Gastkommentar : "Wir Piraten wollen das Urheberrecht nicht abschaffen!"

Vor einer Woche fragte sich Tanja Dückers in ihrem Beitrag zum Urheberrecht: "Wovon sollen Künstler bitte leben?" Pirat Christopher Lauer antwortet ihr.

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Christopher Lauer, Abgeordneter im Berliner Parlament.
Christopher Lauer, Abgeordneter im Berliner Parlament.Foto: dpa

„Wovon, bitte, sollen Künstler leben?“ wird dieser Tage im Zusammenhang mit der Urheberrechtsdebatte häufig gefragt. Dabei wird auch oft auf die Piratenpartei geschimpft und behauptet, wir wollten das Urheberrecht abschaffen. Ein zentrales Element in dieser Debatte scheint nicht anzukommen. Also wiederhole ich es nochmals - so wie es viele Piraten seit Wochen nicht müde werden, im TV, in Streitgesprächen, in Gastkommentaren und Podien quer durch die  Republik zu wiederholen: Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen. Nochmal: Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen. Und: Die Piratenpartei möchte nicht das Urheberrecht abschaffen.

Wir wollen das Urheberrecht den technischen Realitäten des 21. Jahrhunderts anpassen. Das volle Urheberrecht bleibt für den Urheber, wird auf zehn Jahre statt wie bisher 70 Jahre nach seinem Tod verkürzt. Urheber bekommen die Verwertungsrechte an ihren Werken automatisch nach 25 Jahren zurück, was sie gegenüber Inhalteanbietern stärkt. Werkformen, die zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses nicht existierten, müssen zwischen Urheber und Inhalteanbieter nachverhandelt werden. Wenn heute also nochmal so etwas wie das Internet erfunden werden würde, könnten die Urheber mit den Inhalteanbietern nachverhandeln. Urheberrechtlich geschützte Werke sollen an Schulen und Bildungseinrichtungen kostenlos genutzt werden können. Das Filesharing für den Privatgebrauch soll entkriminalisiert werden. Das heißt, wir möchten nicht, dass Inhalteanbieter potentielle Kunden abmahnen. Die Deutsche Abmahnindustrie nützt weder den Urhebern, noch den Kunden, noch den Inhalteanbietern etwas.

Streit ohne Ende um das Urheberrecht - zum Beispiel auch zwischen Youtube und Gema:

Urheberrecht im Internet: Gema gegen Youtube
Der Song "Fußball ist unser Leben" begleitete die Fußball-WM von 1974, die bekanntlich mit dem Titelgewinn der deutschen Nationalelf endete. Das Lied spielt nun eine zentrale Rolle in einer neuen Plakat-Kampagne der GEMA mit dem Titel "Musik ist uns was wert".
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20.04.2012 11:46Der Song "Fußball ist unser Leben" begleitete die Fußball-WM von 1974, die bekanntlich mit dem Titelgewinn der deutschen...

Außerdem bleibt die Frage: Wie viel Überwachung sind die Anbieter von Inhalten bereit zu akzeptieren, um das private Kopieren von Büchern, Filmen und Musik zu ahnden? Die Forderung nach einer weiteren Kriminalisierung von Filesharing ist am Ende des Tages immer eine Forderung nach mehr Kontrolle und Überwachung.

Aber, das ist mittlerweile auch klar: Es gibt Bedenken, die man ernst nehmen muss. Schließlich dreht sich die Debatte um die Lebensgrundlage der Kreativen. Urheber, Inhalteanbieter und Politik müssen konstruktiv mit diesen Bedenken umgehen und eine gemeinsame Lösung anstreben. Es ist aber wenig konstruktiv, wenn man immer wieder kolportiert, die Piratenpartei wolle das Urheberrecht abschaffen, obwohl dem nicht so ist. So etwas
schafft teils diffuse, teils sehr konkrete Ängste.

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Auf der 6. Re:publica wurde auch wieder viel über das Urheberrecht diskutiert.

Frank Schirmacher forderte in einem bemerkenswerten Beitrag zur Debatte: „Schluss mit dem Hass“. Zurecht. Wie viele „Gastkommentare“ und „Meinungsstücke“ wollen wir eigentlich noch schreiben, bis wir anfangen
aufeinander zuzugehen? Die Debatte war doch schon an einem Punkt, wo wir uns eigentlich einig waren, dass es sinnvoller ist, miteinander zu reden, als das Internet mit Brötchen zu vergleichen.

Es ist übrigens kein Denkfehler, wenn man „Die technischen Gegebenheiten des Internets stehen für uns wie Naturgesetze“ sagt. Das Internet ist das, was es heute ist, weil es technisch die Freiheiten zulässt, die es eben zulässt. Wenn man seine technischen Variablen verändern würde wäre es halt nicht mehr das Internet. Es gibt Naturkonstanten, wie zum Beispiel die Elementarladung oder die Gravitationskonstante. Könnte und würde man die ändern, wäre Leben, so wie wir es kennen, auch nicht mehr möglich.

Bevor wir also das Internet wieder mit Brötchen vergleichen, hier noch eine Antwort auf die Frage, wovon denn ein Künstler leben soll. Von seinen Erzeugnissen natürlich. Für die bekommt er Geld. Er sollte sich also mit seinem Inhalteanbieter damit auseinander setzen, auf welchen Plattformen seine Werke legal zum Kauf angeboten werden. Am Rande sei noch auf eine Studie von Robert  Hammond von der North Carolina State University hingewiesen, die zu dem Schluss kommt, dass Filesharing bei Musik dazu führt, dass mehr Alben verkauft werden.

Oft gebe ich die Namen von Urhebern, die Aufrufe unterzeichnen oder Debattenbeiträge verfassen, bei iBooks oder Amazon ein. Seltenst finde ich dort ihre Werke zum Kauf. Bei The Pirate Bay findet man sie allerdings auch kaum. Spätestens jetzt würde ich als Urheber meinen Inhalteanbieter fragen, warum das so ist.