Deutschlands Hauptstadt : Berlin ist die Sammelstelle der Stämme

Zwischen Halve Hahn und politischer Strategie: In Berlin gewinnen regionale Identitäten wieder an Bedeutung. Hier herrscht ein „Spiel mit Identitäten“, das dem Regionalen neue kulturelle Felder eröffnet

Wolfgang Kaschuba
Nicht immer beliebt, aber zumindest kreativ. Schwaben in Berlin.
Nicht immer beliebt, aber zumindest kreativ. Schwaben in Berlin.Foto: dpa

Mit dem Umzug der Bundespolitik von der rheinischen Residenz Bonn in die Metropole Berlin galt auch die Nachkriegszeit als beendet. Und mit ihr jener eigentümliche, stets deutlich länder- und regionalbezogene Politikstil des Adenauer-Deutschland. Denn nun ging es doch um Mut zu eigener Größe, zum Nationalen, zum Europäischen, ja, zum Kosmopolitischen. Die politische Kultur insgesamt würde sich mit und in Berlin in neuer Weise zentralisieren. Das galt unbedingt für die Politik selbst, aber auch für ihr Publikum. Zu Ende also die Zeit der „Stammespolitiker“ vom Schlage eines Franz Josef Strauß und der politischen „Regionalcharaktere“ à la Norbert Blüm oder Franz Müntefering. Zu Ende die Zeit der Besucherbusse aus den ländlichen Wahlkreisen, die manches Bonner Viertel mitunter zur Folklore- und Mundartbühne machten. Und zu Ende damit auch ein regionalpolitischer Folklorismus, dessen zentrifugale Wirkungen die westdeutschen Nachkriegsjahre und deren kleinteilige Machtarchitektur wesentlich geprägt hatten. Sogar in der so zentralistischen DDR schien nicht nur das Sächselnde einen bis ins Politbüro hinein mitschwingenden regionalen Resonanzboden zu bilden. Auch die rituell gepflegte Abneigung gegen die angeblich überversorgten Hauptstädter förderte stets sächsischen Regionalstolz und pommerschen Provinztrotz.

Alles vorbei, nur mehr Geschichte? Nein, denn auch und gerade für das Regionale gilt, dass es schon viel zu oft totgesagt wurde. Und es lebt ein gutes Jahrzehnt nach dem Regierungsumzug auch keineswegs nur in Gestalt des Seehofer’schen Komödienstadls in München weiter, der aktuell mit seiner Bayern-Maut regionale Profilbildung betreibt. Selbst die Hauptstadtszene stellt sich dem Betrachter keineswegs regional bereinigt und stammesmäßig geeint dar. Fast umgekehrt: Gerade urbane Kultur verlangt heute Vielfalt und Exotik. Und dieses Vielfaltsgebot umfasst alle „wandernden“ Kulturstile: türkische wie russische, bayerische wie schwäbische. Oder was sich jeweils dafür ausgibt. Das wiederum verbindet die Politik mit ihrem Volk: Beide kokettieren mit fremder wie eigener Exotik, die dem grauen politischen wie urbanen Alltag etwas Profil und Farbe verleiht.

Wolfgang Kaschuba ist Ethnologe und Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität Berlin.
Wolfgang Kaschuba ist Ethnologe und Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität Berlin.Fot: Kai-Uwe Heinrich

So separieren sich bayerische Politiker gern im Augustiner am Gendarmenmarkt, um ihren Geburtstag bei Hellem, Weiß-Blau und Blasmusik zu feiern. Und die Rheinfraktion aller politischer Couleur wechselt nach der Sitzungswoche noch kurz vom Reichstag rüber in die Ständige Vertretung am Schiffbauerdamm, um dort bei Kölsch und Halve Hahn schon einen Vorgeschmack auf die Wochenendheimat zu bekommen. Selbst in den Bundestagsdebatten, also im politischen Kerngeschäft, sind die Verweise auf die jeweiligen Heimaten und deren „Heimstärke“ in Sachen Pisatest, Kitabetreuung, Mülltrennung oder Solarstrom nicht weniger geworden. Auch der Dialekt macht im Plenum nicht mehr nur Schwaben stolz. So feiert vielfach eine regionale „Ethnisierung“ des Politischen Urständ.

