Berliner Lehrplanreform : Das Internet ist eine andere Geschichte

Warum das Lernen von Jahreszahlen in die Schule gehört.

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Wer ist dieser Mann? Willy Brandt, denkt Studentin Sibel.
Wer ist dieser Mann? Willy Brandt, denkt Studentin Sibel.Foto: dpa

Als die BWL-Studentin Sibel aus Anlass des 25. Mauerfalljubiläums ein Foto von Erich Honecker gezeigt bekommt und gefragt wird, wer das wohl sei, gerät sie ins Grübeln. „Willy Brandt?“, sagt sie – und bringt damit wohl nicht nur hochnäsige Bildungsbürger zur Verzweiflung.

Warum weiß die das nicht?

Wie kann einer Honecker und Brandt verwechseln?

Und Abitur haben?

Sibel steht mit ihrem Wissensdefizit nicht allein. Regelmäßig wird in Studien nachgewiesen, dass Schüler in Deutschland recht wenig über Geschichte wissen, und sei sie noch so nah. Mal glauben sie, Helmut Kohl habe vor 1989 die DDR regiert, mal denken sie, die Amerikaner hätten die Mauer gebaut, oder sie kennen die Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie nicht.

Nun könnte man meinen, diese Studienergebnisse, von Bildungsforschern meist mit dem Prädikat „erschreckend“ versehen, würden dazu führen, in Sachen Geschichtsunterricht aufzurüsten und nachzulegen. Stattdessen passiert das Gegenteil. Die jüngsten Rahmenlehrplaneruptionen ergaben, dass in Berlin Geschichte in den Klassen 5 und 6 nicht mehr als eigenständiges Fach, sondern mit Geografie und politischer Bildung zusammen als „Gesellschaftswissenschaften“ unterrichtet werden soll und ab Klasse 7 großthemenbezogen in „Längsschnitten“.

Die Details sollen die Schüler im Internet finden - ist das die Lösung?

Was dabei hinten runterfällt, ist das Chronologische, das der Geschichte aber, so nennt es der Geschichtslehrerverband ganz zu Recht, „wesenseigen“ ist: die Details, die Abfolge von Ereignissen, die trockenen Daten. Das, was man früher mal auswendig lernen musste. Das, was man sich heute – so sagte es ein Lehrer kürzlich im Tagesspiegel – im Internet zusammensuchen könne. Damit aber übergibt man die Verantwortung für das Lernen und das zu Lernende größtenteils an die Schüler.

Kann das der richtige Weg sein?

Man stelle sich diesen Ansatz im Umgang mit Mathematik vor. Dass die Schule sich darauf zurückzieht, die großen Zusammenhänge zu vermitteln: „Bei Addition wird’s mehr, bei Subtraktion weniger“. Und den Rest dem Schüler übergibt: „Die Details kannst du dir im Internet zusammensuchen.“ In diesem Fach undenkbar.

ber bei Geschichte offenbar möglich. Einem Fach, das in Sonntagsreden gerne gepriesen wird. Wer die Geschichte nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen undsoweiterundsofort. Warum bringt man sie den Schülern dann nicht bei?

Gleich im ersten Paragrafen des Berliner Schulgesetzes heißt es zum „Auftrag der Schule“: „Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie (...) zu gestalten.“ Dazu müsste man natürlich erst mal wissen, was das alles ist.

Die Idee, die hinter dem Reformvorhaben steht, ist die Förderung von vernetztem Denken, von Verstehen in Zusammenhängen. Das sind erstrebenswerte wie auch anspruchsvolle Kompetenzen. Zu anspruchsvoll und erwachsen vielleicht für manche Schüler. Umso mehr bedarf es einer soliden Basis. „Über Dinge Meinungen austauschen, die man nicht kennt, ist bloßes Geschwätz“, urteilt der Berliner Geschichtslehrerverband streng. Liegt er falsch?

Schnelle Infos aus dem Web verführen zur Annahme, man wisse Bescheid

Natürlich hat die Schülerschaft von heute via Internet andere Zugänge zu Informationen. Schon Grundschüler finden mit ihrem Smartphone in Sekundenschnelle Antworten im World Wide Web. Und sitzen darum nicht selten der irrigen Vorstellung auf, sie wüssten nunmehr auch schon alles. Aber stellen sie die richtigen Fragen? Finden sie die richtigen Quellen? Oder bleiben sie hängen bei gutefrage.net? Wie immun werden sie so gegen Manipulation und Verführung?

Bevor einer etwas vernetzt, muss er wissen, was er da vernetzen will. Das Wissen um die Details steht am Anfang dieser Denkanstrengung, nicht am Ende.

Und warum eigentlich ausgerechnet die jungen Leute, die Schüler, vom Auswendiglernen verschonen, die das Lernen selbst noch lernen und trainieren müssen. Und denen das noch am leichtesten fällt oder fallen sollte. Steht das nicht auch in einem sonderbaren Kontrast zum älteren Menschen, der dauernd zum Auswendiglernen ermuntert wird, um seine geistige Beweglichkeit zu erhalten? Lebenslanges Lernen ist die aktuelle Devise. Aber auch das Lernen will erst mal gründlich gelernt sein. Schule wäre dafür ein guter Ort. Oder?

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