Diskriminierung von Homosexuellen : "Schwul, oder was?"

Hitzlsperger hat die verklemmte Debatte um Homosexualität wieder auf volle Umdrehungszahl gebracht, schreibt unser Autor Bernd Matthies. Lächerlich findet er aber nicht nur die Äußerungen von AfD-Chef Bernd Lucke - sondern auch all jene, die jetzt so tun, als könne man sich als Hetero nicht mehr auf der Straße blicken lassen.

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"Schwul" ist in der Fan-Kurve von Fußballstadien immer noch ein Standardfluch.
"Schwul" ist in der Fan-Kurve von Fußballstadien immer noch ein Standardfluch.Foto: dpa

Die wildeste Bruchlandung zum Thema hat Bernd Lucke hingelegt, der Parteichef der „Alternative für Deutschland“. „Ich hätte es gut gefunden“, so ließ er verbreiten, „wenn Herr Hitzlsperger sein Bekenntnis zu seiner Homosexualität verbunden hätte mit einem Bekenntnis dazu, dass Ehe und Familie für unsere Gesellschaft konstitutiv sind.“ Ja, Herr Hitzlsperger, und wenn demnächst das Bekenntnis zum Vegetarismus ansteht, immer dazu sagen: Fleisch und Fisch sind für unsere Ernährungswirtschaft konstitutiv!

So hätten es stockkonservative Eiertänzer wie der AfD- Chef sicher gern. Nichts dagegen, beteuern sie, aber macht doch an diese seltsame Lebensform unten immer einen Disclaimer ran, irgendwas zu Risiken und Nebenwirkungen, oder wie auf den Zigarettenschachteln: „Homosexualität schädigt unsere Gesellschaft!“

"Schwul" als Standardfluch in der Fan-Kurve oder auf dem Schulhof

Hitzlsperger, den bisher nur die Kollegen vom Sport überhaupt richtig schreiben konnten, ist als Person nicht sehr wichtig, und man mag über sein Bekenntnis die Schultern zucken; da war damals bei Wowereit sicher mehr los. Richtig ist aber zumindest, dass er die ganze verklemmte Debatte wieder einmal auf volle Umdrehungszahl gebracht hat, eingeschlossen all jene schreibenden Kollegen, die nun wieder die verfolgte Unschuld spielen und so tun, als dürfe man sich demnächst, ach Gott, als bekennender Hetero auf der Straße nicht mehr blicken lassen. Dabei ist ja doch das Gegenteil weiter ziemlich wahr. „Du schwule Sau“ lautet der Standardfluch in der Fan-Kurve, und auf dem Schulhof steht „Bistduschwuloderwas?“ in gleichberechtigter Idiotie neben „Du Jude!“ und „Du Opfer!“ Das ist nur die Oberfläche, die aber klare Schlüsse auf das zulässt, was drunter liegt. Und erst die russische Rolle rückwärts ins Mittelalter, du liebe Güte.

Reaktionen auf das Outing von Thomas Hitzlsperger
Arjen Robben wundert sich über die öffentliche Aufregung um das Outing des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger. „Er ist homosexuell - und?“, sagte der niederländische Nationalspieler am Donnerstag bei einer Pressekonferenz im Trainingslager des FC Bayern München in Katar. „Ich finde es ganz normal und natürlich. Ich kann ja hier auch sagen, ich bin heterosexuell. Ich sehe da kein Problem.“ Allerdings sei „das Fußballgeschäft vielleicht etwas komisch“, meinte der 29-Jährige.Weitere Bilder anzeigen
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09.01.2014 12:53Arjen Robben wundert sich über die öffentliche Aufregung um das Outing des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Thomas...

Lebensmodelle jenseits von Vatermutterkind

Und solange das so ist, hat beispielsweise die Schule eine gewisse Verpflichtung. Was wäre also dagegen zu sagen, dass das Thema der sexuellen Vielfalt dort stärker als bislang behandelt wird? Dass die Kinder erfahren: Es gibt Lebensmodelle jenseits von Vatermutterkind? Im Sinne höherer Toleranz? Die rot-grüne Landesregierung in Baden-Württemberg hat sich das vorgenommen – und damit im Internet einen gewaltigen Gegenwind entfacht.

Nichts gegen lebhafte Diskussionen. Aber was da, initiiert vom Realschullehrer Gabriel Stängle, in rund 70 000 Petitions-Unterschriften hochkocht, ist diese alttrübe Brühe, das unkaputtbare Klischee „Die Schwulen wollen unsere Kinder verderben“. Und es erinnert doch sehr an den Untergang des Abendlandes, und wie er vor einem halben Jahrhundert durch die sexuelle Aufklärung in Gang gebracht wurde.

Ganz am Rande zeigt es übrigens auch, dass die ausufernde Bürgerbeteiligung nicht immer so konstitutiv für unsere Gesellschaft ist, wie manche das gern hätten. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema.

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