Gastkommentar zum Integrationsgipfel : Warum der Staat Migranten intensiv fördern muss

In den Großstädten haben immer mehr Kinder einen Migrationshintergrund. Behörden und Schulen dürfen die Augen nicht vor den Realitäten verschließen, sondern müssen im Alltag die Werte dieses Landes entschieden verteidigen.

Günter Krings
Migranten begrüßen Sprach- und Integrationskurse, nicht nur in Deutschland
Migranten begrüßen Sprach- und Integrationskurse, nicht nur in DeutschlandFoto: dpa

Am heutigen Dienstag findet im Bundeskanzleramt der fünfte Integrationsgipfel statt. Viel wurde in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet erreicht, ohne dass wir aber mit den Resultaten zufrieden sein können. Integrationspolitik wurde in der Vergangenheit oft als eine Daueraufgabe bezeichnet. Wenn man in diesem Zusammenhang einen Blick auf die Bevölkerungsentwicklung wirft, ist damit die Bedeutung der Integrationspolitik bestenfalls im Ansatz beschrieben. Nein, Integrationspolitik ist nicht mehr und nicht weniger als eines der zentralen Zukunftsprojekte unserer Gesellschaft. Nur wenn Integration gelingt, hat Deutschland eine gute Zukunft, nicht zuletzt auch wirtschaftlich.

Führen wir uns die Fakten vor Augen: Unsere Gesellschaft altert, die Kinderzahl ist mit 1,4 Kindern pro Frau nach wie vor extrem niedrig. Die Folgen für die sozialen Sicherungssysteme, für das Angebot von Arbeitskräften und das Gleichgewicht von Stadt und Land sind oft beschrieben worden. Deutschland schrumpft, und wenn das momentan noch nicht so deutlich spürbar ist, dann liegt es zuallererst an dem Bevölkerungsanteil, der ausländische Wurzeln hat. Diesem Befund müssen wir noch mehr Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit schenken.

Günter Krings
Günter KringsFoto: Promo

Im Bundesdurchschnitt hat inzwischen jedes dritte Neugeborene einen Migrationshintergrund. In mehreren Großstädten ist es jedes zweite. Zum Vergleich: Bei den 50-Jährigen hat nur jeder sechste ausländische Wurzeln. Vieles spricht dafür, dass diese Zahlen bei den Jüngeren in Zukunft noch steigen werden. Kurz: Die demografische Entwicklung macht einen Erfolg in der Integrationspolitik noch dringlicher.

Wie sollte diese Integrationspolitik aussehen? Die ethische Grundlage, davon sind wir in der Union überzeugt, muss vom Individuum ausgehen. Als Ausdruck des christlichen Menschenbildes müssen wir offen und hilfsbereit gegenüber dem Nächsten sein – unabhängig davon, ob er wirtschaftlich erfolgreich ist oder was er glaubt. Das ist der Grund, weshalb der Staat Migranten intensiv fördert, ja fördern muss. So haben seit 2005 über eine Million Migranten an den steuerfinanzierten Integrationskursen teilgenommen.

Neben dem Fördern ist das Fordern die zweite Säule der Integrationspolitik. Denn die Lebenserfahrung zeigt, dass eine Gruppe insgesamt mehr leistet, wenn man den Einzelnen fordert. Ohne die Beherrschung der deutschen Sprache, ohne Integrationsbereitschaft kommt niemand in der Schule oder in der Arbeitswelt tatsächlich weit und im Endeffekt auch nicht die Gesellschaft.

Integrationspolitik verlangt dabei eine offene Problemanalyse und ein Bewusstsein für die Werte, die Deutschland ausmachen. Gerade weil künftig immer mehr Kinder einen Migrationshintergrund haben, dürfen wir zum Beispiel an den Schulen in Großstädten die Augen nicht vor den Realitäten verschließen.

Behörden und Lehrer sollten nicht wegsehen, sondern im Alltag die Werte dieses Landes entschieden verteidigen: Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Konflikte löst man durch Gespräche. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Ehe und Familie werden besonders geschützt. Jeder kann seine Meinung frei sagen, und jeder kann glauben, was er will. Das sind Grundregeln, die unser Zusammenleben in Deutschland ausmachen. Diese Werte müssen alle Bürger selbstbewusst vertreten, wenn die Integration wirklich gelingen soll. Eine Gesellschaft, die nur mit sich hadert und nicht offensiv für ihre Werte eintritt, entfaltet keine Anziehungskraft, und sie wird es schwer haben, ihren Platz zu halten.

Umgekehrt wird eine Gesellschaft, die sich zu gemeinsamen Werten und gemeinsamer Kultur bekennt, leichter ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. Nur wenn wir Integration und Wertebewusstsein verbinden, werden wir die demografische Herausforderung in Deutschland wirklich meistern.

Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

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