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Internet-Aktivist : Jeff Jarvis: "Ihr Deutschen, seid öffentlicher"

01.12.2011 14:32 Uhrvon
Internet-Aktivist Jeff Jarvis, hier bei der re:publica. Foto: dpaBild vergrößern
Internet-Aktivist Jeff Jarvis, hier bei der re:publica. - Foto: dpa

Internetaktivist Jeff Jarvis hat auf dem Demokratiekongress der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Grundsatzrede zu neuen Öffentlichkeiten gehalten und neue Prinzipien für die Netzkultur vorgeschlagen. Seine Rede im Wortlaut.

"Der Datenschutz hat viele Beschützer, die Öffentlichkeit leider zu wenig. Heute werde ich Sie auffordern, die Öffentlichkeit und ihre Werkzeuge zu schützen. Jürgen Habermas argumentiert, dass die Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert entstanden ist durch das Führen rationaler, kritischer Debatten in den Kaffeehäusern und Salons in Europa - als Gegengewicht zur Macht der Regierung. Eine Gruppe von Wissenschaftlern aus Kanada und den USA argumentiert, dass es vor Jahrhunderten schon Öffentlichkeit und Werkzeuge der Öffentlichkeit gegeben hat: die Bühne, die Kunst, die geschriebene Musik, Märkte und natürlich die Druckerpresse von Gutenberg als wichtigstes Instrument. Die ist vielleicht das wichtigste Instrument der Öffentlichkeit - bis das Netz kam. Das Netz legt gewissermaßen eine Druckerpresse in die Hand aller Menschen. Wir sind erst am Anfang der Veränderung, die alle betrifft: die Medien, die Wirtschaft, den Staat und die Gesellschaft an sich.

Eine andere Gruppe von dänischen Wissenschaftlern sagen, dass unsere Öffentlichkeit heute einen anderen Hintergrund hat - sie bezeichnen das als "Gutenberg-Klammer". Auf der einen Seite, die Vor-Gutenberg-Zeit, als Wissen noch durch Mund-zu-Mund-Propaganda weitergetragen wurde oder besser von Schreiber zu Schreiber - großen Wert auf Autorenschaft und Urheberschaft hat man da nicht gelegt. Ziel war es, die Weisheit der Gelehrten zu bewahren. Mit Gutenberg wurde Wissen linear - wie auch unser Verständnis der Welt - mit Anfang und Ende. Wissen wurde zum Produkt und war kein Prozess mehr. Ein Produkt sogar, dass einen Besitzer hatte. Wir gingen dazu über, zeitgenössische Autoren und ihr Wissen zu respektieren. Es ist die lange Zeit geltende Seite der Klammer.

Heute sind wir wieder auf der anderen Seite der Gutenberg-Klammer angekommen. Wissen wird wieder von Link zu Link vermittelt - ohne klaren Beginn und klares Ende. Es ist wieder ein Prozess und kein Produkt. In seinem demnächst erscheinenden Buch "Too Big to Know" sagt David Weinberger, dass "das Wissen vernetzt wird, die intelligenteste Person im Zimmer ist nicht die Person, die vorne steht und Vorträge hält und es ist nicht die Person, mit der größten Weisheit im Raum. Die intelligenteste Person im Zimmer ist der Raum selbst: Das Netzwerk der Menschen und deren Ideen, die in den Raum treten. Der Raum ermöglicht es uns, das Wissen zu teilen."
Diese dänischen Wissenschaftler sagen, dass die Anpassung an die Gutenberg schwierig war. Wir befinden uns in einer Post-Gutenberg-Zeit. Normen, Sitten, Gesetze, Strukturen und Organisationen passen sich an. Wir gehen davon aus, dass alles ganz schnell geht. Aber was wenn nicht? Was ist, wenn wir erst am Anfang stehen?

John Naughton, ein Kolumnist des Observer in London, sagt: Wir sollten uns vorstellen, wie es wäre, wenn man 1472 auf einer Brücke in Mainz eine Umfrage durchgeführt hätte mit der Frage, was die Erfindung Gutenbergs bewirken wird:

- Untergrabung der katholische Kirche und eine Reformation,

- eine wissenschaftliche Revolution,

- neue soziale Klassen und Berufe,

- sie ändert unsere Vorstellungen von Bildung und Kindheit,

- sie ändert unserer Sicht auf die Gesellschaft und Nationen.

Sicherlich nur wenige würden so gedacht haben. Heute stehen wir an einer ähnlichen Stelle. Wir sind sozusagen wieder 1472. Der Wandel hat gerade erst begonnen. Und: Wir können noch nichts sehen.

Die Historikerin Elizabeth Eisenstein hat einmal gesagt, dass das Buch auch erst 50 Jahre nach der Gutenberg-Erfindung kam und die Auswirkungen dessen erst ein ganzes Jahrhundert später klar waren. Wir wissen noch nicht, wie unsere Zukunft aussehen wird. Also sage ich: Es wäre ein Fehler, jetzt alles zu regulieren und zu beschränken. Wir müssen die Zukunft im Netz aufbauen. Wir dürfen unsere Zukunft nicht Es wäre ein Fehler, die Zukunft durch unsere Vergangenheit zu definieren.

Betrachten wir die Occupy-Wall-Street-Bewegung. Diese sorgt für Verwirrung, weil sie nicht institutionalisiert ist. Es ist keine Organisation, es gibt keine Führung, keine Sprecher, kein gemeinsamer Glaube und keine Nachricht, die dahinter steht. Es ist letztlich ein leeres Gefäß, in dem sich Menschen versammeln, um ihre Probleme und Beschwerden kundzutun. So könnte es eine Plattform für Reformation oder Revolution werden. Es ist ein Beispiel dafür, wie Menschen versuchen, die Architektur des Netzes nachzuahmen: Vom Ende zum Ende, Jeder zu jedem, Hierarchien und Mediatoren werden umgangen.

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