Ein Professor verlässt Berlin : "Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie Professor sind?"

Abitur in München, zwei Doktortitel in Frankreich, Habilitation in Berlin: Warum ein afrikanischer Politikwissenschaftler hierzulande dennoch keine Professorenstelle bekam.

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Prinz Kum'a Ndumbe III.
Prinz Kum'a Ndumbe III.Foto: Torsten Seidel

Fast 50 Jahre nichts als Gast zu sein, das wurde ihm am Ende doch zu viel. Den Stuhl vor die Tür gesetzt hat ihn zu schlechterletzt die Deutsche Rentenversicherung 328 Euro Rente, in Deutschland wäre er damit ein Fall für die Stütze geworden. Deshalb hat Prinz Kum’a Ndumbe III. Anfang November Berlin verlassen, seine zweite Heimat, um in der ersten, in Kamerun, ein womöglich würdigeres Leben zu führen.

Er habe in all der Zeit „manchmal verzweifelt“ den Dialog mit diesem Land gesucht, heißt es im Abschiedsbrief an den Regierenden Bürgermeister, der seine Hinterlassenschaft an die Stadt begleitete, darunter die 20 seiner Bücher, die in Berlin entstanden sind. Er bittet darin Wowereit, sie Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen zur Verfügung zu stellen - „zur nachhaltigen Förderung von Toleranz, Vielfalt, Interkulturalität und friedlichem Miteinander“. 

Abitur in München, Studium in Frankreich, zwei Doktortitel

Mit alledem hat Kum’a Ndumbe in Berlin nicht die besten Erfahrungen gemacht. Nach dem Abitur in München und dem Studium in Frankreich, das er in Lyon mit zwei Doktortiteln abschloss, habilitierte sich der Spross einer Herrscherfamilie des Volks der Bele Bele 1989 am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität. Bis 2001/2 vertrat er dort den emeritierten Afrika-Experten Franz Ansprenger. Dann war Schluss; das OSI, Europas größtes politikwissenschaftliches Institut und das einzige deutsche mit einem Afrika-Schwerpunkt, machte ausgerechnet sein Alleinstellungsmerkmal zum ersten Opfer der gewaltigen Sparwelle jener Jahre.

Dass die Sparvorgaben dafür nur ein Vorwand gewesen sein könnten, vermuteten damals nicht nur Kum’a Ndumbe und seine Studentinnen und Studenten. Für ihn war dies das berufliche Aus insgesamt. „Von da an wurden plötzlich alle Türen in Berlin und Deutschland für mich systematisch versperrt“, Unibewerbungen scheiterten ebenso wie Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit. "Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie Professor sind?", musste er sich anhören. Unter anderem.

Er dachte, er könnte bleiben. Ein Fehler?

Nicht nur an der Uni schien man die Expertise des vielsprachigen Afrikaners zu fürchten, der den Kontinent nicht nur beforschte, sondern ihm entstammte und einen scharfen Blick auf das koloniale Erbe gerade der Stadt der „Berliner Konferenz“ hatte, auf der 1884/5 Vertreter der europäischen Hauptstädte ihr Raubgut Afrika unter sich aufteilten. Kum’a Ndumbe, der seit 1994 auch gewählter traditioneller Herrscher seines Volks ist, versuchte etwa jenen Schiffsbug zurückzuerhalten, den die Deutschen in eben jenem Jahr 1884 erbeuteten, als die Kaiserliche Marine den Amtssitz des damaligen Herrschers beschoss, Ndumbes Großvater. Der hatte sich geweigert, einen „Schutzvertrag“ mit Deutschland zu unterzeichnen. Der Bug, bedeutsam für die Riten der Bele Bele, ist seither im Münchner Völkerkundemuseum ausgestellt; auch die Bitte des Enkels um Rückgabe wurde abgeschlagen.   

„Es war vielleicht ein Fehler, dass ich geglaubt hatte, als Afrikaner in Berlin Schriftsteller, Professor, Forscher und sozialer Mitgestalter bleiben und mitmischen zu können“, schreibt Kum’a Ndumbe im Abschiedsbrief für Wowereit. Das freilich stimmt, genau besehen, nicht einmal für den Professor. Denn Kum’a Ndumbes Studentinnen und Studenten, die einst zu Hunderten in seinen Seminaren und Vorlesungen saßen und für sein Bleiben an der Berliner Freien Universität gekämpft hatten, haben schon vor 13 Jahren die Stiftung „AfricAvenir“ ihres Lehrers nach Berlin geholt. Sie widmen sich weiter Kum’a Ndumbes Erbe: mit Afrika, nicht über Afrika zu sprechen und die Wirklichkeit ein wenig bunter zu färben als viele Weiße sie sich noch immer vorstellen können.

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