist vorprogrammiert. 

Berlin hetzt gegen Schwaben
Einsam kämpft ein junger Schwabe in Berlin gegen Schwabenhass, der sich beispielsweise auf der Karaokebühne im Mauerpark äußert. Er übermalt das Kürzel des Schwabenhassers mit einem Kaninchenkopf und machte aus dem Wort "Hass" das Wort "Hase".Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Doris Spieckermann-Klaas
29.08.2011 14:00Einsam kämpft ein junger Schwabe in Berlin gegen Schwabenhass, der sich beispielsweise auf der Karaokebühne im Mauerpark äußert....

Doch mit welcher Begründung sollte es in Berlin anders laufen als in allen anderen Metropolen der Welt? Und wieso diskutiert man immer über die Nachteile von Veränderung und niemals über die positiven Aspekte? 

Mitte der 90er Jahre hatten Mieter im Prenzlauer Berg am Anfang des Sanierungsbooms viele Privilegien auf ihrer Seite. Sie erhielten während der Sanierung eine Ersatzwohnung und durften in ihre alte Wohnung zurückziehen. Merkwürdig, dass nur wenige Bewohner des Stadtteils ihr Recht in Anspruch nahmen. Die meisten blieben in ihrer Ersatzwohnung oder zogen nach Kreuzberg oder Neukölln um. Sie gehörten damit zur Speerspitze der "Neo-Gentrifizierung". Wären damals nicht so viele Studenten mit dem kompletten Entertainmenttross (Bars, Kneipen, Clubs) dorthin gezogen, hätte sich der Wohnungshype zumindest verzögert. Die Opfer der Verdrängung wurden nicht nur selbst zu Tätern, sondern brachten die Bauunternehmen auf den Geschmack, in den alten und neuen Szenebezirken zu investieren. Mit gegenwärtig identischen Ergebnissen wie im Prenzlauer Berg vor fünfzehn Jahren.

Fotobummel durch Prenzlauer Berg
Willkommen in Prenzlauer Berg! Begleiten Sie uns auf einen Bummel in Bildern durch den Stadtteil. Hier stehen...Weitere Bilder anzeigen
1 von 42Foto: Doris Spiekermann-Klaas.
13.05.2011 14:59Willkommen in Prenzlauer Berg! Begleiten Sie uns auf einen Bummel in Bildern durch den Stadtteil. Hier stehen...

Heute lautet der Vorwurf, dass sozial schwache Einkommensschichten oder Hartz-IV-Empfänger an den Stadtrand gedrängt würden. Dabei wird ganz vergessen, dass zum Beispiel Leistungsempfängern nicht nur der Umzug erstattet, sondern die Mietkosten von den Jobcentern übernommen werden. Ein einmaliger Vorgang weltweit. Und nahezu paradiesische Zustände, wenn man an die Gentrifizierungsprozesse in anderen Regionen der Welt denkt.

 

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