Antisemitismus-Debatte um Augstein : „Auch Worte können töten“

Deutschland hat die Verpflichtung, Israel keinen Schaden zuzufügen, sagt unser Autor, der Direktor für Internationale Beziehungen am Simon-Wiesenthal-Zentrum in Paris. Er verteidigt die Entscheidung, Jakob Augstein auf die Antisemitismus-Liste zu setzen, und entwirft einen Zehn-Punkte-Kodex für Journalisten.

Shimon Samuels
Jakob Augstein hat mal wieder die Antisemitismus-Debatte in Deutschland angeheizt.
Jakob Augstein hat mal wieder die Antisemitismus-Debatte in Deutschland angeheizt.Foto: dpa

Dass der deutsche Journalist Jakob Augstein auf der Top-Ten-Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums mit den antisemitischen und antiisraelischen Äußerungen des Jahres 2012 steht, hat eine Debatte ausgelöst, die heilsam sein kann. Augsteins Äußerungen mögen nicht das todbringende Potenzial in sich tragen, das hinter der ägyptischen Muslimbruderschaft oder der iranischen Führung steht, aber sie erfüllen die drei Kriterien, mit denen zwischen legitimer Kritik an Israel und Antisemitismus unterschieden werden kann. Laut 3-D-Test des früheren sowjetischen Dissidenten Natan Scharansky sind das die Dämonisierung, Delegitimierung und das Anlegen doppelter Standards an Israel.

Außerdem erfüllt Augstein die Kriterien der „Berliner Erklärung zum Antisemitismus“ der OSZE und die der Antisemitismusdefinition der Europäischen Menschenrechtsagentur. In allen drei Fällen wird Israelfeindlichkeit als ein Faktor genannt, der zu Antisemitismus beitragen und ein Bestandteil von Antisemitismus sein kann.

Insgesamt wirft der Fall Augstein über die Person hinaus ein Licht auf die Situation in Deutschland und auch auf die Wirkungsweise von Medien. Um ein Beispiel zu nennen: Vor 20 Jahren wurde in Lyon das Museum zur Deportation und Resistance eröffnet. Susanne Lagrange, eine Überlebende des Holocaust, erzählte dabei, wie sie und ihr Vater, der Mitglied der Resistance war, auf Geheiß Klaus Barbies nach Auschwitz deportiert worden waren. Sie schilderte, wie ihr Vater von einem Wehrmachtssoldaten erschossen wurde, als sie sich von ihm mit einer Umarmung verabschieden wollte.
Ein junger deutscher Student meldete sich im Publikum. Er wollte sich entschuldigen. Sie sagte ihm, er solle sitzen bleiben: „Wir glauben nicht an eine generationenübergreifende Schuld.“ Als er sich wieder setzte, brach es aus ihr heraus: „Ja, entschuldigen Sie sich – aber nicht für die Taten ihrer Eltern, sondern für die Angriffe auf Ausländer und für die Schändungen jüdischer Friedhöfe, die jetzt passieren.“ Dies zeigt: Es mag keine Erbschuld geben, aber es muss so etwas wie eine besondere Sensibilität bei dem Thema geben, die generationenübergreifend ist.

Die deutsch-jüdische Aussöhnung nach dem Krieg war historisch einmalig. Nur drei Jahre, nachdem die eine Seite ein Drittel der Menschen der anderen Seite ermordet hatte, kam es 1948 zu einer Art Zwangsverständigung. Sie war unterschiedlich motiviert: Der gerade gegründete jüdische Staat befand sich in einer schwierigen Lage und erhielt dringend benötigte Reparationszahlungen. Als Gegenleistung erhielt Deutschland die Bestätigung dafür, dass es zum Wiederaufbau einer besseren Welt beitragen darf. Das Jahr 1948 ist nicht nur das Jahr, in dem die Juden auf die Landkarte und in die Geschichte zurückgekehrt sind. Es stellte auch die Dreieinigkeit des Volkes, der Schrift und des Landes wieder her.