Integration : Ostdeutschlands Mief darf nicht auf den Westen abfärben

Um Integration war es in der Westrepublik besser bestellt als im vereinigten Deutschland, meint Zafer Senocak. Er vermisst die alte Bundesrepublik und wünscht sich eine Wiederbelebung westdeutscher demokratischer Traditionen.

Zafer Senocak
Protest gegen Rechtsextremismus an einem Plattenbau in Dresden.
Protest gegen Rechtsextremismus an einem Plattenbau in Dresden.Foto: dpa

Keine Ära hat Westdeutschland so geprägt wie die Phase des Aufbruchs zwischen 1967 und 1974 mit ihrer grundlegenden Umorientierung der Gesellschaft, geprägt von einer starken kritischen Öffentlichkeit. Die politische Integration in den Westen, die von Anfang an zum Selbstverständnis der Bundesrepublik gehörte, wurde erst mit der geistigen Integration in den Siebzigern abgeschlossen.

Dieses reformierte Deutschland wagte die Konfrontation mit den autoritären Strukturen, mit antidemokratischen Traditionen und der schrecklichen Geschichte des „Dritten Reichs“. Es integrierte binnen weniger Jahre eine hohe Anzahl von ausländischen Arbeitnehmern erfolgreich in den Arbeitsmarkt. Diese Integrationskraft war eine Folge wie auch ein Antriebsfaktor des Wirtschaftswunders. Heute wird an diese erste Phase der Einwanderung kaum noch erinnert. Ebenso verblasst ist die Erinnerung an die Innovationskraft des westdeutschen Staates.

Gedenkveranstaltung für die Opfer der Neonazi-Mordserie
Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.
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23.02.2012 11:11Zwölf Kerzen gegen das Vergessen.

Dieses liberale, weltoffene, wertorientierte Deutschland von Willy Brandt, Richard von Weizsäcker und Hildegard Hamm-Brücher existiert seit 1990 nicht mehr. An seine Stelle ist das vereinte Deutschland getreten. Und ein Vergleich zwischen diesen beiden Staaten fällt nicht zugunsten des Nachfolgers aus. Ich bekenne mich zu diesem westdeutschen Staat, der mir ermöglichte, in Freiheit aufzuwachsen. Ich behaupte, dass es einen demokratischen Patriotismus in Deutschland nur geben kann, wenn er sich auf Westdeutschland beruft.

Dass alle Deutschen in einem einzigen Staat leben sollten und viele dies auch wünschten, schien historisch gerechtfertigt zu sein, weil die Geschichte, wie wir sie lesen und deuten, eine Geschichte der Nationalstaaten ist. Doch die Geschichte des deutschen Nationalstaats war nicht identisch mit der Geschichte der deutschen Demokratie. Die Weimarer Republik scheiterte kläglich. Demokratische Traditionen mussten sich auch in der Bundesrepublik langsam entwickeln. „Mehr Demokratie wagen“, mit dieser Parole wurde Willy Brandt Kanzler.

Heute müsste es heißen: Mehr Offenheit wagen, um die Demokratie zu sichern. Deutschland 2011 ist multiethnisch, eine Vielvölkerrepublik, die sich einer staatlich instruierten Integrationspolitik verschrieben hat, die autoritäre, altmodisch nationalstaatliche Züge trägt. Integration braucht aber nicht mehr Staat, sondern Intimität. Sie wird vor allem persönlich erfahren und durch emotionale Bindungen gefestigt oder auch nicht. Heimatliebe und das Gefühl der Zugehörigkeit entsteht nicht durch staatliche Verordnung, sondern durch die Attraktivität eines Landes und der Offenheit seiner Menschen. Integration, über die anlässlich der aktuellen Studie über „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ gerade wieder diskutiert wird, entsteht durch persönliche Erfahrungen und eine gemeinsame Geschichte. Nicht wenige Akteure aus der Migrantenszene bedienen aber die staatliche Integrationspolitik und lassen sich als Berufsmigranten instrumentalisieren. Aber hinter den Türen, die das ihnen öffnen mag, wird auf Dauer kein gemeinsamer Raum entstehen.

Die Spur der Neonazi-Mörder
November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht sich die Bundesrepublik erstmals seit der Wiedervereinigung mit rechtsextremem Terror in größerem Ausmaß konfrontiert. Schnell ist die Rede vom Jenaer Neonazi-Trio um Beate Z. (36), Uwe B. (34) und Uwe M. (38). Ihre Spur lässt sich bis in die 90er Jahre zurückverfolgen.
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20.03.2013 13:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

Ein Beispiel: Auf der Trauerfeier für die Naziopfer dolmetschte eine Übersetzerin die vielzitierte Rede von Ismail Yozgat. Sie übertrug diese klare Rede nicht einfach, sie veränderte, fügte hinzu, ließ aus. Ein Skandal während einer solchen Gedenkstunde. Doch es brauchte Tage, bis eine Journalistin, Mely Kiyak, darauf aufmerksam machte. Da wurde aus der Bundeskanzlerin „unsere“ Bundeskanzlerin „Frau Angela Merkel“ und aus Kassel-Baunatal „meine Heimatstadt“ Kassel-Baunatal, weggelassen wurde die islamische Eröffnungsformel: Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Ein Migrant wurde sprachlich geformt. So kam er uns näher, wurde uns zugehörig, so wie wir ihn uns gerne vorstellen. Die Übersetzerin brauchte dafür wahrscheinlich nicht einmal eine Anweisung, sie tat es aus freien Stücken. In der DDR war das ja oft nicht anders, da tat man solche Dinge auch oft „aus freien Stücken“.

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