Hilfe für Flüchtlinge : Wir können es!

Unterstützungsangebote müssen koordiniert werden und verpflichtend sein für Zuwanderer. Wer sich entzieht, sollte mit Sanktionen rechnen. Ein Kommentar

Michael Göring
Helfer heißen Neuankömmlinge am Hauptbahnhof in München willkommen und statten sie mit dem Nötigsten aus.
Helfer heißen Neuankömmlinge am Hauptbahnhof in München willkommen und statten sie mit dem Nötigsten aus.Foto: picture alliance / dpa

Die Welle der Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen ist derzeit groß und vorbildlich. Sogar aus dem kritischen Ausland wird Deutschland für die Willkommenskultur seiner Bürger gelobt. Die Zivilgesellschaft zeigt sich von ihrer besten Seite. Doch die freundliche Aufnahme ist die eine Sache, die andere ist, die Zuwanderer möglichst schnell einzubinden, ihnen einen Alltag zu ermöglichen, der sie zu Bürgern macht und sie allmählich aus dem Status der Hilfsbedürftigen herausholt. Auch dabei ist die Zivilgesellschaft gefragt. Und wer in der Welt schon als Meister der Organisation gilt, sollte dies auch hier unter Beweis stellen.

Schulen, Handwerkskammern, Stiftungen und Werkstätten müssen an einem Strang ziehen

Fast die Hälfte der Zuwanderer aus Syrien ist unter 25, darunter viele Kinder und Jugendliche. Was hindert uns, konzertierte Aktionen in allen Bundesländern zu starten, bei denen unter öffentlicher Leitung Schuen, Berufsschulen, Volkshochschulen, Handelskammern, Handwerkskammern, Stiftungen, Lehrwerkstätten und andere zusammenarbeiten, um diese jungen Menschen sinnvoll anzulernen und ihr Potential zu nutzen? Natürlich müssen wir dazu Berufsschullehrer und Werkmeister reaktivieren, die gerade ihre Pension angetreten haben. Natürlich müssen wir dafür an den Volkshochschulen alle vorhandenen und älteren Fachkräfte für Deutsch als Zweitsprache (und auch für Englisch) zur Mitarbeit bitten. Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen müssen Sonderkurse einrichten für die jungen Syrer, die nach den Strapazen der Flucht Anleitung und Geduld benötigen. An den Übergangsklassen, die jetzt an den Schulen im Land eingerichtet werden, sollten die Lehrer auf diejenigen achten, die so talentiert sind, dass sie schon bald in den Regelklassen unterrichtet werden können.

Hier hat beispielsweise die Hamburger "Zeit"-Stiftung gerade ein "Weichenstellungs"-Programm für jugendliche Zuwanderer initiiert, das den jungen Schülern studentische Mentoren zur Seite stellt, die individuell mit den Kindern üben. So können diese schneller aus der Zuwanderergruppe herauskommen und finden Anschluss an Gleichaltrige in den Regelklassen. Ähnliche Projekte gibt es von Stiftungen, Bürger-Stiftungen und kirchlichen Bildungs- und Wohlfahrtsträgern auch in anderen Großstädten.

Integration ist nicht nur eine Bringschuld, sondern auch eine Holschuld

Wichtig ist, dass derartige Hilfsangebote koordiniert werden. Nur so können sie effizient wirken. Hierzu hat die Polytechnische Stiftung in Frankfurt am Main gemeinsam mit der Stadt und anderen Stiftungen eine zentrale Koordinierungsstelle geschaffen. Den Stiftungen schließen sich Vereine an. Deutschland hat davon mehr als 560.000! Jeder weiß, was zum Beispiel Sportvereine an Integrationsarbeit leisten, wenn sie multinationale Spielerteams zusammenstellen. Die vielen Rotary- und Lions-Clubs in Deutschland werden ihrerseits nicht zögern, sich einzubringen, wenn Einbürgerungsprogramme koordiniert werden und umfassend arbeiten, vom Spracherwerb über Schule, Ausbildung, Weiterbildung bis zur Arbeitsaufnahme und Fortbildung.

Derartige Einbürgerungsprogramme sollten für die Zuwanderer verpflichtend sein. Wer sich dem ohne gewichtige Gründe (Krankheit, Betreuung von Kindern, Schwangerschaft oder ähnliches) entzieht, wer nicht Deutsch lernen will, wer sich nicht an Ausbildungs- oder beruflichen Stützungsprogrammen beteiligen will, muss mit Sanktionen rechnen.

Integration ist das wichtigste Ziel all unserer Bemühungen. Nur dadurch kann der einzelne Zuwanderer zu einem befriedigenden Leben in Deutschland geführt werden, denn dazu gehört die Gemeinschaft am Arbeitsplatz, der gerechte Lohn am Monatsende, die Selbstschätzung durch Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Das ist auch der beste Schutz des Einzelnen vor Einflussnahme religiöser Fanatiker und vor Ablehnung. Bereits integrierte Mitbürger werden 2018 mit Unverständnis reagieren, wenn andere schon drei Jahre im Land sind, ohne sich um Integration bemüht zu haben. Integration ist nicht nur eine Bringschuld, sondern auch eine Holschuld.

Wir können organisieren und viele Stiftungen und weitere zivilgesellschaftliche Einrichtungen stehen zur Mitarbeit an koordinierten Einbürgerungsprogrammen bereit.

 

 Michael Göring ist Vorstandsvorsitzender der "Zeit"-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in Hamburg.

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