"Der Mensch steht im Mittelpunkt" : Merkel zitiert Erich Honecker

"Der Mensch steht im Mittelpunkt." Es ist ein Satz nur, ein einziger Satz. Doch der lohnt eine Betrachtung: Wie Angela Merkel bei ihrer Regierungserklärung an Erich Honecker erinnerte.

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Angela Merkel und Erich Honecker
Angela Merkel und Erich HoneckerFoto: dpa / Montage

Erich Honecker ist auferstanden. Der Vorsitzende des Staatsrates der DDR und Generalsekretär des Zentralkomitees der SED tauchte am Mittwoch im Bundestag als Untoter auf – zumindest als untote rhetorische Figur. „Der Mensch steht im Mittelpunkt“, rief da Angela Merkel, aufgewachsen in der Deutschen Demokratischen Republik – und die ganz große Koalition applaudierte nach der Regierungserklärung der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland minutenlang. Es fehlte nur noch das rhythmische Klatschen, das man aus der Volkskammer im – inzwischen abgerissenen – Palast der Republik kannte, und es wäre vielleicht ein paar Leuten im Lande aufgefallen: Der Satz stammt von Erich Honecker.

„Wahrlich: Der Mensch steht im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit und unseres Handelns“, rief Honecker mit seiner Fistelstimme erstmals am 1. Juni 1969 in der – inzwischen umbenannten – Karl- Marx-Stadt seinen Genossen zu. Honecker war in jener Zeit dabei, Mauerbauer Walter Ulbricht abzusetzen und zu beerben (indem er ihn im Kreml verpetzte) – und damit auch dessen für alle Ostdeutschen so anstrengendes Credo vom „Aufbau des Sozialismus“ vergessen zu machen. Honecker schwadronierte stattdessen über die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ und ließ in der 1974 geänderten DDR-Verfassung sein Lieblingsmotto verankern.

"Dreistes Plagiat", schreibt der "wahre Erich" bei Twitter

„Der Mensch steht im Mittelpunkt aller Bemühungen der sozialistischen Gesellschaft und ihres Staates“, hieß es gleich in Artikel 2. Fortan hingen nicht nur zum Republikgeburtstag Banner mit der Parole an den Wänden; in den Schulen blickte Honecker als stummer Zeuge von der Wand auf die Kinder herab, während die Staatsbürgerkundelehrer predigten, nur in der DDR stehe der Mensch ... usw.

„Genau darum hat es zu gehen: um den Menschen im Mittelpunkt unseres Handelns.“ Was sagt uns nun Merkels Satz? Ist er einfach so banal, dass ihn jeder Regierende für seine Politik heranzieht? Das könnte erklären, dass er bei „Stupidedia“ gelistet ist, der „sinnfreien Enzyklopädie“ im Internet. Oder kommt Merkel von ihren ostdeutschen Wurzeln, über die sie so ungern redet, nicht los? Das hätte aber zumindest die Linke bemerken können, von der im Protokoll nur die Zwischenrufe dokumentiert sind: „Schön wär’s!“, „Fangen Sie mal an!“ Der Urheber der Worte war auch hier vergessen.

Dafür reagierte der Auferstandene. „Dreistes Plagiat“, twitterte „Der wahre Erich“. Ob Merkel es auf ihrem Handy gelesen hat?

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