Regionaler Kampfmodus

Dass fast alle diese Beispiele mit leicht ironischem Unterton präsentiert und kommentiert werden können, unterstreicht ihre scheinbare Harmlosigkeit. Doch das könnte täuschen. Strategisch gesehen macht regionale Politfolklore durchaus neuen und ernsthaften Sinn. Und einige Gründe dafür liegen auf der Hand. Da ist zunächst die Großwetterlage des vergrößerten EU-Europa, dessen Brüsseler Bürokratie immer tiefer auch in die Belange der Länder und Regionen eingreift. Vor dem Hintergrund seiner so lange Zeit regional geprägten Geschichte und seiner heute kaum vernarbten Einheit ist dies in Deutschland immer noch ein besonders sensibler Raum. Denn dort werden im regionalen Kampfmodus eines mehr oder weniger ausgeprägten „Mia san mia“ von Berchtesgaden bis Flensburg noch viele Selbst- und Fremdbilder ausgehandelt. Bilder und Klischees, die mit Wein, Most und Bier zu tun haben können. Aber auch mit Mentalität, Stil und regionalem Ethos.

Gleichzeitig verbinden sich diese regionalen Selbstbilder heute zunehmend mit zivilgesellschaftlichen Bewegungen. Das betrifft das gesamte gesellschaftliche Themenspektrum von Schul- und Kulturpolitik über Energie- und Ökodebatten bis zu Verkehrs- und Raumplanungen. Auffällig ist, wie sehr dabei auch Ökonomie und Ökologie zunehmend in regionalen Profilen und Strukturen betrachtet werden. Da werden Traditionsindustrien und Landschaftbilder, städtebauliches Erbe und regionaler Tourismus thematisiert und mit symbolischer Bedeutung versehen. Und die öffentlichen Debatten darüber schaffen keineswegs nur an den Stammtischen regionale Identifikations- und Mobilisierungseffekte – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

Woher Berliner Begriffe wirklich kommen
Lieber Wolfgang Thierse, auch wenn Sie gerade auf dem Weg zur Maloche sind, so viel Zeit muss sein: für eine kleine Berliner Wörterkunde! Gerade Malochen, beliebt in Berlin und im Ruhrgebiet, kommt eigentlich vom jüdischen malacha, der "Schwerstarbeit". Und wenn Sie was in die Schrippe (kommt vom norddeutschen schrappen, "kratzen" oder "aufreißen") packen wollen, dann...Alle Bilder anzeigen
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02.01.2013 15:32Lieber Wolfgang Thierse, auch wenn Sie gerade auf dem Weg zur Maloche sind, so viel Zeit muss sein: für eine kleine Berliner...

Schließlich bildet natürlich auch die nach wie vor föderal-regionale Struktur des politischen Arbeits- und Karrierefeldes selbst ein wesentliches Grundmotiv. Politische Mandate und Ämter „stammen“ meist aus den lokalen und regionalen Grundheiten. Zwar muss Politik sich heute unter den Bedingungen der „Einwanderungsgesellschaft“ wie der „Europäisierung“ programmatisch deutlich weiter öffnen. In der kompetitiven Anlage der politischen Karrieremuster jedoch bleibt die individuelle Abhängigkeit von den parteilichen Orts- und Bezirksverbänden bestehen. Und die denken und delegieren personalpolitisch meist konservativ – durchaus parteiübergreifend. Zwar muss man nicht mehr im Wahlkreis geboren sein, aber man soll wenigstens so reden können. Sonst fehlen Stallgeruch und Heimatwurzel.

