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Islam : Muslime in Deutschland brauchen Emanzipation

18.11.2012 11:44 Uhrvon
Muslime in Deutschland. Die Emanzipation bietet für Jonathan Laurence einen Ausweg aus der falschen Dichotomie von Integration oder Assimilation.Bild vergrößern
Muslime in Deutschland. Die Emanzipation bietet für Jonathan Laurence einen Ausweg aus der falschen Dichotomie von Integration oder Assimilation. - Foto: dapd

Weder Integration noch Assimilation sind die richtigen Wörter für zwei Millionen Muslime, die hier in Deutschland, geboren, aufgezogen und ausgebildet wurden. Diese Menschen brauchen einen neuen Status, meint unser Gastautor Jonathan Laurence: Die Lösung heißt: Emanzipation.

Anlässlich des muslimischen Opferfestes hat Bundespräsident Joachim Gauck im Oktober die Berliner Sehitlik-Moschee besucht. Seine Kritiker ließ diese Tatsache Hoffnung schöpfen – jene Kritiker nämlich, die seine frühere Weigerung bedauert hatten, den Islam als integralen Bestandteil Deutschlands anzuerkennen. Diese Kehrtwende legt Gaucks paradoxe Haltung offen, die in Deutschland und vielleicht auf dem ganzen Kontinent vorherrscht und die das muslimische Leben im Europa des 21. Jahrhunderts bestimmt.

Trotz enormer Fortschritte genießen die europäischen Muslime immer noch nicht das, was im historischen Kontext „Emanzipation“ genannt wird.

Kein demokratisch gesinnter Politiker in Deutschland leugnet, dass die Präsenz des Islam in Europa von Dauer sein wird. Aber während der Islam in der Öffentlichkeit demonstrativ willkommen geheißen wird, löst er zunehmend heftigen Widerstand bei den Nativisten aus, die von Muslimen einen Loyalitätsbeweis und mehr Integrationsbemühungen als Gegenleistungen für ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft einfordern. Islamkritischer Populismus ist längst nicht mehr nur an den Rändern des politischen Spektrums zu Hause. Dieser Populismus reißt eine Wunde wieder auf, die 1999 durch die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts geschlossen werden sollte. Die neuen „Bindestrich-Deutschen“ sind frustriert angesichts der Grenzen, die ihrer Religionsfreiheit gesetzt werden und angesichts der Bigotterie im Kampf gegen den politischen und religiösen Extremismus.

Die Einbindung islamischer Organisationen und auch ihre Einbettung in bestehende gesellschaftliche Strukturen in Deutschland und Europa funktionieren zunehmend besser: Die Deutsche Islamkonferenz und ähnliche Gipfeltreffen von Politikern und Verbänden haben zu Hunderten neuer Gebetsräume und Gotteshäuser geführt, auch wenn viele davon noch im Bau sind. Ebenso positiv anzumerken sind die verbesserten Angebote religiöser Erziehung in Schulen und die immer größere Zahl von Imamen, Lehrern und Theologen, die im Land ausgebildet werden.

Der rechtliche und politische Status des Islam in Europa hingegen entzieht sich trotz aller Bemühungen einer Einordnung. Zwei Entwicklungen behindern seine Verankerung: Die Islamkritik in Europa verschiebt sich von der Betonung der Neutralität des öffentlichen Raumes und der Verteidigung westlicher Menschenrechtsvorstellungen hin zu einem generellen Unbehagen gegenüber allen muslimischen Glaubenspraktiken. Das wiederum ruft in den Herkunftsländern Beschützerinstinkte hervor, Ministerien werden geschaffen, um die religiösen, politischen und wirtschaftlichen Bande mit der Diaspora zu erhalten.

Das ist der Ausweg aus der falschen Dichotomie von Integration und Assimilation

Die Emanzipation in dem aufklärerischen Sinn dieses Wortes, den die preußischen Reformer Stein und Hardenberg meinten, bietet einen sicheren und realistischen Ausweg aus dem Dilemma: Den Eintritt einer zuvor ausgeschlossenen Gruppe in eine demokratische Gesellschaft, basierend auf bestehenden Gesetzen, mit den gleichen Rechten und Pflichten für alle Bürger. Emanzipation umfasst auch Kollektivrechte, falls diese Bürger sich entschließen, einer religiösen oder einer anderen Art von Gemeinschaft beizutreten. Natürlich waren damit immer auch Auflagen verbunden, wie solche zur Steuer- oder zur Wehrpflicht. Emanzipation ist ein ungleichmäßiger Prozess, der sich über mehrere Generationen hinzieht. Die Juden Frankreichs erhielten bereits im Jahr 1791 gleiche Rechte, wohingegen jene in Deutschland bis zur Reichsverfassung 1871 warten mussten. Ihm eigen war dabei schon immer eine Art doppelter Handschlag zwischen Staat und Religionsgemeinschaft: Mit der einen Hand sorgt der Staat für Gleichheit und erteilt Rechte. Mit der anderen erzwingt er Anpassung und eine Reform der Gemeindestrukturen.

Auf dem langen und schwierigen Weg der Demokratisierung im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts wurde von der politischen Teilhabe ausgeschlossenen Menschen – Juden, Katholiken, die Arbeiterklasse – nach und nach das volle Bürgerrecht gewährt. Ihnen wurde auch der Status „gesellschaftliche Gruppe“ zugestanden, sie konnten sich in Verbänden, Interessengruppen und Gewerkschaften organisieren, um institutionelle Privilegien wahrzunehmen und ihre Interessen innerhalb eines gesetzlich verankerten Rahmens zu vertreten.

Aber warum sollten wir heute noch den überkommenen Begriff „Emanzipation“ verwenden? Das Wort beschwört die Misserfolge der deutschen Demokratie herauf, dabei könnte es auch die lichten Momente des deutschen Demokratisierungsprozesses beleuchten. Zwölf Jahre „Drittes Reich“ sollten nicht die schon zuvor errungenen Fortschritte negieren.

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