„Erdung“ und „Heimat“ lautet die neue urbane Botschaft von der Stadtheimat

Hinter solchen fast klassischen Erklärungen jedoch wird es deutlich komplizierter. Denn das Regionale kommt heute eben nicht mehr nur als stammesmäßiger Habitus daher. Vielmehr hat es längst neue kulturelle Dimensionen und politische Bedeutungen hinzugewonnen. So ist eine tiefe Bedeutungsverschiebung im Blick auf die Regionen selbst zu beobachten, die eben nicht mehr nur „Provinz“ verkörpern (wollen), sondern mindestens ebenso sehr „kulturelles Kapital“: für viele eine Art von Guthaben an kultureller Zugehörigkeit und sozialer Sicherheit. Und damit ist dies in der Tat ein Kapital, das sich standortabhängig auch in Form von Landschaft und Geschichte, von Ökologie und mittelständischer Industrie konkret darstellen lässt. Oder das sich in Gestalt regionaler Produkte vermarktet: Erzeugnisse aus der Region etwa ermöglichen städtischen Verbrauchern heute ökologisch nachhaltige Konsumstile, die damit „moralisch“ überlegen scheinen. Das haben auch Aldi und Edeka schon registriert.

In den Städten korrespondiert dies mit der Wiederentdeckung eigener sozialer „Grundeinheiten“. Die wiedererwachte Kölner Viertel- oder Berliner Kiezkultur etwa wirkt wie eine Nobilitierung des Lokalen und Regionalen. Und sie vermittelt den Bewohnern generell und den Politikern speziell das Gefühl wie den Anschein von „Erdung“ und „Heimat“. So jedenfalls lautet die neue urbane Botschaft von der Stadtheimat.

Bestätigt werden diese Umwertungen auch durch die Rückkehr des regionalen Dialekts. Ob in den TV-Vorabendserien, in den Rap-Songs der Jugendkulturen oder auf wissenschaftlichen Tagungen des Schweizer Nationalfonds: Vieles ist dort für Dialektunkundige ohne Untertitelung kaum mehr verständlich. Dies aber – und das macht den Unterschied aus – ist heute offenkundig allein deren Problem, nicht mehr das der früher vermeintlich rückständigen Dialektsprecher. Jenes „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ hat insofern nur werbeförmig nachvollzogen, was lebensweltlich längst wieder Realität geworden war.

Auch gehört die Region heute offenbar und anders als früher nicht mehr automatisch zu jener „biodeutschen“ Landschaft der Gestrigen. Sie emanzipiert sich vielmehr dadurch vom Nationalen, dass auch sie selbst nun vielschichtig und vieldeutig daherkommt. Nicht mehr nur als uriges regionales Mentalitätskollektiv, sondern zunehmend auch als plurale und fein differenzierte Charakterlandschaft. Hier werden offenbar die gesellschaftlichen Veränderungen von Arbeitsmärkten und Lebensstilen, von Religiositäten und Esskulturen auch in den Nahräumen wirksam und sichtbar. Es hängt aber wohl auch mit neuen Ambivalenzen des Nationalen wie des Europäischen zusammen, das ja einerseits gerne als das Andere, Große, Ferne „verfremdet“ wird. Vor allem dann, wenn von Brüssel aus versucht wird, die Rezeptur französische Käsesorten oder das Reinheitsgebot deutschen Bieres zu „hygienisieren“. Andererseits wird dasselbe EU-Europa umgekehrt wieder zum Nahen, quasi zur Heimatregion, wenn es für Grundsätze der Sozialpolitik oder der Ökologie eintritt. Unausgesprochen natürlich auch, wenn es sich als kontinentales Grenzregime gegen unerwünschte Flüchtlinge abschottet. Und ausgesprochen gerne dann, wenn die amerikanische NSA „uns Europäer“ datenmäßig auszuspionieren versucht: unsere kleine, feine „Weltregion“.

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